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Eine verpixelte Israelflagge steht symbolisch für das Zerrbild Israels, das in den Medien gezeichnet werde.

© imago-images / Tsp/Manuel Kostrzynski

Tagesspiegel Plus

Judenhass im Internet: „Die Medien zeichnen ein Zerrbild Israels“

Wie äußert sich israelbezogener Judenhass und wie kommt es zu doppelten Standards in Berichten über den Nahostkonflikt? Ein Gespräch mit der Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel.

Während des jüngsten Krieges zwischen Israel und der Hamas eskalierte der Judenhass im Internet und auch auf deutschen Straßen. Die Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel spricht im Interview über das Ausmaß des israelbezogenen Antisemitismus in Medien und sozialen Netzwerken. Das Gespräch führte Christoph David Piorkowski.

Frau Schwarz-Friesel, Sie forschen seit vielen Jahren zu Antisemitismus in den sozialen Medien, der dort häufig eine stark israelbezogene Komponente aufweist. Wie haben Sie die Web-Rezeption des jüngsten Waffengangs zwischen Hamas/Islamischer Dschihad und den Israeli Defense Forces wahrgenommen?
Nun, ich war nicht überrascht und hatte sofort die Bilder rund um den Gaza-Konflikt von 2014 vor Augen. Genau wie damals gab es eine regelrechte Flutwelle von israelbezogenem Antisemitismus – eine globale Gleichzeitigkeit von Aktionen im Netz und auf der Straße. In den letzten sieben Jahren hat sich diesbezüglich nichts verändert. Was wir erleben, ist eine Wiederholung der Wiederholung – judäophober Israelhass, der selbstbewusst und offen ausgelebt wird.  

Ihrer Forschung zufolge hat sich mit dem Aufkommen von Social Media eine historisch beispiellose Schwemme judenfeindlicher Kommunikation entwickelt. Gibt es seither wirklich mehr Antisemitismus, oder wird der Hass bloß ungehemmter artikuliert?
Das Web 2.0 ist heute der maßgebliche Multiplikator von Antisemitismen, die im digitalen Zeitalter signifikant zugenommen haben. Die von mir und meinen Mitarbeiter:innen verwendete Methode ist die Korpusanalyse, da die Ergebnisse der klassischen Umfrageforschung oft durch „Soziale Erwünschtheit“ und ähnliche Effekte verzerrt werden.

Hashtags wie ,Berlin trägt Kippa’ werden von Antisemit:innen gezielt infiltriert.

Monika Schwarz-Friesel

Statt demoskopisch vorzugehen, haben wir mehrere Hunderttausend Texte quantitativ und qualitativ analysiert. Dabei haben wir festgestellt, dass sich antisemitische Kommentare in sozialen Netzwerken in den letzten zehn Jahren vervielfacht haben. Tendenziell treffen immer mehr Menschen auf immer mehr Antisemismen, und zwar keineswegs nur in politisch orientierten Diskursbereichen, sondern vor allem in den viel benutzen Alltagsmedien des Web, zum Beispiel unter Youtube-Videos.

Die höchste Zahl antisemitischer Stereotype haben wir übrigens bei Twitter registriert – und zwar unter Hashtags wie „Berlin trägt Kippa“, die von Antisemit:innen gezielt infiltriert werden.

Monika Schwarz-Friesel forscht seit vielen Jahren zu Antisemitismus im Netz und der Darstellung des Nahostkonfliktes in den europäischen Medien.

© Foto: Privat

Sie sagen, dass das überlieferte Ensemble antisemitischer Stereotype nicht bloß in abseitigen Verschwörungs-Foren gewälzt wird, sondern zunehmend auf Plattformen von Alltagsnutzer:innen zirkuliert. Spiegelt sich diese „Normalisierung“ auch in anderen Bereichen der Öffentlichkeit wider, etwa in den „klassischen Medien“?
Wir können die klassischen und die digitalen Medien nicht mehr voneinander trennen, sie sind längst eine Symbiose eingegangen – insofern ja. Das Internet ist ein Katalysator, aber man darf nicht den Fehlschluss ziehen, der antisemitische Hass würde dort erzeugt. Das Gefährliche sind die Charakteristika der digitalen Kommunikation wie Anonymität und multiple Verbreitung – die Ressentiments selbst existieren auch außerhalb der digitalen Sphäre.

