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Grandiose Kulisse. Die Cellisten müssen ständig nachstimmen, weil der Luftdruck geringer ist als in der Berliner Philharmonie.

© Daniele Lira / Trentino Marketing

Musikfestival "I Suoni delle Dolomiti": So klingen Streicher auf 2000 Metern Höhe

Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker haben es bis ganz nach oben geschafft: auf eine Almwiese im Trentino.

Um in ein Konzert zu gelangen, kann man einiges auf sich nehmen. Stundenlanges Anstehen an Vorverkaufskassen, Herumlungern in Foyers bis zur allerletzten Minute in der Hoffnung auf einen spontanen Kartenverkäufer, nächtelanges Sitzen am Laptop, um im entscheidenden Moment den richtigen Button zu drücken. Oder man macht sich auf den Weg zu einem Konzert, für das man gar keine Eintrittskarte braucht. Nur Zeit, um hinauf in der Gebirgswelt der Dolomiten zu gelangen.

In der Nacht zuvor ist ein gewaltiges Gewitter über dem Passo Pellegrino niedergegangen, dem Tor zum Trentino auf knapp 2000 Meter Höhe. Der Tag war selbst für Juli ungewöhnlich warm hier oben, das Thermometer strebte auf 30 Grad zu. Man konnte den Wolken dabei zusehen, wie sie sich formieren, um irgendwann Blitze und Donner zu schleudern gegen die „Bleichen Berge“, wie die Gebirgszüge genannt wurden, bevor sie ihren heutigen Namen nach dem Geologen Déodat de Dolomieu annahmen. Die Seile der Skilifte flackerten im Wetterleuchten, und das Wasser brach aus dem Himmel, als seien alle Gletscherbäche plötzlich umgeleitet. Doch am Morgen strahlen die Farben beinahe übernatürlich über der Passhöhe. Die Wiesen, der Himmel, das Dolomitgestein – und mittendrin ein Klecks in Magenta. Das ist der Wegweiser zum Festival „I Suoni delle Dolomiti“.

Der Cellist Mario Brunello hatte die Idee, Musik in die Berge zu bringen. Geboren im benachbarten Veneto und selbst ein begeisterter Wanderer, ging er mit seinem Instrument Pfade, denen man nur mit Ausdauer und Muße folgen kann. Für den Musiker liegt darin auch der Glaube an eine sanfte Form des Tourismus: „Es ist ein Weg, die Berge zu erleben, ohne dafür erst Hotels und Seilbahnen bauen zu müssen. Die Musik erschafft eine Zukunft für diese Orte, das Auto bleibt stehen, man geht zu Fuß zum Konzert.“

Open air zu spielen, ohne jeden Schatten, ist eine Herausforderung

Brunello verantwortet auch das Programm der aktuellen Ausgabe der „Dolomitenklänge“ (bis zum 31. August), für das er sich eine ganz besondere Eröffnung ausgedacht hat. Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker sind eine der rarsten Formationen weltweit, weil sie nur auftreten können, wenn ihr Orchester nicht probt, konzertiert oder tourt. Viele freie Tage pro Saison gibt es da nicht, und die Musiker können sich aussuchen, wo sie auftreten wollen. Das Musizieren in der Höhe kennen sie bereits, vom Festival in Zermatt unterhalb des Matterhorns, wo philharmonische Kammermusiker das Programm gestalten, auch oben auf der Riffelalp, 2222 Meter über dem Meer. Sie kennen das Gefühl, wenn die Saiten ihrer Instrumente in der dünnen Bergatmosphäre durchzuhängen scheinen. Der Luftdruck ist geringer, und damit nimmt der Widerstand ab, den man braucht, um Schallwellen zu erzeugen.

