Rattle arbeitet die harmonischen Brüche und Sprünge heraus

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Beethoven-Zyklus der Philharmoniker : Die Elektrifizierung des Ludwig van B.
Die Berliner Philharmoniker und der Rundfunkchor spielen Beethovens Neunte.
Die Berliner Philharmoniker und der Rundfunkchor spielen Beethovens Neunte.Foto: Monika Rittershaus

Das funktioniert nicht immer. Den Humor, die Leichtigkeit in der Vierten und der Achten vermisst man dann doch, auch ist das traumhafte Pianissimo der Philharmoniker nur selten zu hören. Das Experiment kostet seinen Preis, aber es lohnt sich. Einerseits sind die Stimmen radikal entmischt, die zweiten Geigen sitzen den ersten gegenüber, fallen sich ins Wort, ringen miteinander. Sämtliche Abende werden in der sogenannten deutschen Aufstellung musiziert, mit den Kontrabässen hinter den ersten Geigen und den Celli in der Mitte. Das sorgt bei aller Entmischung und Durchhörbarkeit für ein kompaktes, dunkel grundiertes Timbre mit hohem Geräuschanteil. Ein Paradox, das jedoch die Architektur von Beethovens Symphonik kenntlich zu machen, den Bauplan, der mehr aus kurzen Figuren und Motiven gefügt ist als aus klassischen Themen und mit seinen Unberechenbarkeiten die Moderne vorwegnimmt.

So viel Wut - kein Wunder, dass es laut wird

Rattle arbeitet die harmonischen Brüche und Sprünge heraus, die Dissonanzen und Schnitte, das Montierte, im Wortsinn Komponierte. Nervös zuckende Streicherfiguren, Sforzati wie Stromschläge, harsch und brutal – die Elektrifizierung des Ludwig van B.. Nichts Heroisches haftet dem an, vielmehr entlädt sich die Energie der Verzweiflung. Bekanntlich ist sie politisch wie persönlich begründet, aus Beethovens Enttäuschung über Napoleon und die gescheiterte Revolution zu Beginn des 19. Jahrhunderts, aus dem Leiden an der eigenen Ertaubung. So viel Wut, kein Wunder, dass es so laut ist, so rastlos. Die famosen Solisten der Philharmoniker, die sich abwechseln in diesen Tagen, der Flötist Emmanuel Pahud, der Hornist Stefan Dohr, Andreas Ottensamer und Wenzel Fuchs (Klarinette), Albrecht Mayer und Jonathan Kelly (Oboe), die Fagottisten Daniele Damiano und Stefan Schweigert, um nur einige zu nennen, sie müssen sich der Sforzati-Wut unterwerfen.

Nicht, dass Rattle nicht differenziert. Bei den frühen Sinfonien treten die Philharmoniker in schlanker Besetzung auf, mit nur zehn ersten Geigen und drei Kontrabässen, bei den mittleren sind es zwölf und fünf Bässe, bei der Siebten sogar sechs Bässe, die Neunte folgt in ganz großer Besetzung. Und wenn Beethoven den Klang intensiviert, sitzen Piccoloflöte und Kontrafagotte hinten neben dem Schlagzeug – als eigenes Farbregister. Man kann sehen, was einem da in die Magengrube fährt.

So unversöhnt klingt Beethoven selten. Und ungemein physisch. Der Marcia funebre der Eroica: Trauer ohne Trost, nach außen gestülpter Schmerz. Das Eroica-Finale mit seinem in Einzeltöne zerlegten Pizzicato-Thema und den derben Tutti-Zwischenrufen: ein kubistisches Porträt, mit dem alles zermalmenden Presto am Schluss. Die kurzatmigen Wechsel der Instrumentierung im dritten Satz der Vierten: schon wieder Musik, die sich selber zerlegt. Das zu Tode gespielte und karikierte Schicksalsmotiv der Fünften, auch das ja mehr Rhythmus als Melodie: Rattle übergeht die Fermate fast, drängt unwirsch weiter, entreißt dem Motiv seinen triumphalen Gestus. Schließlich die Schiller-Ode der Neunten: mehr Aufschrei als Gesang.

Im November geht das Orchester auf Tournee nach Paris, Wien, New York

Nicht ein paar Takte Trost? Für die Natur als letzte Utopie nehmen die Philharmoniker sich alle Zeit der Welt, in der „Szene am Bach“ der Pastorale. Sanft und glutvoll heben die Streicher an, mit der behutsam im Fagott einsetzenden Kantilene singt die Natur ein Wiegenlied für die geschundene Kreatur. Endlich Legato, endlich Balsam auf die Wunden, auch das ein Höhepunkt dieser Reise ins Herz der Finsternis. Und die Holzbläser intonieren ihre Kuckuck-, Wachtel- und Nachtigallrufe nicht als kecken Programmmusikspaß, sondern als letzte, vergebliche Intervention, bevor das Inferno des Sturms losbricht.

Beethoven als Endzeitmusik? Eher als Versuch über Erkenntnis und Ekstase, als work in progress allemal. Im November geht das Orchester mit dem Zyklus auf Tournee nach Paris, Wien und New York (und im Mai 2016 nach Tokio). Gerne würde man hören, wohin die Reise dabei mit Beethoven geht.

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