Was man weltweit beobachten kann, ist, dass antiisraelischer Antisemitismus eine zunehmend salonfähige Massenbewegung wird und leider auch vor akademischen Gruppierungen nicht haltmacht. Unsere Forschung zeigt auch, dass die Dämonisierung Israels von vielen jungen User:innen, zum Beispiel in Hausarbeitsforen, als völlig normal empfunden wird.

Der rechte, der linke, der islamische und der Antisemitismus der Mitte unterscheiden sich nur in Nuancen.

Monika Schwarz-Friesel

Lassen sich denn klassischer, schuldprojektiver und israelbezogener Antisemitismus überhaupt trennscharf unterscheiden?
Nein. Bezeichnend ist, dass der israelbezogene Antisemitismus generell kein isoliertes Phänomen darstellt, das sich von klassischem oder Post-Holocaust-Antisemitismus abgrenzen ließe. Die mentale Basis des Antiisraelismus ist der alte, seit Jahrhunderten im kollektiven Gedächtnis gespeicherte Judenhass.

Die tradierten Stereotype – wie Rachsucht, Gier oder jüdische Machtausübung – sind eine kulturelle Konstante und werden an die jeweilige Situation oder das Vokabular bestimmter Ideologien und Milieus angepasst. Der rechte, der linke, der islamische und der Antisemitismus der Mitte unterscheiden sich nur in Nuancen. Ein mittiger Feuilleton-Antisemitismus mag sich pseudorational und elaboriert geben – er bedient trotzdem die einschlägigen Stereotype, wenn auch in camouflierter Weise. 

Im Zuge des jüngsten Israel-Gaza-Konfliktes wurden antisemitische Hass-Demonstrationen in einem öffentlich-rechtlichen Medienbeitrag als „Proteste gegen die Eskalation im Nahen Osten“ verharmlost. Auch gab es diverse quasi-apologetische Beiträge, die den Raketenterror der Hamas mit den Rechtsstreitigkeiten im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah zu legitimieren suchten. Der Casus Belli war der Angriff der Hamas, trotzdem wurde Israel wiederholt als Aggressor dargestellt. Sind solche einseitigen Darstellungen eher die Ausnahme, oder gibt es hier einen belegbaren Trend?
Wenn wir uns die globale Berichterstattung anschauen, stellen wir fest, dass das antiisraelische Narrativ fest verwurzelt ist, auch in der Qualitätspresse. Kein anderes Land wird so reflexhaft und routiniert mit unsachgemäßer Kritik überzogen. Die europäischen Medien zeichnen ein Zerrbild Israels.

Das kleine Land ist prinzipiell schuld, egal was es tut oder nicht tut. Was wir hier erleben, ist eine Fortführung der uralten antijüdischen Erzählung vom „ewig schuldhaften Juden“. Auch in der jüngsten Berichterstattung zum Gaza-Konflikt gab es in den Medien wieder zahlreiche antisemitische Floskeln, unangemessene Bilder und Begriffe.

Da werden zum Beispiel Artikel ganz selbstverständlich mit „Auge um Auge“ überschrieben, was auf das Motiv des „rachsüchtigen Juden“ anspielt. Auch ist ja immer wieder von der „Spirale der Gewalt“ zu lesen – Israel wird trotz seines verbürgten Selbstverteidigungsrechts eine überzogene Reaktion auf den Raketenterror der Hamas vorgeworfen.

Feindbild Jude. Propalästinensische Demonstranten zünden eine israelische Fahne an. 

