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Verseucht. Das Solarboot schippert einsam vor sich hin. Baden, Segeln, Tauchen sind diesen Sommer verboten.

© Caroline Martin

Obersauer Stausee in Luxemburg: Wie Blaualgen einen Sommer ruinieren

Für ein ganzes Land ist er eine Erinnerung: an Sonnenbrand, Urlaubsliebe, Zwetschgenschnaps. Nun darf keiner mehr im Obersauer Stausee baden.

Patrick Thommes nimmt seinen Sohn an die Hand und blickt über das Wasser. Der Obersauer Stausee schimmert grünlich. Es ist still am beliebtesten Badesee Luxemburgs. Immer wieder schiebt sich die Sonne durch die Wolken, wenn sie es schafft, brennt die Haut. „Wegen des tollen Wetters haben wir dieses Jahr keine Urlaubsreise gebucht. Wir wollten unsere Ferien hier am See verbringen“, sagt Thommes.

Dann kam der 25. Juli.

„Die Blaualgen sind zurück“, titelt die Tageszeitung „L’Essentiel“ an jenem Tag. Und das „Luxemburger Wort“ schreibt: „Die Badesaison könnte regelrecht ins Wasser fallen.“ Kein Badebetrieb, kein Wassersport. Alles verboten. Nach dem 25. Juli war der luxemburgische Sommer nicht mehr der gleiche. Denn ein Sommer ohne Obersauer Stausee? Unvorstellbar.

An warmen Tagen rollen aus allen Himmelsrichtungen die Autos zum See. Aus Luxemburg-Stadt braucht man über kleine, gut geteerte Landstraßen eine knappe Stunde, dabei durchquert man das halbe Land. Und dann geht frühmorgens der Kampf um die Parkplätze los. Wer zu spät kommt, muss am Straßenrand wild parken und zum Wasser laufen. Aber irgendwie gehört der beschwerliche Weg durch den Wald, hinunter zu einem der Wiesenstrände, zum Stausee dazu. Dann werden Weber-Grills aufgebaut, Kühltaschen im Schatten versteckt, der Fußball aus der Tasche gekramt.

Kein Badebetrieb wegen Blaualgen?

„Ungefähr so hatten wir uns den Sommer auch vorgestellt“, sagt Patrick Thommes, ein kleiner Mann mit schwarzen Locken, blauen Augen und tätowierten Knöcheln. „Jetzt ist der See verseucht.“ Nur eine Aktivität gibt es noch: das Solarboot, ein Ausflugsboot, das vom nahen Naturpark und durch Sonnenenergie betrieben wird. In dem sitzt Thommes an diesem Tag mit seinem Sohn, der Kleine brav in gelber Kinderschwimmweste und ein bisschen aufgeregt, es ist seine erste Fahrt.

Kein Badebetrieb wegen Blaualgen? Für Berliner Augen und Ohren sieht und hört sich das nicht unbedingt wild an. Schließlich zieht sich auch über Müggelsee und Dahme regelmäßig der grüne, schwammige Film, der Durchfall verursacht und der Leber schadet. Aktuell warnt das Landesamt für Gesundheit und Soziales vorm Schwimmen an zwölf der 39 Berliner Badestellen. Es gibt jedoch genug Alternativen, hier sind die Blaualgen also nicht problematisch.

In Luxemburg sind sie es wohl. Denn das ganze Land verfügt nur über drei Badegewässer: den Stausee, einen Baggerweiher am südöstlichen Dreiländereck zu Frankreich und Deutschland und den See von Weißwampach an der Nordspitze des Landes. Und der ist auch algenverseucht. Für Luxemburg bleibt genau eine Bademöglichkeit in der Natur übrig. Eine für 600 000 Einwohner und eine Fläche zweieinhalb Mal so groß wie Berlin.

Der Obersauer Stausee ist eine Institution

Das Boot schaukelt am „Fuussefeld“ vorbei, dem Fuchsfeld, dem größten der fünf Strände. Dann um eine der vielen Windungen des Stausees, der keine klassische runde Form hat, sondern aus der Vogelperspektive aussieht wie das Resultat von missglücktem Silvester-Bleigießen.

