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Kinder sind auf Interaktion mit ihren Altersgenossen ausgerichtet. Durch Kontaktbeschränkungen und Homeschooling ist ihr Radius aber oft auf den Bildschirm beschränkt.

© imago images/Cavan Images

Tagesspiegel Plus

Kommunikation in der Pandemie: Smartphone-Streicheln ersetzt keinen Körperkontakt

Wer ohnehin schon gestresst ist, sollte Kommunikation über Voicenachricht, Direktnachricht und Videocall meiden. Ein Sozialpsychologie hat untersucht, warum.

Herr Echterhoff, was ist denn für unsere psychische Gesundheit besser – die Weihnachts-Familienfeier per Zoom oder von Angesicht zu Angesicht?

Unsere Studien haben gezeigt, dass Online-Kommunikationswege nicht im selben Maße wie direkter, persönlicher Kontakt das Gefühl von Gemeinschaft und Zugehörigkeit erzeugen bzw. empfundene Einsamkeit verringern können.

Angesichts von Omikron sollte man aber genau abwägen, ob Risikopersonen im hohen Alter oder mit Vorerkrankungen anwesend sind. Und man sollte sich überlegen, wie man sich verhält: Denn Studien haben gezeigt, dass man bei nahestehenden Personen die bekannten Schutzmaßnahmen wie etwa Abstand weniger einhält als bei fremden Personen.

Gerald Echterhoff ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Münster.

© Anna Meyer-Kahlen

Man befürchtet, bisweilen auch nicht zu Unrecht, dass Zurückweichen oder Ablehnen einer Umarmung als Ablehnung wahrgenommen wird. Allerdings spielt es für die Verbreitung des Virus keine Rolle, ob Kontakte unter Verwandten, Freunden oder Fremden stattfinden.

Ihre Studie hat gezeigt, dass es große Unterschiede bei den Effekten von Online-Kommunikation gibt. Für wen ist sie eher geeignet und für wen nicht?

Unter bestimmten Bedingungen können auch Online-Kontakte Gefühle von Einsamkeit und Isolation verringern und damit generell das Wohlbefinden steigern. Bei Menschen, die sehr isoliert sind, kann Online-Kommunikation helfen, vor allem videobasiert.

Auch wenn man in den zwei Stunden vor dem Online-Gespräch keine Interaktion von Angesicht zu Angesicht hatte, hat sie tendenziell einen positiven Effekt. Direkte Kommunikation schlägt also indirekte; falls es keine direkte Kommunikation gibt, ist das Online-Gespräch besser als nichts.

Vorsicht sollte allerdings geboten sein bei romantischen Partner:innen. Dort haben wir festgestellt, dass sich unsere Studienteilnehmer:innen teilweise sogar einsamer und weniger glücklich fühlten, nachdem sie online kommuniziert hatten.

Bei Partner:innen scheint die elektronische Kommunikation also eher zu frustrieren, als Nähe zu schaffen. Das liegt sicher auch an der körperlichen Dimension von Beziehungen.

Ein Experiment amerikanischer Kolleg:innen zeigte, dass bei leichten Elektroschocks schon auf neuronaler Ebene weniger Schmerz transportiert wurde, wenn der Partner die Hand der Probandinnen hielt – verglichen mit Handhalten durch eine fremde Person oder einer Versuchsbedingung ohne Handhalten.

Je besser die Beziehung, desto mehr Schmerz wurde schon im Hirn „abgefangen“. Körperliche Nähe kann uns also vor Schmerz und Leid abschirmen, körperliche Trennung dagegen macht uns anscheinend anfälliger.

In der Pandemie beobachteten viele Psychotherapeut:innen, dass bereits angeschlagene Menschen noch mehr leiden, während psychisch Stabile sich meist gut schlagen. Gilt das auch bei der Online-Kommunikation?

Unsere Studie hat gezeigt, dass Online-Kommunikation eher negativ wirkt, wenn man vorher schon gestresst war. Ist man durch Corona stark belastet, stellt die technologiebasierte Kommunikation eher einen zusätzlichen Stressfaktor dar.

Deshalb sollte man sich vor der Zoom-Vereinbarung fragen: Tut mir das jetzt gerade gut? Sollte ich vielleicht eher Geduld haben und auf einen Spaziergang mit Gespräch warten?