© picture alliance / Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V./dpa

Der sogenannte 3D-Test, der bestimmt, ob Kritik an Israel antisemitisch ist oder nicht, nennt neben Dämonisierung und Delegitimierung das Kriterium der doppelten Standards.
Ganz genau, Israel wird als Aggressor diffamiert, auch wenn es angegriffen wird. Ich rate hier immer ein Reframing an. Man stelle sich vor, Deutschland würde von Belgien mit Tausenden Raketen beschossen. Da würde niemand zur Zurückhaltung mahnen! Es gibt hier einen weltweit einmaligen Doppelstandard in der Evaluation, das belegen die letzten 20 Jahre Antisemitismusforschung ganz eindeutig.

Der antiisraelische Antisemitismus speist sich im Übrigen nicht aus dem Nahostkonflikt, wie immer wieder behauptet wird, sondern aus dem klassischen Antijudaismus. Eine Mehrheit der Antisemitismen, die im Zuge des Nahostkonfliktes geäußert werden, weisen klassische antijüdische Stereotype auf. Israel wird aus dem einen Grund gehasst, dass es jüdisch ist. Kein Frieden und keine Zweistaatenlösung würden daran viel ändern. Das Land könnte die friedlichste Taube im Nahen Osten sein – es würde trotzdem gehasst, denn seine Existenz ist der Stachel im antisemitischen Geist.

Absurd, wenn Akademiker:innen aufstehen und erklären, jetzt müsse Schluss sein mit dem „Tabu der Israelkritik“.

Monika Schwarz-Friesel

Noch immer wird der Schmähbegriff der „Israelkritik“, der den Staat als solchen delegitimiert, anstatt konkrete Politik zu adressieren, von vielen Medienschaffenden affirmativ verwendet. Israel wird allenthalben kritisiert, gleichzeitig wird immer wieder unterstellt, man dürfe Israel nicht kritisieren. Wie deuten Sie dieses rhetorische Manöver?
Die Inszenierung des vermeintlichen Tabubruchs ist eine altbewährte Taktik des Antisemitismus. Das gibt es schon im 19. Jahrhundert, zum Beispiel beim antisemitischen Journalisten Wilhelm Marr, der erklärte, er wolle endlich „frei die Wahrheit über die Juden“ verkünden dürfen. Die Forschung zeigt: Die Kritik an Israel ist omnipräsent, gegen Israel zu sein, ist absoluter Mainstream. Deshalb ist es so absurd, wenn Akademiker:innen aufstehen und erklären, jetzt müsse Schluss sein mit dem „Tabu der Israelkritik“.

Falsche Darstellung. Der Casus Belli war der Angriff der Hamas. Trotzdem wurde Israel wiederholt als Aggressor dargestellt.

© APA Images via ZUMA Wire/dpa / Ashraf Amra

Sie spielen auf die sogenannte „Jerusalemer Erklärung“ an, in der 200 Akademiker:innen eine Neudefinition von Antisemitismus vorschlagen.
Ja, diese Unterschriftensammlung und die Zurückweisung der Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance war unverständlich. Sie behindert die wissenschaftliche Aufklärungsarbeit.

Das ist der Feuilleton-Antisemitismus, der die toten Juden ehrt und die Lebenden links liegen lässt.

Monika Schwarz-Friesel

Ihre Forschungen zeigen, dass rechte und islamische Antisemiten ihren Hass oft unverkleidet artikulieren, während linke und mittige Antisemiten zu Abwehr- und Umdeutungsstrategien neigen. Was bedeutet das konkret?
Das hat viel mit der Emotionalität des Antisemitismus zu tun. Der Hass hat sich nach 1945 aufgespalten in ich-syntonen und ich-dystonen Antisemitismus. Das zeigen unsere Korpusanalysen sehr deutlich. Rechte und islamische Judenhasser artikulieren einen ich-syntonen Hass, sie sind von der Rechtmäßigkeit ihres Ressentiments überzeugt, das wesentlicher Teil ihres Weltbildes ist.