Am Steuer des Schiffs steht Jang Rickal, ein großer, schlanker Mann Anfang 20. Mit Pulli, Jeans und den khakigrünen Sneakers sieht er überhaupt nicht aus wie ein Kapitän. Ist er ja auch nicht, es ist sein Sommerjob, eigentlich studiert er in Innsbruck. Aber wenn er, der zehn Kilometer vom See entfernt aufgewachsen ist, über das Gewässer redet, klingt er wie ein alter Seefahrer.

„Als Kind bin ich bei jeder Gelegenheit hergefahren, mit meinen Eltern oder mit dem Fahrrad. Als der Erste im Freundeskreis dann den Führerschein hatte, haben wir uns hier ständig die Zeit vertrieben“, erzählt er. Patrick Thommes erzählt ähnliche Geschichten. Wie er, obwohl er am anderen Ende des Landes aufwuchs, an der Mosel, jeden Sommer zum Stausee fuhr. Zum Kajakfahren. Zum Schwimmen. Zum Grillen. Alle Luxemburger kennen solche Geschichten. Der Obersauer Stausee ist eine Institution. Mehr als ein Badeort.

Bis heute hält sich die Legende, ganze Dörfer seien abgesoffen

Für die Luxemburger ist er eine Erinnerung. An erste Urlaubslieben, an Sonnenbrände. An die holländischen Jungs, die jedes Jahr mit ihrem Campingwagen herkamen wie so viele der Touristen, die man hier traf und jeden Sommer am gleichen Ort wiedersah. An eine unbeschwerte Jugend, an erste Erfahrungen mit dem lokalen Simon-Bier, mit Moselwein oder einer „Quetsch“, dem typischen Zwetschgenschnaps. Auch das trägt für viele Luxemburger zum Mythos „Stau“ bei.

Dabei war der See bei seiner Konzeption nicht als Badeort, sondern vor allem zur Lösung der luxemburgischen Trinkwassersorgen gedacht. In den 1950er Jahren entschloss man sich, im Tal des Flusses Sauer einen Staudamm anzulegen. Einige Jahre lang wurde gebaggert und gebaut und dann, 1959, wurde geflutet. Bis heute hält sich die Legende, dass ganze Dörfer unter dem Wasser verschwunden seien. Tatsächlich standen sechs Mühlen und zwei Häuser auf dem Grund, und niemand lebte mehr drin.

Es dauerte nicht lange, und der Stausee wurde zu einem Tourismusmagnet. Vor allem aus den Nachbarländern Belgien, Frankreich und Deutschland kamen die Leute, aber eben auch aus den Niederlanden. Die Luxemburger selbst verbrachten lange Zeit ihre Urlaube dort, mit Baden, Segeln, Tauchen, all den Dingen, die in diesem Sommer nicht möglich sind.

Einige Male geht es gut, dann landet er im Wasser

Die Blaualgen sind zurück. Die Gift-Bakterien können Tiere und Menschen gefährlich werden.

© Getty Images/iStockphoto

Am nächsten Wiesenstrand will Jang Rickal einige Passagiere abladen. Wer genug auf dem Wasser geschunkelt hat, kann um den See spazieren. Dafür sollte man genug Zeit einplanen, der Rundweg ist 42 Kilometer lang, Marathondistanz. Das Boot gleitet zum Ufer, aber Rickal nimmt die Kurve zu spät und kracht in den schwimmenden Plastiksteg. Etwas beschämt setzt er zum zweiten Versuch an, erfolgreich. „Das war der Vorführeffekt“, sagt er und muss dann selber lachen. Den Vorführeffekt gibt es ja nur, wenn auch jemand da ist, dem man etwas vorführen kann.

Auf der Wiese sonnen sich jedoch nur ein paar Kanadagänse, Nutznießer der Algenplage. An einem normalen Sommertag hätten die Vögel niemals Platz gehabt zwischen Hunden, Herrchen und Handtüchern. Sie kämen nicht mal in die Nähe des Grüns, wenn ständig Strandbälle über Volleyballnetze flattern und Magnum-Eis geleckt wird. Vielleicht wäre es die laute Musik, die aus immer kleiner werdenden Boxen die Gänse vertreiben würde. Oder die Rufe eines Segellehrers.

