Ausstellung zu Architekturzeichnungen : Es war einmal ein Sowjetparadies

Ilya und Emilia Kabakov präsentieren ihre wunderlichen Projekte im Berliner Museum für Architekturzeichnung. In ihnen zeigt sich Melancholie und Größenwahnsinn.

Zeichnung zu „The Red Wagon“ von 1991.
Zeichnung zu „The Red Wagon“ von 1991.Foto: Ilya & Emilia Kabakov

In den vergangenen dreißig Jahren haben Ilya und Emilia Kabakov überall auf der Welt ausstellen können, auch in Russland, das nicht eigentlich ihre Heimat ist. Abgesehen davon, dass beide im ukrainischen Dnjepropetrowsk geboren und aufgewachsen sind, war ihre Heimat die Sowjetunion.

Emilia verließ sie bereits 1973 durch Auswanderung, Ilya kehrte 1988 von einem endlich gewährten Auslandsaufenthalt nicht nach Moskau zurück, wo er seit dem Studium in den fünfziger Jahren gelebt hatte. Die Sowjetunion hatte sie für immer geprägt und blieb künstlerisch ihr Bezugssystem. Auch Nicht-Sowjetmenschen verstehen ihre Arbeiten oder erkennen etwas darin, das sich mit ihrem eigenen Leben berührt.

Insofern ist es erstaunlich, was Emilia Kabakov jetzt in einem Gespräch mit Sergej Tchoban ausgeführt hat, der sie für eine Ausstellung in seinem Museum für Architekturzeichnung befragt hat. Emilia, die stets die Verhandlungen und Gespräche führt, betont: „Unsere Arbeit beruht immer auf Fantasie und Vorstellungskraft. Auch als Ilya Kinderbücher illustrierte“ – das war sein Brotberuf zu Sowjetzeiten – „und eigentlich Boote, Züge oder Werkzeuge recherchieren sollte oder Kostüme einer gewissen Epoche, hat er nie Zeit in Nachforschungen investiert. Ilya hat seine Imagination genutzt und alles frei erfunden.“

Vielleicht, ja sogar bestimmt ist es dieses Moment an freier Erfindung, das die Arbeiten der beiden, zumal ihre komplexen Installationen, so verständlich macht. Das Sowjetische daran, in allen, rührend wirklichkeitsnah geschilderten Details greifbar, bildet nur den Hintergrund, vor dem sich eine Geschichte entfaltet, die an zutiefst menschliche Hoffnungen und Sehnsüchte rührt.

Man nimmt den Kabakovs ein Thema wie die „Begegnung mit einem Engel“ ohne Weiteres ab, weil es auf dem Papier so ganz natürlich erscheint, eben als etwas, das geschehen kann und auch schon geschehen ist. So jedenfalls stellt es Ilya Kabakov in seinen Zeichnungen und dem beigefügten, handschriftlichen Text dar, der dem schön gestalteten Ausstellungskatalog sogar als Ausklapptafel neben der Hauptzeichnung beigegeben ist.

Schon 1992 bei der documenta

So stellt sich auch die Frage nach der Architektur gar nicht mehr. Denn was die Kabakovs ersinnen und Ilya in Zeichnungen fasst, ist immer schon Architektur im ursprünglichsten Sinne: etwas, das Menschen sich bauen. Oder zu bauen hoffen.

Unversehens wird bei den Installationen der Kabakovs daraus etwas tatsächlich Gebautes, wie das bewohnbare Toilettenhaus, das sie 1992 zur documenta hinter dem Kasseler Fridericianum errichteten. Das Haus mit Stuhl und Bett neben Latrinen wurde als Kritik an sowjetischen Zuständen abgetan, als Kritik an unzumutbaren Wohnverhältnissen. Dabei ging es nur um ein Beispiel für die allgemeinmenschliche Fähigkeit, sich in gegebenen Verhältnissen einzurichten, wie unangenehm sie auch sein mögen.

Wenn es denn etwas zu bauen gibt, liefert Ilya Kabakov präzise Konstruktionszeichnungen mit allen Maßangaben, wie eben Architekten es vor der Erfindung des Computers taten. Für die Biennale von Venedig entwarf er 1993 einen „Roten Pavillon“, der unzugänglich in einem umzäunten Areal hinter dem Russischen Pavillon stand und unzweifelhaft von den Errungenschaften des Kommunismus sprach, der aus Lautsprechern als Marschmusik zum 1. Mai ertönte.

[Museum für Architekturzeichnung, Christinenstraße 18 A, bis 23. Februar. Katalog 28 €. www.tchoban-foundation.de]

Träume auf Papier

Die Größe einer Installation spielt a priori für Kabakovs keine Rolle, wobei sie durchaus einen Hang zur Megalomanie haben; auch dies wohl ein Erbe des Sowjetsystems. Die Essener Zeche Zollverein beispielsweise wollten sie ganz und gar umgestalten. Es blieb dann beim „Palast der Projekte“, einem begehbaren, schneckenförmigen Gebilde, in dem 65 Einzelprojekte zur Verbesserung der Welt vorgestellt werden und das nun auf Dauer in Essen beheimatet bleibt. Auch das ist nicht ohne leise Ironie, verkörpert doch das nahezu verschwundene Ruhrgebiet jenen Traum von der industriellen Beherrschbarkeit der Welt, der die Sowjetunion bis zum Schluss geleitet hat.

Man kann also die grafischen Blätter, die im Museum für Architekturzeichnung ausgestellt sind, als Vorarbeiten und Begleitung von Architektur sehen; man kann sie ebenso als festgehaltene Träume deuten, denn Träume kombinieren stets die reale Wirklichkeit neu und zumeist verstörend anders. Man versteht die Kabakovs am besten, wenn man ihre Zitate der Sowjetvergangenheit nicht als den eigentlichen Kern ihrer Arbeiten nimmt, sondern als Rohmaterial, mit dem sie die condition humaine auf ihre melancholische Weise zum Ausdruck bringen; melancholisch, weil sie wissen, dass die Begegnung mit einem Engel zwar prinzipiell möglich, aber eben doch höchst unwahrscheinlich ist.

Als Trost für die Vergeblichkeit menschlichen Strebens stellen sie diese wunderbaren Zeichnungen und Aquarelle bereit, und so ist der Katalog der Ausstellung ein illustriertes Buch, wie es Ilya Kabakov zu Sowjetzeiten gestaltete, als den einzigen und wahren Freiraum der Fantasie.

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