Der linke und mittige Antisemitismus ist dagegen ich-dyston. Das ist der schuldprojektive Post-Holocaust-Antisemitismus, der mit Täter-Opfer-Umkehr arbeitet und den eigenen Antisemitismus nicht wahrhaben möchte. Das ist der Feuilleton-Antisemitismus, der die toten Juden ehrt und die Lebenden links liegen lässt.

Sie gehen mit den Medien hart ins Gericht. Nehmen Sie nicht wahr, dass sich zumindest in einigen Redaktionen allmählich antisemitismuskritische Positionen verankern?
Ein wenig – aber ich muss doch dagegenhalten: Ich habe 2020 eine Umfrage unter Jorunalist:innen gemacht, was passiert, wenn sie versuchen, gegen das antiisraelische Narrativ anzuschreiben. Die Hälfte der Befragten hat beklagt, dass der antiisraelische Habitus in ihren Redaktionen fest verankert ist. Der israelbezogene Antisemitismus als „ehrbares“ und zeitgemäßes Substitut des klassischen Judenhasses ist in den Medien leider noch immer sehr präsent.

Unter Polizeischutz. Ein jüdisches Leben unter normalen Bedingungen findet in Deutschland nicht statt.

© dpa/AFP / Christoph Soeder

Gibt Ihre Forschung auch einen Einblick in den Zusammenhang zwischen Judenhass im Netz und Antisemitismus auf der Straße?
Man muss immer vorsichtig sein mit einseitigen Kausalitäten. Was gut belegt ist: Die bekannten antisemitischen Attentäter der letzten Jahre haben sich alle im Netz radikalisiert, ihren Hass zunächst virtuell ausgelebt. Gewalt entsteht zunächst geistig, nicht erst auf der Straße. Der mentale und emotionale Effekt, der mit der Überflutung durch antisemitische Inhalte einhergeht, hat Konsequenzen, das zeigt nicht zuletzt auch die Hirnforschung.

Sie sind Kognitionswissenschaftlerin. Gewöhnt sich die Mehrheitsgesellschaft desto stärker an antisemitische Ausschreitungen, je häufiger sie geschehen – erachten es viele so inzwischen als normal, wenn vor Synagogen „Scheiß-Jude“ skandiert wird?
Ein großer Teil der Mehrheitsgesellschaft reagiert auf so etwas nach wie vor mit Abscheu. Gleichzeitig nehmen wir wahr, dass sich sehr viele Menschen überhaupt nicht dafür interessieren, wie ihre jüdischen Mitbürger:innen angefeindet werden. Viele Deutsche haben sich in einer ahistorischen Wohlfühlblase eingerichtet, die Monstrosität ihrer Vergangenheit wird weichgespült. Diese weitverbreitete Gleichgültigkeit ist eine Schande.

Viele Jüdinnen und Juden haben Angst und stellen sich die existenzielle Frage, ob es in Deutschland eine Zukunft für sie gibt. Immer wenn der Hass besonders hochkocht, weisen Politiker:innen auf die dramatische Lage hin, anschließend geht man zur Tagesordnung über. Was müsste geschehen, damit sich jüdische Deutsche in ihrem eigenen Land nicht bloß sicher, sondern auch frei und zu Hause fühlen können?
Dazu bräuchte es einen radikalen Paradigmenwechsel. Und zwar auf allen Ebenen der Gesellschaft. In der Aufklärungs- und Bildungsarbeit, in den Arbeitsstätten, in den Medien, dem Netz. Und eine konsequente Haltung und Wachsamkeit der Mehrheitsgesellschaft. Es geht darum, Antisemitismus als das zu erkennen, was er ist, nämlich eine kulturelle Kategorie. Die letzten zwei Jahrzehnte haben uns jedenfalls nicht sonderlich vorangebracht. Als Forscher:innen können wir eine Diagnose stellten. Wenn die Politik diese aber nicht ernst nimmt, wird sich wenig ändern..

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