Nun erfindet sie einen zweiten Krebs

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Rekonstruktion eines Doppellebens : Wie der Tod die Lüge schützt

Die Kollegin, die vier Jahre an einem Forschungsprojekt zur internetbasierten Psychotherapie mit ihr arbeitete: „Sie hat überaus professionell Leute überzeugt.“

Eine Hospiz-Expertin: „Sie hat alles geschickt begründet.“

Eine Psychologie-Professorin: „Sie sollte mit dieser Begabung Schriftstellerin werden.“

Der Sterbebegleiter lobt „Raffinesse und Abgeklärtheit“ und sagt lachend: „Ich wäre zu blöd dazu.“ Ihn erinnert das von Jasmin Zöller errichtete Lügengespinst an den Künstler M.C. Escher, der Bilder und Skulpturen geschaffen hat, an denen nichts ist, wie es scheint: dreidimensionale Labyrinthe mit optischen Täuschungen und perspektivischen Verzerrungen.

Der Kopf wird kahl rasiert

Und als wäre all dies nicht verwirrend genug, erfindet Jasmin Zöller im März 2015 für ihren Lebenskreis „Freunde, Heimat“, für den sie bis dahin kerngesund ist, die Diagnose „Morbus Hodgkin“, eine bösartige Erkrankung des Lymphdrüsensystems. Eine Freundin erfühlt tatsächlich eine angeschwollene Stelle am Hals, geht mit ins Krankenhaus, wo nachgeschaut wird.

Als Tage später Frau Zöller eine Laboranalyse vorzeigt, gehen beide zwei Stunden an der Spree spazieren, weinen miteinander.

Sie fahren gemeinsam zu Mutter und Großmutter, um den Befund und das Chemo-Schema vorzulesen. Die Familie, die von Jasmin Zöller oft als kalt und unnahbar geschildert wurde, kümmert sich umgehend um sie.

Die frisch Erkrankte zeigt soeben gekaufte Chemomützen, die Krebspatienten tragen, wenn die Haare nach und nach ausgehen. Eine grässliche Vorstellung sei das für sie, sie will diese psychische Belastung abkürzen, besorgt einen elektrischen Rasierapparat und lässt sich von der Sterbebegleiterin den Schädel kahlrasieren; die erinnert diese Szene „als einen sehr emotionalen Moment“.

Jasmin Zöller gibt sich, wie so oft, von den Medikamenten geschwächt. Sie wohnt im fünften Stock und schafft die Stufen kaum.

Dem Sterbebegleiter geht das nach einem gemeinsamen Spaziergang zu langsam, er, kein besonders kräftiger Mann, nimmt Jasmin Zöller huckepack und schleppt sie keuchend die Treppen hinauf.

Zwei Wochen vor ihrer Enttarnung ist das – und eine symbolische Szene dazu. Denn unglaublich viele Menschen mühten sich über Jahre hinweg, die Last dieses Lebens mitzutragen.

Ihr Leben hat im Sterben seinen Sinn gefunden

Die meisten tun es aus Mitleid oder weil sie sich verpflichtet fühlen, da die Kranke oft ihre Einsamkeit beklagt. An menschlichen Kontakten mangelte es nicht, im Gegenteil, davon hatte sie viele. Und trotzdem war sie allein, Tag und Nacht allein mit dem Geheimnis ihrer Lüge. Es muss eine enorme Kraft gekostet haben, dieses Geheimnis für sich zu bewahren, über Jahre hinweg und allen vertrauten Menschen gegenüber.

Vielleicht war ja ihr oft kläglicher Zustand, körperlich wie psychisch, Folge eines ungeheuren Drucks, Resultat womöglich auch der Angst, jeden Moment auffliegen zu können.

Andererseits hat ihr Leben doch all die Jahre gerade im Sterben seinen Sinn gefunden.

Was geschieht dann in diesem Jahr 2015? Die vermeintlich Todkranke wird geradezu hyperaktiv.

