Bachmann-Wettbewerb (3) : Der Himmel über Klagenfurt

Am dritten Tag des Bachmann-Wettbewerbs klärt sich langsam das Favroritenfeld. Ganz vorne dran: Özlem Özgül Dündar mit einem Text, der auf den Brandanschlag von Solingen anspielt.

25 Jahre nach dem rassistischen Brandanschlag von Solingen demonstrieren Schüler im Mai 2018.
25 Jahre nach dem rassistischen Brandanschlag von Solingen demonstrieren Schüler im Mai 2018.Foto: Marius Becker/dpa

Es ist der dritte und letzte Lese-Tag dieses 42. Bachmann-Wettbewerbs, und nach dem Vortrag der 1983 in Solingen geborenen Autorin Özlem Özgül Dündar bekennt Nora Gomringer ob der vermeintlichen „Sprachwucht“ von Dündars Text, sie könne nur noch stottern, es müsse nun gleich jemand anders übernehmen. Sprachwuchtig ist Dündars Romanauszug „und ich brenne“ nicht gerade. Sondern eher ungewöhnlich in der Form und mit einem literarisch schwer zu bearbeitenden Stoff. In Kleinschreibung, ohne Punkt und Komma und in sich wiederholenden Schleifen erzählen vier Mütter von einem Brandanschlag, zwei von ihnen sind tot („und ich zerfalle in asche und zerstreue mich“, „und mein Kopf ist zerbrochen vom Aufprall“). Offensichtlich bildet hier der rechtsradikale Brandanschlag von Solingen im Jahr 1993 auf ein von Menschen türkischer Abstammung bewohntes Zweifamilienhaus den realen Hintergrund, ohne dass er explizit benannt wird.
Das Gros der Jury ist begeistert von der „mörderischen Sprachmaschinerie“ (Stefan Gmünder), vom „Verwischen der Grenzen von innen und außen“ (Hildegard Keller), was trotz kleinerer Einwände wie dem einer „gewissen Gleichförmigkeit“ (Hubert Winkels) immer ein Zeichen ist, dass sich hier jemand nach vorn in den Favoritenkreis geschoben hat. Gut möglich also, dass Dündar am Sonntag den mit 25 000 Euro dotierten Bachmann- Preis verliehen bekommt.

Auch am Samstag wird es quer durch die Genres gehen

Ihr formal aus dem Rahmen fallende, durchaus nahegehende Erzählung repräsentiert gut die Vielfalt des diesjährigen Wettbewerbs. Auch am Samstag geht es quer durch die Genres, stilistisch, stofflich. Lennardt Loß trägt eine leicht burleske, trotzdem sehr brav erzählte Räuberpistole vor: „Der Himmel über 9 A“, eine Geschichte über zwei Überlebende eines Flugzeugabsturzes, die sich im Wasser des Pazifiks treibend ihre Lebensgeschichte erzählen. Stephan Groetzner versucht sich an einer Parodie des Klagenfurter Wettbewerbes – ebenfalls mit einem Romanauszug. Den bezeichnet Insa Wilke überdies als James-Bond-Parodie, Provinz-Parodie und Parodie auf vieles mehr, was jedoch nicht darüber hinwegtäuscht, dass diese Mehrfachparodie einer der schwächeren Texte dieses Jahrgangs ist. Im Gegensatz zu der schön durchgeknallten Mexiko-Erzählung von Jakob Nolte, die leider nur auf geteiltes Echo stößt, von „brillanter Literatursimulation“ (Wilke) bis zu „bin ich nicht mit warm geworden“ (Hildegard Keller). Es ist ein altes Klagenfurter Leid – sowie ein Text popistisch anmutet, popkulturell aufgeladen ist, versagt die Jury. So dürften Tanja Maljatschuk, Bov Bjerg und eben Özlem Özgül Dündar drei der vier von der Jury verliehenen Preise unter sich aus machen.

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