Wellnessurlaub in Tessin : Der Lago Maggiore ist ein Stimmungsaufheller

Sanftmütig werden von Solebad und dem Blick auf Kamelien unter schneebedeckten Bergen. Danach ein butterweiches Ossobuco.

Dampfbad. Angenehm benebelter Blick vom Solepool der „Termali Salini & Spa“ auf den Lago Maggiore.
Dampfbad. Angenehm benebelter Blick vom Solepool der „Termali Salini & Spa“ auf den Lago Maggiore.Foto: Aqua-Spa-Resorts

Es gibt Menschen, die machen einen schlimmer, als man ist. Sie müssen sich gar nicht sonderlich anstrengen dafür, in ihrer Gesellschaft reagiert man ganz schnell engstirnig, aufbrausend, gereizt. Und dann gibt es die anderen, die kitzeln automatisch das Beste aus einem heraus, in ihrer Gegenwart ist man gelassen und unkompliziert.

Orte haben eine ähnliche Wirkung. Jetzt zum Beispiel, in diesem Moment. Statt, wie üblich, zu trampeln, schreitet man grazil durchs badewannenwarme Wasser, schwebt aus der Innenhöhle der Therme raus in den Infinitypool. Erst lässt man sich ein bisschen beblubbern, um dann zur anderen, ruhigeren Seite zu wechseln, sich an den Beckenrand des Solebads zu hängen, Füße und Schenkel ein wenig vom Wasserstrahl massieren zu lassen, und instantentspannt, die Aussicht auf den Lago Maggiore zu genießen, die salzgeschwängerte Luft zu inhalieren. Man wird ganz sanft.

Noch eine Viertel-, eine halbe Stunde, wer will denn whirlpoolen oder dampfbaden, wenn er hier, selber dampfend bei 35 Grad, schweben kann? Man kann sich nicht sattsehen am Panorama des weiten Sees, eingefasst von schneebedeckten Bergen, in der Ferne ein Naturschutzgebiet, in der Nähe Trauerweiden mit zartem Grün. Digital detox ist im Preis inbegriffen, Handys sind im Termali Salini & Spa Locarno verboten.

Alles fing mit einer Enttäuschung an

Die Therme, 2013 eröffnet und das größte Natursolebad im Tessin, ist eine Wohltat für die Augen. Nicht nur für jene, die Eintritt zahlen. Locarno, so malerisch gelegen an den Ufern und Hängen des Lago Maggiore, hat sich neubautechnisch ganz schön versaut. Ferienapartmenthäuser ohne jeden ästhetischen Anspruch säumen das Ufer gerade an der Westseite. Hier zählt nur eins: die Aussicht der Bewohner. Das Befinden der Passanten ist diesen völlig gleich. Das Lido dagegen – Therme für Erwachsene am einen, Familienbad am anderen Ende – übt geschmackvolle Zurückhaltung, macht sich lang und flach. Die Baumaterialien kommen aus der Natur, Holz, Stein, Kiesel, Bambushecken.

Dabei fing alles mit einer Enttäuschung an: Der versprochene Frühling im Tessin ist noch gar nicht da. Der Schweizer Kanton liegt zwar fast in Italien, doch auch ziemlich hoch. Ende März sind die Bäume so kahl wie in Berlin.

Mit Ausnahmen. Die Stechpalmen, immergrün und allgegenwärtig im Tessin, versetzen Feriengäste sofort in Südseelaune. Und die Kamelien und Magnolien blühen bis Ende April in einer Fülle und Höhe, dass auswärtige Hobbygärtner ganz bleich werden. Der Kamelie, inzwischen eine Art Wappenpflanze Locarnos, wurde ein ganzer Park gewidmet, samt kleinem Festival, ein paar Minuten zu Fuß vom Lido entfernt. Die Besucher schlendern durch den labyrinthischen Hain, in dem die Kinder im Sommer verstecken spielen. Dann sind die meisten der jetzt so üppigen, an Rosen erinnernden Blüten in weiß, rot, rosa, gelb, längst Kompost.

Da steht er, der Herr über den Park. Aus der Ferne sieht Daniele Marcacci aus wie ein Gartenzwerg. Ziegenbart unterm Kinn, grüner Overall über dem Bäuchlein, die rote Gartenschere steckt in der Colttasche. Was das für ein Mensch sei, der Kamelien liebt? „Ein sympathischer.“ Die Natur, sagt der Stadtgärtner von Locarno, „ist gut für die Augen und“ – er greift sich an die Brust – „das Herz.“ Kaum hat er es ausgesprochen, stockt der 62-Jährige einen Moment, der Stress habe auch bei ihnen zugenommen, Kürzungen bei den Mitarbeitern. Die Stechpalme zum Beispiel bedeutet Arbeit, die ihm wenig Spaß zu machen scheint – ein Eindringling, der beschnitten werden müsse. Dann besinnt er sich schnell wieder auf seine Fröhlichkeit.