Aber open air zu spielen, ohne jeden Schatten inmitten der Mittagssonne, das ist etwas anderes. Die Konzerte von „I Suoni delle Dolomiti“ beginnen um 13 Uhr, weil dann das Wetter im Gebirge meist stabil ist und man Zeit für den Auf- und Abstieg hat. Zu jedem Aufführungsort führt ein direkter Weg von einem Parkplatz oder einer Seilbahn, der bis zu zwei Stunden pro Richtung dauern kann. Zusätzlich bieten die Guide Alpine del Trentino vor der Musik Bergtouren in der Umgebung, die zwischen zwei und fünf Stunden dauern, kostenlos nach Voranmeldung für alle Inhaber einer Trentino-Gästekarte.

Die richtigen Schuhe dabei? Hohe Bergstiefel aus Leder wirken hier nostalgisch, unter den Konzertwanderern überwiegen knallbunte Trekkingschuhe, als ob die Dolomiten im Jogginglauf erobert werden wollen. Tatsächlich ist der Weg zum Ort, an dem die 12 Cellisten das Festival anstimmen, ein leichter. Selbst drei Elektrorollstühle sind auf der Schotterpiste unterwegs, zum Konvoi verbunden und von Begleitern über Hindernisse bugsiert. Ziel ist eine Wiese unweit des Rifugio Fuciade, eine Stunde vom Passo Pellegrino entfernt, unterhalb der Manzoni-Gipfelgruppe im Val di Fassa. Aus der bewirtschafteten Schutzhütte hat sich ein ganzjähriger Anziehungspunkt für Hungrige entwickelt, im Winter holt der Wirt seine Gäste per Schneeraupe zum Abendessen ab.

Es kostet Kraft, das Dutzend harmonisch beieinanderzuhalten

"Bosco che Suona", der Klangwald im Val di Fiemme. Aus dem Holz ganz bestimmter Rotfichten werden Geigen und Klaviere gebaut.

© visitfiemme.it

Typische Slow-Food-Produkte aus dem Val di Fassa kommen im Rifugio auf den Tisch: Canederli, Speckknödel mit zerlassener Butter und Spitzkohl oder Ciajoncie, Ravioli aus Roggenmehl, gefüllt mit Feige, Mohn, Zimt und Birne. Von den Wänden glotzen die Holzmasken, mit denen der Ladiner Fasching gefeiert wird, wilde Waldmänner mit stierem Blick und hohlwangige Hexen, geschnitzt aus Zirbelkieferstämmen. Und der langnasige Buffone, der schamlos die Verfehlungen anderer öffentlich macht. Bei diesem Koch wird er den Schnabel halten müssen.

Auf dem Gebirgszug, der sich über der Konzertwiese von Fuciade erstreckt, verlief im Ersten Weltkrieg die Front zwischen Österreich-Ungarn und Italien, Ort zermürbender Höhenschlachten, fataler Lawinenunglücke und rettender Tunnel. In Moena erinnert eine Ausstellung an die groteske Zuspitzung von Kampfhandlungen inmitten der Dolomiten.

Die Sonne steht hoch, nur wenige Wolken werfen wandernde Schatten auf die Berge. Vielleicht 2500 Menschen lagern hier im Gras, eine gute Philharmonie-Füllung. Platz ist reichlich vorhanden, es riecht nach Kräutern, Sonnenmilch und dampfenden Funktionssocken. Die 12 Cellisten kämpfen mit der direkten Wärmestrahlung, die auf ihre empfindlichen Instrumente niedergeht. Ludwig Quandt, der erste Solocellist, bittet die Zuhörer um Verständnis: „Wir müssen ständig nachstimmen, und die Kollegen auf der rechten Seite spielen schon am Anschlag.“ Es kostet Kraft, das Dutzend harmonisch beieinanderzuhalten, in den ausgefeilten Arrangements auf jede kleine Verstimmung im Ensemble zu reagieren, auch nur die Noten im gleißenden Licht zu erkennen.

