• Alternative Musikgeschichte von Stan Douglas: „Mehr Wahrheit in der Lüge, als in der Dokumentation“

Alternative Musikgeschichte von Stan Douglas : „Mehr Wahrheit in der Lüge, als in der Dokumentation“

Nichts daran ist echt, aber vieles ist wahr: Unter dem Titel „Splicing Block“ zeigt Stan Douglas musikbasierte Videos in der Julia Stoschek Collection.

Dorothea Zwirner
Stan Douglas, A Luta Continua, 1974, 2012, Digitaler C-Print auf Aluminium, 120,7 x 181 cm.
Alles inszeniert. Stan Douglas „A Luta Continua, 1974“ von 2012.Bild: Courtesy of Stan Douglas/ Victoria Miro

Noch bevor man den Kinosaal betritt, schallt einem der Sound aus Jazz, Funk und Afrobeat entgegen. Er fährt sofort in die Glieder, wenn man dann auf der großen Leinwand der zehnköpfigen Band bei der Studioaufnahme einer Jam-Session zuschauen kann.

Was wie ein improvisierter Life-Mitschnitt wirkt, ist jedoch ein hochartifizielles Video des kanadischen Künstlers Stan Douglas, der unter dem Titel „Splicing Block“ erstmalig in der Julia Stoschek Collection (JSC) musikbasierte Arbeiten ausstellt.

„Luanda-Kinshasa“ (2013) heißt das nach den beiden afrikanischen Hauptstädten benannte sechsstündige Video, das die Musiker im Studio zwischen Trennwänden und mit Kopfhörern zeigt, wie sie isoliert voneinander und doch perfekt zusammenspielen. Hochkonzentriert und selbstvergessen bewegen sich ihre Körper im Rhythmus, gehen die Gesichtszüge der Schlagzeugerin in ein befriedigtes Lächeln über.

Die musikalische Spannung zwischen Trance und Ekstase täuscht völlig darüber hinweg, dass hier eine doppelte Fiktion zur Aufführung kommt – eine alternative Musikgeschichte im Styling der 1970er Jahre in einem nachgebauten Aufnahmestudio, das dem legendären Columbia Records Studio „The Church“ in New York nachempfunden ist.

Miles Davis als Inspiration

Für jeden Jazz-Liebhaber ist sofort klar, dass Miles Davis hier Pate gestanden haben muss, von dem Stan Douglas’ absolutes Lieblingsalbum „On the Corner“ von 1972 stammt. Der darauffolgende Rückzug von Miles Davis ließ den Fan fragen, wie sich seine Musik folgerichtig hätte weiterentwickeln können.

Douglas stellte sich vor, dass Miles vermutlich den Afrobeat mitaufgenommen hätte, der damals in der New Yorker Untergrund-Discoszene zu hören war. Für diese musikalische Vision konnte er den amerikanischen Jazzpianisten Jason Moran als Bandleader gewinnen, der schon Ende letzten Jahres in der JSC performte und ähnlich wie der als DJ erfahrene Stan Douglas für genreübergreifende Kunst- und Theaterprojekte bekannt ist.

„Als DJ hat man den Job, eine Situation zu erzeugen, eine Atmosphäre. Man muss aus bestimmten vorab existierenden Dingen ein neues Ding erschaffen. Wobei ich fast alle meine Arbeiten so beschreiben könnte.“

Was Douglas im Podcast mit Jason Moran auf diese einfache Formel herunterbricht, stellt sich in seinen Arbeiten als hochkomplexe Montage heraus oder auch als „konstruierte Authentizität“, wie die Kuratorin Paola Malavassi ihren Katalogbeitrag betitelt.