Saurer Boden lässt Kamelien üppig gedeihen

Es gibt viele Studien über die wohltuende Wirkung der Natur, dass Klinikpatienten schneller genesen, wenn sie vom Bett aus ins Grüne gucken, wie gesundheitsfördernd Waldspaziergänge wirken. Die Parkbesucher, die sich einen Stuhl geschnappt haben, um in der Sonne auf den plätschernden See zu schauen, brauchen für diese Erkenntnis genauso wenig wie Daniele Marcacci eine Studie. Ein kleiner Junge trägt eine Stange Schilf, größer als er selbst, triumphierend vor sich her, um sie in den Sand zu pflanzen. Sein großer Bruder schlägt Purzelbaum. Mehr passiert hier nicht. Der Rest ist: gucken.

Saurer Boden und ein besonderes Mikroklima lassen Kamelie, Magnolie, Azalee und Rhododendron im Tessin so üppig gedeihen; Locarno gilt mit 2300 Sonnenstunden als wärmste Stadt der Schweiz. Eine Ureinwohnerin freilich ist die Kamelie nicht, sondern Asiatin, aus der Familie der Teestrauchgewächse.

Ihre Verwandten stehen im Park des Monte Veritá, oberhalb des nahen Ascona, einst Fischerdorf, heute 5-Sterne-Hotel-Metropole. Eine ganze Plantage! In der Schweiz! Stolz zeigt Corinne Denzler, die mit ihrem Mann die Casa del Tè betreut, die Bäumchen. Deren Ernte allerdings fällt mager aus: zwei Kilo im Jahr. Die Blätter werden 20-Gramm-weise verkauft, macht 37 Franken. Wer zur eigenen Entschleunigung an der Teezeremonie teilnimmt, bekommt Asiatisches, manchmal auch Ostfriesisches serviert.

Vor 100 Jahren noch sollten die Gäste der legendären lebensreformerischen „vegetabilen Cooperative“ Kaffee, Tee, Tabak und Alkohol abschwören, an Licht und Luft, Rohkost und Tanz genesen. Zurück in Locarno, labt man sich ganz unreförmerisch in einem Grotto, der tessinischen Form des Ausflugslokals, an stärkerer Kost – butterweichem Ossobuco. Dazu den für die Gegend typischen weißen Merlot, von dem man gar nicht wusste, dass es ihn gibt. Aus dem Al Grottino in Orselina kommend, liegt unter einem der im Schein der Lichter funkelnde See. Zurück zum Hotel, passenderweise Belvedere genannt, dessen Zimmer alle nach Süden raus gehen, hier nächtigen Schauspieler, Regisseure und Jurymitglieder des sommerlichen Filmfestivals. Bella vista, vista, vista.

Mit dem Bus zur Gärtnerei Eisenhut

All das hat seinen Preis. Für einen Cappuccino zahlt man in Locarno vier, fünf Euro, dafür gibt es im nahen Italien schon mal ein ganzes Frühstück. Knapp 65 Kilometer lang erstreckt sich der Lago Maggiore; nur der kleinere und teurere Teil gehört zur Schweiz.

Spazierengehen ist umsonst, besonders nett auf der Promenade in Locarno-Muralto. Auch für die öffentlichen Verkehrsmittel muss man als Übernachtungsgast nichts zahlen. Wer im Hotel, in der Jugendherberge oder auf dem Campingplatz schläft, erhält das Ticino Ticket gratis, mit dem man zudem Ermäßigungen, etwa in der Therme oder bei der Bootsfahrt, bekommt. Auf zum anderen Ufer! Rüber nach Magadino, weiter mit dem Bus zur Gärtnerei Eisenhut. Reto Eisenhut, rotes Sweatshirt, breite Koteletten, Erbe des Betriebs, entpuppt sich beim Erzählen als Entertainer.

Sein Vater hat Kamelien, Azaleen und Rhododendren noch tiefgefroren aus den USA eingeführt. Und heute? Der 49-Jährige prahlt mit den Zitrusfrüchten, die jetzt zu ihren Spezialitäten gehören, „in den Alpen!“, beschwert sich über die Tessiner Bürokratie und die Nachbarin, die ihre hohen Bäume nicht schneiden lässt, welche den Blick auf den See versperren, „wie eine Wand!“. Und schickt die Besucher dann los, auf dass sie den angeschlossenen botanischen Garten besichtigen. Es ist nicht der einzige, in Corona und auf den Brissago-Inseln gibt es ebenfalls einen. Der Eisenhut’sche hat eine der größten Magnoliensammlungen der Welt. Die Wege durch die dichte Bepflanzung habe er für die Liebespaare extra verbreitern lassen, erzählt der Chef. Wie hieß noch eine der ungezählten Kamelien im Park von Locarno mit ihren schillernden Namen? Happy Holidays.

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