"Ich hab Angst, was falsch zu machen."

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Teenie-Eltern in Berlin : Minderjährig, verliebt - und schwanger
Melli fühlt sich ungerecht behandelt - von der Frau beim begleiteten Umgang und von Justin.
Melli fühlt sich ungerecht behandelt - von der Frau beim begleiteten Umgang und von Justin.Illustration: Birgit Lang

Mellis dünne Beine tragen diesen Bauch durch die Hochsommerhitze, rüber zum Burger King, auch so eine Art Jugendclub. Sie und Justin bestellen Hähnchennuggets, Pommes, Cola. Melli zieht dicken Milchshake durch den Strohhalm.

Wasser in den Beinen: Kennt sie nicht. Sodbrennen, Schlafstörungen? „Hmm, eigentlich nicht. Mir geht’s gut“, sagt Melli. „Als ob ich immer ein bisschen viel gegessen hätte.“ Es reicht jetzt trotzdem bald mal mit dem Schwangersein, findet sie. Sind sie und Justin allein, dann sagt er: „Drei schöne Kugeln.“

Wenn Melli zwischen den beigefarbenen und hellgrauen Wohnblöcken entlangläuft, zwischen Basketballplatz und Tram-Haltestelle, dann zündet sie sich manchmal eine Zigarette an. Drei Stück am Tag, das ist die erlaubte Dosis, sagt sie. Justin, der alles kontrolliert, nickt. Er zieht die Packung aus seiner Tasche und zählt ab. Ja, eine geht noch. Melli verdreht die Augen, doch sie grinst dabei. Ist auch schön, wenn sich jemand kümmert. Melli und Justin sind ein Team.

Aber die Leute, echt ein Problem. Sie gucken komisch, glotzen auf den Bauch und auf die Zigarette. Was wissen die schon? „Meine Ärztin sagt, das ist in meinem Fall besser als ganz aufzuhören.“ Vor der Schwangerschaft hat Melli viel geraucht, bestimmt eine Packung am Tag. Als aus der Ahnung eine Gewissheit wird, dass da etwas in ihr wächst, das mal einen Namen haben wird, ist es zu spät, ganz aufzuhören. Ihre Ärztin erklärt, der komplette Entzug wäre zu anstrengend für sie und das Baby. Sollen die Leute halt schauen. „Also, hast du mal ein Feuer?“

Wieder bei Mama einziehen? Kommt nicht infrage

Würde Melli woanders leben, wäre diese Geschichte vielleicht ganz anders verlaufen. Schwangere Mädchen unter 18, sagt eine Beraterin von Pro Familia, gibt es in allen Berliner Bezirken. Arm oder reich, egal. Aber in Zehlendorf kommen die Babys nicht auf die Welt.

Melli lebt nicht in Zehlendorf, und abtreiben kam für sie nicht eine Sekunde infrage. Hast du nicht mal darüber nachgedacht? Sie dreht das Nasenpiercing zwischen ihren Fingern.

Reden. Das, was da gerade passiert, in Worte fassen. Nicht einfach. Obwohl sie gern will.

Ein paar Tage später piept das Handy. Melli.

„Könntest du mir nicht ein paar Fragen über WhatsApp stellen? Das ist leichter für mich.“

„Klar. Wie geht’s dir?“

„Ich hab’ Wehen, am Geburtstag von Justins Mutter.“

„Geht’s los?“

„Nein, erst, wenn sie alle zehn Minuten kommen. Ich glaub, noch ’ne Woche. Sie kann sich Zeit lassen.“

„Obwohl du ja meintest, du hast keinen Bock mehr.“

„Ich hab Angst, was falsch zu machen.“

„Was denn?“

„Keine Ahnung.“

Und dann später doch: Melli sagt, sie habe Angst vor der Zeit nach der Geburt. Dass die Betreuer im Mutter-Kind-Heim oft eingreifen müssen. Aber wieder bei Mama einziehen? Kommt nicht infrage. Bevormundet werden ist das Letzte, was Melli will.

"Wusstest du, dass Babys ihre eigene Pisse trinken?"

Meistens, in diesen Tagen vor der Geburt, ist sie zuversichtlich, sie werde das schon alles hinkriegen. Sie ist keine von diesen Mamas, die alles aufsaugen, was sie zum Thema Schwangerschaft in Onlineforen und in Büchern finden können. Keine von diesen Babykursbesucherinnen, Schwangeren-Yoganistas, autodidaktischen Laktationsexpertinnen. Hier und da schnappt Melli etwas auf. „Wusstest du, dass Babys vom Fruchtwasser trinken? Ihre eigene Pisse.“

„Melli, was meint die Ärztin, wenn sie sagt, es läuft noch nicht alles optimal bei dir?“

„Keine Ahnung.“

„Warum hat das Baby im Bauch vielleicht aufgehört zu wachsen?“

„Da fragst du die Falsche, ich verstehe bei der Ärztin nur Bahnhof.“

Mellis große Schwester ist ebenfalls jung schwanger geworden. Ihre Mutter hat sich darüber nicht gefreut. Irgendwann war die Schwester weg, mitsamt dem Kind. Auch Mellis Papa fehlt. Wo ist er jetzt? Melli sagt nichts, scrollt durch ihre WhatsApp-Nachrichten.

