100 Jahre Kunstsammlungen Chemnitz : Gegenwart zu jeder Zeit

Die Kunstsammlungen feiern ihr 100-jähriges Bestehen und unterstreichen Chemnitz' Reputation als eine der ersten Adressen der Moderne.

Industrielandschaft mit Schornsteinen. Ernst Ludwig Kirchner malte die „Chemnitzer Fabriken“ nach einem Besuch in der Stadt 1926.
Industrielandschaft mit Schornsteinen. Ernst Ludwig Kirchner malte die „Chemnitzer Fabriken“ nach einem Besuch in der Stadt 1926.Foto: Sammlung Deutsche Bank

Einst nannte sich Chemnitz „das sächsische Manchester“. Wie die nordenglische Industriestadt verdankte auch die kleinere Schwester unterhalb des Erzgebirges ihren Aufstieg der Textilindustrie. Zwischen 1860 und 1900 schwoll die Einwohnerzahl von 40 000 auf 200 000 an. Dass die Menschen, die in der Industrie Arbeit fanden, oft unter erbärmlichen Umständen lebten, liegt auf der Hand.

Die Honoratioren der Stadt strebten nach Veredlung eines Alltags, den der Rauch aus zahllosen Schornsteinen verfinsterte. 1860 gründeten sie den Kunstverein „Kunsthütte“, aus dem 60 Jahre später die kommunale Kunstsammlung hervorging. Der erste Direktor Friedrich Schreiber-Weigand sah die Neugründung „im Morgenlichte der jungen deutschen Republik“ – und richtete die Institution dementsprechend entschieden auf die Gegenwart aus. 1933 jagten ihn die Nazis aus dem Amt, 1945 kehrte er in bitterster Not auf seinen Posten zurück.

Die Kunstsammlungen Chemnitz – der Plural kam hinzu, um die Vielfalt der unter dem Dach des einstigen König-Albert-Museums vereinten Sammlungen zu betonen – verstanden sich immer als Anwalt der jeweiligen Gegenwart, und so feiern sie ihr 100-jähriges Bestehen mit einer Übersicht über das, was zu den verschiedenen Zeiten Gegenwart war. Am heutigen Sonnabend soll die ganze Stadt mitfeiern, eingeladen zu vielfältigen Veranstaltungen– soweit Corona es zulässt.

Moderne eingepfercht zwischen Autotrassen

Der breit gelagerte historistische Bau des Museums bildet mit dem Opernhaus, der neugotischen Petrikirche und dem 1930 errichteten Hotel „Chemnitzer Hof“ einen eindrucksvollen Stadtplatz. Er liegt zwar in der Nähe des Hauptbahnhofs, aber doch etwas abseits vom Betrieb der Stadt.

Chemnitz, das in der DDR den Namen von Karl Marx tragen musste, wurde als autogerechte Stadt wiederaufgebaut, und überbreite Straßen zerteilen die von Plattenbauten dominierte Bebauung. Die ehemalige Stadtsparkassen-Zentrale im Stil des Neuen Bauens haben die Kunstsammlungen hinzubekommen, um die Sammlung des Münchner Galeristen und Mäzens Alfred Gunzenhauser für die Stadt zu gewinnen, und auch dieses Moderne-Gebäude steht etwas verloren zwischen zwei Autotrassen.

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Gerade angesichts des rücksichtslosen Umgangs mit dem Stadtgrundriss, den die DDR der kriegsverwüsteten Stadt antat – und seinerseits eben auch ein Ausdruck „der“ Moderne ist –, ist die Rückbesinnung auf die eigenen Modernität ein Gewinn. Die Kunstsammlung besaß sie unter Direktor Schreiber-Weigand, den seine Freundschaft zum 1884 in einem Vorort der Stadt geborenen „Brücke“-Künstler Karl Schmidt-Rottluff zu einer hervorragenden Expressionismus-Sammlung anregte.