Zöller hält öffentlich einen Vortrag; sie gibt uns ein ausführliches Interview; sie schreibt an einem Buch über das Sterben, das Ende des Jahres in einem renommierten Verlag erscheinen sollte; ein Monatsmagazin mit großer bundesweiter Auflage druckt ein ganzseitiges Porträt, auf dem leicht verschwommenen Foto ist sie eigentlich erkennbar; sie denkt sich eine neue, zweite Krebserkrankung aus, sie verkompliziert dadurch das ohnehin Komplizierte.

Wächst ihr, der geschickten Arrangeurin, allmählich alles über den Kopf und hofft sie aufzufliegen? Muss sie, wie ein Junkie, die Dosis steigern? Oder ist sie nun wirklich körperlich krank geworden?

Journalisten müssen prüfen

Dem Lebensbereich „Studium, Beruf, Hospiz“ präsentiert sie derweil eine neue Volte: ein Medikament, bislang nur an Ratten und hoffnungslosen Fällen getestet. Es solle bei einer langzeiterkrankten Leukämiepatientin gut anschlagen. Im Nachhinein sieht es so aus, als wäre auf diese Weise eine wundersame Heilung vorbereitet worden. Ein Szenario des Ausstiegs. Zu spät. Am 6. Juli weiß dies auch Jasmin Zöller.

In den Wochen davor waren bei dem einen und der anderen Zweifel entstanden.

Die Kohärenz der Erzählungen bekam Risse. Kleine Widersprüche waren nicht länger zu übersehen. Was letztlich den Anstoß gab und wer das Hospiz über seinen Verdacht benachrichtigte, das bleibt nach allen Gesprächen, die wir führen, immer noch offen.

Bei den Betrogenen beginnt nun die Zeit der Selbstbefragung.

Wie konnte ich nur so naiv sein? Hätte ich nicht …? Psychologen, und das sind viele aus den beiden Lebensbereichen von Jasmin Zöller, sind auf ihr Gespür und ihre Menschenkenntnis ebenso angewiesen wie Journalisten.

Doch während Psychologen ihrem Gegenüber Glauben schenken, sind Journalisten angehalten zu zweifeln, zu hinterfragen, zu prüfen. Haben wir das in ausreichendem Maß getan? Als hätten wir um Absolution gebeten, erreicht uns während der Recherche die E-Mail von einer der stark Involvierten: „Zu Ihrer Beruhigung, es hat so lange NIEMAND gemerkt, dass Jasmin lügt. Wenn wir als Profis das nicht erkannt haben, wie dann Sie beide? Jasmin war einfach perfekt.“

Die perfekte Inszenierung hinterlässt Enttäuschte und Zornige. Von „bösartig“ ist die Rede, von „empathiefrei“, von „emotionaler Ausbeutung“ und „Heuchelei“.

Allein Hunderte von Stunden an Aufmerksamkeit hat sie von den Sterbehelfern gestohlen und damit Todkranken, die diese Betreuung wirklich gebraucht hätten. Andere erinnern sich an lustige gemeinsame Momente mit einer Frau, die so euphorisch beim Fußballschauen sein konnte, so weise, so charmant und freundschaftlich und dankbar. Die auch vielen Menschen viel gegeben hat, so ist das etwa aus dem Hospiz zu hören.

Nur Glauben schenken, das kann ihr nun niemand mehr.

Ihre Aufenthalte in diversen Krankenhäusern? Vermutlich harmlose Eingriffe. Schmerzen und Schwäche? Simuliert oder psychosomatisch. Die Venenkatheter? Attrappen. Die Befunde? Eventuell gefälscht. Die wöchentlichen Besuche bei der Psycho-Onkologin? Zumindest einmal wurde sie dort gesehen.

Wenn es in all dem Schwindel kleine Wahrheiten gegeben haben mag, wen interessieren diese noch? Auch strafrechtlich hat er keine Folgen – niemand hat Klage erhoben.

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