Pärchen-Selfies, Liebesbriefe und Streitereien

Ende Juli schickt Melli ein Handyfoto. Mit einer App hat sie eine pinkfarbene Schleife über das Bild gelegt, dort, wo sonst der BH zu sehen wäre. Ihr Bauch gleicht einem überdimensionalen Hühnerei, auf dem sich feine dunkle Risse abzeichnen. „Die gehen bis runter zu den Beinen.“ Es stört sie nicht, sagt sie.

Was sie stört: Justin schafft es nicht, sich einen Job zu besorgen. Die Eisdiele im Center, bei der er anfangen wollte, hat er nicht gefunden, das Vorstellungsgespräch verpasst. So eine Eisdiele in einem Einkaufscenter, die findet man doch? Er ist einfach faul, sagt Melli, wenn er es richtig gewollt hätte, hätte er es weiter versucht. Hilfst du ihm ein bisschen? „Ist nicht mein Bier.“

Streiten, irre verknallt sein, sich anmotzen, immer aufeinanderglucken. Der Ausnahmezustand ist der Normalzustand. Die beiden schießen Pärchen-Selfies, vor dem Spiegel, auf dem Sofa, er steht hinter ihr, sie macht einen Kussmund. Auf einem Schwarz-Weiß-Foto hält Justin Mellis Bauch. Er ist so verliebt. Die Zimmerwand, die ihm gehört, hat er mit Briefen von Melli tapeziert. Sie schreibt „Schatz“ und malt drum herum Herzen. Die andere Wand gehört Justins Schwester. Die Wohnung seiner Mutter ist klein. Kein Platz für ein Baby, auch nicht für ein sehr winziges.

Als die Fruchtblase platzt, ist Justin dabei

In der 40. Schwangerschaftswoche revidiert die Ärztin ihre Schätzung, dass das Mädchen nicht altersgemäß gewachsen ist – 52 Zentimeter, fast 3200 Gramm. Alles normal. Melli freut sich. Sie ist gerade aus der WG ins Mutter-Kind-Heim umgezogen. In den letzten Tagen, bevor Lotte kommt, darf Justin ausnahmsweise auch hier wohnen. Melli erhält jetzt 64 Euro Taschengeld, mit denen sie machen kann, was sie will. Dazu gibt es kleine Beträge für Hygieneartikel, Kleidung, Lebensmittel. Erwachsensein light. Irgendwann, sagt Melli, hätte sie gern eine eigene Wohnung.

Als die Fruchtblase platzt, am 5. August 2016, ist Justin dabei. Alles geht so schnell. 38 Minuten Presswehen. Gegen Ende verliert Melli das Bewusstsein. Eine Stunde später schickt Justin ein Handyfoto. Da ist sie.

Kein süßes Duckface auf Mellis Gesicht. Kein austarierter Winkel, keine fancy Filter. Die Linse ist ganz nah dran, an diesem grellroten Bündel, das behandschuhte Hände gerade auf Mellis Brust legen. Zwei angestrengte Schlitze, wo die Augen sind, ein schreiender Mund. Und Mellis Hand, vorsichtig über dem Kind, sie berührt es nicht ganz. Aus ihrem Handrücken hängt eine Kanüle. Später wird sie sagen, dass sie sich an nichts erinnern kann. Das Foto ist völlig verwackelt. Hat Justin gezittert?

Manchmal zuckt Lotte, ein Krampf schüttelt sie

In den Tagen danach kommen weitere Fotos: Lotte mit herausgestreckter Zunge. Ganz die Mama, meint Justin. Lotte auf Mellis Bauch, Lotte auf Justins Bauch. Melli ist schwach, kann in den ersten drei Tagen kaum aufstehen, Lotte nicht selbst aus dem Beistellbettchen nehmen. Sie ist jetzt nicht mehr nur Melli, sie ist Mama. Daran muss sie sich gewöhnen, aber es geht schnell. Lotte macht es ihr leicht, sie schläft viel, schreit kaum.

Melli und Justin schieben bald den Kinderwagen vom Mutter-Kind-Heim rüber zum Supermarkt. Eines der anderen Mädchen aus dem Heim hat ein nagelneues Modell, schlichtes Design, die Bremse lässt sich leicht wieder lösen. Melli kann über ihren Kinderwagen nichts Gutes sagen, die Bremse klemmt. Immerhin hat er nichts gekostet, ein gebrauchtes Modell, geschenkt.

Im Heim belegen Melli und Lotte zwei Zimmer, die miteinander verbunden sind. Lotte liegt oft auf Mellis Bett und schläft fast rund um die Uhr. Manchmal zuckt sie, ein Krampf schüttelt ihren Körper. Das geht vorbei, sagt Justin, während er nach Windeln sucht. Das ist der Nikotinentzug.

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