In „Bosco che Suona“ fand Stradivari das Holz für seine Geigen

Nach einem alten, langsamen Tanz, der Pavane von Gabriel Fauré, wechseln die Cellisten zu einer Rumba, um sich schließlich ganz dem Tango zu ergeben. Sehnsuchtsklänge wallen über die Wiese, weitergetragen von vier kleinen Lautsprecherboxen. Auch wenn Mario Brunello in den Dolomiten das Gefühl hat, „direkt nach oben zu spielen“: Die akustische Unterstützung einer Bergwiese ist gleich null. Dafür wandert der Blick hoch auf den Col Margherita, wo auf 2560 Metern demnächst ein Sonnenaufgangskonzert stattfindet, um sechs Uhr. Die Seilbahn, von Passo Pellegrino aus, hilft mit, dieses frühe Ziel auch tatsächlich zu erreichen.

Nach ihrem Auftritt erwartet die 12 Cellisten ein ganz besonderes Klang-Rendezvous, ein Tal weiter das Flüsschen Avisio abwärts, im Val di Fiemme. Dort steht über dem Ort Predazzo ein außergewöhnlicher Wald aus Rotfichten, die bis zu 40 Meter kerzengerade in den Himmel aufragen und bis zu 400 Jahre alt werden. Diese Bäume bergen einen Schatz, den jeder Musiker kennt: Resonanzholz, wie man es für den Instrumentenbau braucht. Antonio Stradivari soll hier das Baumaterial für seine Geigen gefunden haben. In einem normalen Wald ist die Chance, einen Baum mit Resonanzholz zu schlagen, 1:1000. Im Forst der Magnifica Communitá di Fiemme beträgt sie 1:10. Ob man Glück hat, weiß man erst, wenn der Baum gefällt wurde. Nach der Tradition bei abnehmendem Mond, dann reißt das Holz weniger leicht. Hatte man Pech, taugten die Stämme noch für die Stützpfeiler der Palazzi von Venedig.

Sie sollen sich eine Klangfichte aussuchen, die künftig ihren Namen trägt

Auch der Korpus von Mario Brunellos Cello wurde hier, in diesem langsam wachsenden Bergwald, geboren. Ein Vierteljahrhundert hat Brunello auf seinen Klang hingelebt, dann erst konnte er das Instrument in den Händen halten, als sein Vorbesitzer das Musizieren aufgab.

Erschöpft von ihrem sonnensatten Auftritt machen sich die Cellisten auf den Weg in den „Bosco che Suona“, wo die Pfade zu schmal sind für einen Tourbus. Wie andere Festival-Musiker vor ihnen, sollen sie sich eine eigene Klangfichte aussuchen, die künftig ihren Namen trägt und zu klingen beginnt. Waldwanderer können dann per App auf Smartphone oder Tablet die Musik der 12 Cellisten hören. Mario Brunello hilft bei der Auswahl, und schließlich umringen die sie einen Baum, bilden einen klingenden Kreis, spielen noch einmal Faurés Pavane und blicken mit leichtem Lächeln hinauf in die sich wiegenden Wipfel.

Reisetipps für Trentino

ANKOMMEN

Das Trentino ist per Mietwagen von den Flughäfen in Venedig, Treviso, Verona oder Innsbruck nach je etwa zweieinhalb Stunden Fahrt zu erreichen. Mit der Bahn geht es mit dem ICE nach München – und dann viereinhalb Stunden weiter bis Trient (Sparpreis Europa im August noch möglich). Flixbusse erreichen Trient von Berlin aus nach gut 13 Stunden für etwa 60 € pro Fahrt (je nach Spontanität der Buchung).

UNTERKOMMEN

Auf dem Pass: Hotel Monzoni, 4 Sterne, traditionsreiche Bergherberge am Passo Pellegrino. hotel-monzoni.it

In der Stadt: Hotel Excelsior, 4 Sterne, in historischem Palazzo mit Flügel, mitten im angenehmen Cavalese. excelsiorcavalese.com

RUMKOMMEN

Alle weiteren Informationen über das hochgelegene Musikfestival, das bis einschließlich 31. August läuft: isuonidelledolomiti.it

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