Neue Studien, darunter auch unsere eigene, zeigen, dass pandemiebedingter Stress mit in die Beziehungen getragen wird. Online-Kommunikation bietet unter solchen Bedingungen eventuell nicht die idealen Möglichkeiten, mit Missstimmungen und Einsamkeitsgefühlen gemeinsam auf produktive Weise umzugehen.

Indirekte Kommunikation kann bereits belastete Menschen noch zusätzlich stressen.

© dpa

Wie kann sich die Masse an elektronischer Kommunikation auf Kinder auswirken, die in den vergangenen knapp zwei Jahren viel Homeschooling erfahren haben?

Wir haben zwar lediglich Erwachsene untersucht, aber bei Kindern würde ich vermuten, dass es auch hier stark darauf ankommt, wie sie Online-Medien nutzen. Einige Kinder ziehen viel aus gemeinsamen Spielen und Interaktionen in sozialen Netzwerken.

Grundsätzlich sind Kinder eigentlich eher auf direkte Interaktion mit ihren Altersgenossen angewiesen, daher sollte man nicht zu viel erwarten, wenn man eine Weihnachts-Zoom-Konferenz mit den Onkeln und Tanten abhält.

Mindestens so wichtig wie die verbale Kommunikation sind für Kinder Körpersprache, Gestik und Mimik, je nach Alter und Entwicklungsstand. Das ist bei einem Video-Call nur sehr eingeschränkt möglich.

Wieso schlagt das Treffen von Angesicht zu Angesicht selbst die Videokonferenz so eindeutig?

Die physische Präsenz anderer Menschen ist einer der frühesten Eindrücke. Von der positiven Zugewandtheit unserer Bezugspersonen hängt am Anfang unseres Lebens unsere Existenz ab. Wir reagieren deshalb sehr auf Dinge wie regelmäßigen Augenkontakt, einen sozial angemessenen Abstand, positive Rückmeldungen wie Nicken und Lächeln.

Auch versuchen wir durch Mimikry-Verhalten, auf eine Wellenlänge zu kommen, indem wir etwa den Kopf aufstützen oder mit dem Fuß wippen, wenn das Gegenüber das auch tut. So versichern wir uns konstant: Fühlt sich der andere wohl? All das geht bei schriftlichen und Sprachnachrichten verloren, aber auch bei einem Videogespräch ist deutlich weniger Nähe dar.

Zoom-Konferenzen können stabilen und besonders isolierten Menschen helfen. Wer allerdings ohnehin schon gestresst ist, sollte Online-Kommunikation eher meiden.

© Anthony Anex/KEYSTONE/dpa

Eine Dimension, die dort zum Beispiel fehlt, ist der Geruch der anderen Person oder Möglichkeit zu kleinen Berührungen. Außerdem schauen manche Leute auf einen anderen Bildschirm oder haben die Kamera in Konferenzen gleich ganz abgeschaltet. Das schafft Unsicherheit, ähnlich zu einem Gespräch mit einer Person, die ganz starr ist. Man fragt sich: Sind wir hier überhaupt auf einem Nenner?

Das Interessante ist, dass besonders Menschen, die sozial eher schwach sind, diese Rückversicherungen brauchen. Der selbstbewusste CEO kann auch ohne Feedback 20 Minuten lang in die Kamera schauen, während besonders die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft Online-Kommunikation oder Videokonferenzen eher als verunsichernd erleben und dadurch weniger davon profitieren können.

Das heißt, die Pandemie benachteiligt die, die ohnehin schon unsicher sind?

Ja, das kann man vielleicht so sagen. Nonverbale Signale der Zugewandtheit lösen ein Gefühl von Vertrauen und Gemeinschaft aus. Es entsteht das Gefühl einer „shared reality“, einer geteilten Realität – diese wiederum reduziert Unsicherheit und Komplexität.

Wenn ich also in einem Gespräch bin, in dem ich positive Rückversicherungen bekomme, ist die Welt ein Stück einfacher. Das reduziert wiederum Stress und Unsicherheit. Diese geteilte Realität zu erschaffen, ist aber schwieriger, wenn man räumlich und manchmal sogar noch zeitlich getrennt ist durch die indirekte Kommunikation etwa bei Instant Messaging und Sprachnachrichten.

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