[„Splicing Block“ bis 1. März, Julia Stoschek Collection, Leipziger Straße 60, Mitte]

Hyperrealistische Szenerien im Stile Jeff Walls

Das gilt auch für die achtteilige Fotoserie „Disco Angola“ (2012), von der fünf der großformatigen C-Prints in der Ausstellung gezeigt werden. Wie ein Fotojournalist der 1970er Jahre inszeniert Douglas hyperrealistische Szenerien im Stile Jeff Walls, die einerseits der New Yorker Untergrund-Discoszene und andererseits der nationalen Unabhängigkeitsbewegung Angolas entstammen könnten.

So detailgenau und zeitgebunden die Fotos gebaut sind, so universell erzählt das schick gemachte Paar in „Two Friends, 1975“ von der Langeweile falschen Glamours oder die auf gepackten Kisten und Koffern sitzende Menschengruppe in „Exodus, 1975“ von der weltweiten Migrations- und Flüchtlingsbewegung.

Hier wie dort geht es um Kippmomente der Geschichte, wenn aus einer musikalischen Protest- eine kommerzialisierte Massenbewegung werden kann und aus ehemaligen Kolonialherren eine Gruppe von Flüchtlingen.

Stan Douglas, „ Two Friends“,  1975, 2012, Digitaler C-Print auf Aluminium: 106,7 x 142,2 cm.
Stan Douglas, „ Two Friends“,  1975, 2012, Digitaler C-Print auf Aluminium: 106,7 x 142,2 cm.Foto: Courtesy of Stan Douglas/ Victoria Miro

Das Nebeneinanderstellen verschiedenartiger, latent miteinander in Beziehung stehender Bild- und Bedeutungspaare, ist eine Strategie, die sich durch das ganze Werk von Stan Douglas zieht. Ein Schlüsselwerk für Berlin (nicht in der Ausstellung) ist der Split-Screen-Film „Der Sandmann“, den Douglas während seines daad-Stipendiums 1994/95 in den Babelsberger Filmstudios produziert hat.

Mit der geteilten Leinwand hatte er eine ideale Entsprechung für die gespaltene Persönlichkeit aus E.T.A. Hoffmanns gleichnamiger Erzählung gefunden, die er im gebauten Filmset eines Potsdamer Schrebergartens mit der deutschen Teilung in Verbindung zu bringen wusste.

Eine andere Form von geteilter Leinwand nutzt Douglas in seiner Zweikanal-Videoinstallation „Hors-Champs“ (1992), mit der seine internationale Karriere 1992 auf der documenta 9 ihren Anfang nahm.

Auf beiden Seiten der diagonal im Raum platzierten Leinwand sind im Wechsel vier schwarze Musiker zu sehen, die ein Free Jazz Stück spielen. Auch wenn der Betrachter nie beide Seiten gleichzeitig sehen kann, wird klar, dass die Filmdokumentation nicht simultan läuft, sondern unterschiedlich zusammengeschnitten ist.

Stan Douglas, „ Hors-champs“, 1992, Zweikanal-Videoinstallation, 13’20’’, S/W, Ton, Dimensionen variabel. Videostill.
Stan Douglas, „ Hors-champs“, 1992, Zweikanal-Videoinstallation, 13’20’’, S/W, Ton, Dimensionen variabel. Videostill.Foto: Courtesy of Stan Douglas/Victoria Miro

Es ist der Schnitt, der auf unsichtbare aber entscheidende Weise zur inszenierten (Re)Konstruktion der Wirklichkeit beiträgt. So lässt sich der titelgebende „Splicing Block“ als das Werkzeug zum Schneiden und wieder Zusammensetzen von analogem Bild- und Tonmaterial auch als Sinnbild für die Arbeitsmethode von Stan Douglas verstehen, die uns mühe- und nahtlos durch Raum und Zeit gleiten lässt.

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Ohne darüber hinwegzutäuschen, wie inszeniert seine dokumentarischen Arbeiten sind, offenbaren sie die Überzeugung des Künstlers: „Manchmal gibt es mehr Wahrheit in der Lüge, als in der Dokumentation.“

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