Wie im Jahre 1926 mit starkfarbigen Wänden operiert wurde, auf denen die expressiven Bilder und Skulpturen ideal zur Geltung kommen, ist jetzt im Obergeschoss des Museums rekonstruiert und in einem virtuellen Rundgang im Netz zu bestaunen.

Industriezeitalter und sozial engagierte Kunst

In den beiden Hauptgeschossen lassen der jetzige Direktor Frédéric Bußmann und sein Team die Bestände in sechs Kapiteln Revue passieren. Das setzt ein mit einer kleinen, durchaus beachtlichen Sammlung zur deutschen Romantik.

Unter den chronologisch angelegten Kapiteln sticht dasjenige mit dem eigentümlichen Titel „Arbeit = Wohlstand = Schönheit“ hervor: Es war dies eine Losung des Industriezeitalters und ihrer Honoratioren. Zu sehen sind repräsentative Portraits der Fabrikherren und ihrer Damen, dann aber auch die Gegenseite einer sozial engagierten Kunst, die die Mühsal der Arbeit ungeschminkt vorführt.

Es war der „Brücke“-Maler Ernst Ludwig Kirchner, der 1926 nach einem Besuch des ihm von früher vertrauten Chemnitz ein Panorama der Fabriklandschaft der Stadt malte, das heute zu den größten Kostbarkeiten des Hauses zählt. Heute – nicht damals, das Bild kam nach der Wende als Leihgabe ins Haus. Von den früheren Schätzen wurde Etliches in der Nazi-Aktion der „Entarteten Kunst“ beschlagnahmt und teils zerstört; die Dokumentation dieser Verluste gehört ebenfalls zum jetzigen Rundgang hinzu.

Nach Chemnitz muss man fahren wollen

Zu DDR-Zeiten, so betont es das Museum, wurde beileibe nicht parteifromm gesammelt. So ist man stolz auf einen gewichtigen Bestand an regimekritischer Kunst, etwa der lokalen Künstlergruppe „Clara Mosch“. Und dem erzgebirglerischen Einzelgänger und gleichzeitig Weltbürger Carlfriedrich Claus ist ein eigenes Archiv innerhalb des Museums gewidmet, das seine bemerkenswerte Bibliothek und umfangreiche Korrespondenz ebenso hütet wie die feinen, jeder Staatsrepräsentation zuwiderlaufenden grafischen Blätter und Bild-Dichtungen.

Nach der Wende, genauer ab 1996, wurden die Kunstsammlungen zwei Jahrzehnte lang von der aus Frankfurt am Main gekommenen Ingrid Mössinger geleitet, der engagiertesten Sympathiewerberin für Chemnitz, die sich denken lässt. Sie erzielte mit Ausstellungen beispielsweise der Aquarelle von Bob Dylan bundesweite Aufmerksamkeit.

Unter ihrer Ägide wurde ebenfalls zeitgenössisch gesammelt, Arbeiten von Immendorff oder Baselitz kamen ins Haus. Die größte Tat war der Gewinn der Sammlung Gunzenhauser im Jahr 2003, die Chemnitz zu einer ersten Adresse der Moderne nach dem Ersten wie nach dem Zweiten Weltkrieg macht, mit einem umfangreichen Konvolut von Arbeiten von Otto Dix ebenso wie mit der Abstraktion von Baumeister, Nay oder Thieler.

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Nach Chemnitz muss man fahren wollen; es ist kein Hotspot des Städtetourismus. Jetzt aber ist dazu die beste Gelegenheit. Die Kunstsammlungen zählen zu den größten kommunalen Museen Deutschlands, mit über 100 000 Objekten. Was der Industriestandort an Bedeutung verloren hat, bewahrt der Kulturstandort um so nachdrücklicher.
Kunstsammlungen am Theaterplatz, bis 25. Oktober. Ein handbuchartiger Katalog mit 52 Einzelbeiträgen erscheint in Kürze. www.kunstsammlungen-chemnitz.de

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