Das Dörfchen Liefringen am Stausee hat weniger als 100 Einwohner und ist Hauptsitz des Yacht Club Luxembourg. Normalerweise schlüpfen hier Segler in Neoprenanzüge und verdrücken in der Mittagspause ihre Wurstbrote. Jetzt hängt in den Fenstern des Gebäudes nur eine ausgedruckte DIN-A4-Seite: „Der YCL sieht sich gezwungen, seine Aktivitäten auszusetzen, bis die Situation sich verbessert.“

„Hab’ nichts in den Mund bekommen“

Dutzende Segelboote liegen kopfüber am Ufer, traurig verstaubt, recken ihren Rumpf in Richtung Sonne. Keine Kinder, wie sonst in den Sommermonaten, die Knoten lernen und ihre ersten Segel setzen. Keine Ausbilder, die vom Ufer aus ihre Anweisungen schreien, mit den Armen herumfuchteln und mit einem lauten „Merde!“ kommentieren, wenn mal wieder einer der jungen Schützlinge gekentert ist.

Ein Segelboot, Modell RS800, ist trotz des Verbotes auf dem See unterwegs, zwei Personen Besatzung, es steht voll im Wind. Marco Speyer und sein erwachsener Sohn Michel lösen das dreieckige Vorsegel, düsen einige hundert Meter mit voller Geschwindigkeit über den See. Bei normalem Betrieb würde das niemals gehen, viel zu viel Wasserverkehr. Während der Vater hinten steuert, hängt sich der Sohn ins Trapez. Bloß nicht umkippen, nicht in den Blaualgensee. Einige Male geht es gut, bis es dann nicht gut geht. Und Marco Speyer im Wasser landet.

„Hab’ nichts in den Mund bekommen“, sagt er ein paar Minuten später, als er für eine Pause anlegt. Speyer segelt schon seit 30 Jahren hier. „Ich habe mich über die Algen informiert und entschieden, dass ich trotzdem ins Wasser gehe.“ Die Polizei kontrolliere eh nicht, sagt er. Von denen würden die meisten selbst segeln. Dann springt er zurück ins Boot, weiter geht’s.

In diesem Sommer ist alles anders

An einem normalen Sommertag am Oberstausee wäre für die Segelschüler jetzt langsam Feierabend. Sie würden sich aus ihren Neoprenanzügen schlängeln, noch mal ins Wasser hüpfen, die Füße vom Steg baumeln lassen. Sie würden ein Mandeleis am Stiel kaufen und von einem Bademeister ermahnt werden, der wie Jang Rickal in seinen Semesterferien hier was dazuverdient. Der Grill würde endlich angezündet werden, Halloumi schwitzen, Mettwürste würden brutzeln. Den ganzen Abend sitzen bleiben, erst spät in der Nacht Richtung Luxemburg-Stadt zurückfahren, das gehört dazu. Ein normaler Tag am Stausee wird lange im Voraus geplant und bis zum letzten Moment genossen.

Aber dieser Sommer am „Stau“ ist eben nicht normal.

Reisetipps für Luxemburg

Hinkommen

Ab Tegel mit Luxair, Flugzeit etwa 90 Minuten. Ab 180 Euro hin und zurück, luxair.lu.

Mit der Bahn ist es zwar günstiger, ab 40 Euro pro Strecke, dauert aber deutlich länger, mindestens acht Stunden.

Unterkommen

Am Obersauer Stausee in der Jugendherberge Lultzhausen kostet eine Nacht ab 24,70 Euro. In der Stadt Luxemburg, eine Stunde vom See entfernt, im Hotel Le Châtelet eine Nacht ab 120 Euro inklusive Frühstück.

Rumkommen

Schloss Vianden zählt zu den bedeutendsten Baudenkmälern Europas. Täglich von 10–16 Uhr geöffnet.

Das Militärmuseum von Diekirch thematisiert die Ardennen-Offensive, Di.–So. 10–18 Uhr.

Matthias Kirsch

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