Berlin Biennale 2020 : Kunst im Kollektiv

Immer mehr Großausstellungen benennen keinen einzelnen Kurator, sondern ein Team. Die nächste Berlin Biennale wird ein Quartett leiten. Ein Treffen in Mitte.

Lateinamerika im Blick. Agustín Pérez Rubio, Renata Cervetto, María Berríos und Lisette Lagnado (v.l.) stammen aus Spanien, Brasilien und Argentinien.
Lateinamerika im Blick. Agustín Pérez Rubio, Renata Cervetto, María Berríos und Lisette Lagnado (v.l.) stammen aus Spanien,...Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Es ist ein ungewöhnlicher Ort, den die Kuratoren der nächsten Berlin Biennale als künftigen Arbeits- und Ausstellungsraum gewählt haben. Er liegt am Rande des Ex-Rotaprint-Geländes in Wedding, weit weg von Mitte, den Galerien und dem Ausstellungshaus KW, wo die Berlin Biennale seit 1996 ihren Hauptsitz hat. Im Wedding, zwischen Bierbars, Lidl und Dönerbude, will das Kuratorenteam die Berlin Biennale 2020 vorbereiten.

Das von Künstlern entwickelte Gelände im migrantisch geprägten Kiez gilt über die Grenzen Berlins hinaus als Modellprojekt, wenn es darum geht, Bodenspekulation zu verhindern. Das interessiert die Kuratoren aus Südamerika. Bald wollen sie hier Workshops veranstalten und Künstler empfangen. Und nicht nur die. „Jeder kann kommen“, sagt der 1972 in Spanien geborene Agustín Pérez Rubio. Das Treffen findet der Einfachheit halber dann doch in Mitte statt.

Die Berlin Biennale ist Berlins größte Schau für zeitgenössische Kunst, ein „Leuchtturmprojekt“, das von der Kulturstiftung des Bundes mit drei Millionen Euro gefördert wird. Die nächste Ausgabe startet im Juni 2020. Hier werden normalerweise Themen verhandelt, die irgendwie mit Berlin, vor allem aber mit globalen Trends zu tun haben. 2018 brachte die afrikanische Kuratorin Gabi Ngcobo viele hier noch wenige bekannte Künstler aus Afrika, Asien und dem Pazifikraum nach Berlin.

Die neuen Kuratoren haben ebenfalls bereits ein paar Stichworte in den Ring geworfen: Neugierde, Gemeinschaft, weibliche und generationenübergreifende Identifikation. Viel ist im Moment noch nicht über ihre Pläne zu erfahren, es geht wohl auch nicht. Sie müssen zunächst mal die Gegebenheiten in Berlin kennenlernen. Dass sie bereits viele Monate vor der Schau hier leben, ist übrigens eine Anforderung der Biennale.

Trend zum Kollektiv

Es ist mittlerweile ein häufig zu beobachtendes Prozedere bei solchen Großausstellungen: Kuratoren werden ernannt, sie machen sich mit der Stadt vertraut, viele versuchen lokale Gruppen einzubinden. Und immer öfter kommen sie nicht allein, sondern im Team. Bei der Berlin Biennale sind es nun vier: Lisette Lagnado, María Berríos, Renata Cervetto und Agustín Pérez Rubio.

Lagnado ist freie Kuratorin aus Rio de Janeiro, Rubio war bis 2018 künstlerischer Leiter des Museo de Arte Latinoamericano in Buenos Aires (MALBA) und kuratierte den chilenischen Pavillon bei der aktuellen Venedig Biennale, Cervetto koordinierte die Bildungsabteilung am MALBA. María Berríos ist Soziologin, Autorin und Wissenschaftlerin. Mit Mann und Kind war sie zuletzt in Kopenhagen stationiert.

Dass die Auswahlkommission sich für ein Team entschieden hat, zeigt, wie man sich im digitalen Zeitalter die Arbeit vorstellt: Kollaboration, Hierarchielosigkeit und Gleichberechtigung. Im Frühjahr ernannte die Findungskommission der wohl wichtigsten Ausstellung der Welt, der Documenta, das zehnköpfige Künstlerkollektiv Ruangrupa aus Indonesien zu neuen Leitern für 2022. Manche reagierten euphorisch, andere skeptisch. Denn so zeitgemäß es ist, ein Kollektiv zu ernennen, so viel Unsicherheit ist damit verbunden. Kostet es zehnmal so viel Honorar, wenn man zehn Leute beauftragt? Wer beantwortet Fragen? Wer hält den Kopf hin, wenn das Budget aus dem Ruder läuft, wie bei der letzten Documenta?

Im besten Fall ergänzt man sich

Dass es für Institutionen und Förderer einfacher ist, mit nur einem Verantwortlichen umzugehen, ist Lisette Lagnado durchaus bewusst. 2006 war sie Chefkuratorin der Biennale in São Paulo, ihre Co-Kuratoren waren Mitarbeiter. In Berlin wird es anders laufen. Es gibt keinen Chef, auch keine vier. „Autorenschaft interessiert mich nicht, sondern die Erfahrung des Teilens und Zusammenarbeitens“, sagt Lagnado. Ihre Team-Kollegen bestätigen: ebenso wie um die Ausstellung geht es um den Prozess, der dorthin führt, um den Austausch und das Funktionieren im Team.

Zum Termin kommen die Vier gut gelaunt in die Kunstwerke. Es ist eines der ersten Male, dass sie überhaupt zusammen in einem Raum sitzen. Im Gegensatz zu Ruangrupa, die seit Jahren als Kollektiv arbeiten, haben sie vorher nie in dieser Konstellation zusammengearbeitet. Allerdings kennen sie sich teils sehr gut aus verschiedenen Projekten. Lagnado und Berríos kuratierten eine Architektur-Ausstellung im Museum Reina Sofia in Madrid.

Eigentlich standen Rubio und Lagnado unabhängig voneinander auf der Shortlist der Auswahlkommission der Berlin Biennale. Als die beiden davon erfuhren, beschlossen sie, sich zusammenzutun, gemeinsam einen Vorschlag für die Berliner Ausstellung einzureichen. Rubio, der bereits Cervetto als Co-Kuratorin eingeplant hatte, sagt: „Renata und ich haben noch nie eine Biennale kuratiert und wir hatten das Gefühl, dass wir jemand dabei haben wollen, der damit Erfahrung hat.“ Und Lagnado, die bereits Berríos an Bord geholt hatte, wünschte sich jemand, der Erfahrung mit institutionellen Ausstellungen hatte. Das ist der Vorteil der Teamarbeit. Im besten Fall ergänzt man sich.

Im September wird ein Raum im Wedding eröffnet

Früher wurden Biennalen gegründet, um der zeitgenössischen Kunst in bestimmten Regionen und Städten zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen. Dieser Aspekt ist in Berlin, wo die zeitgenössische Kunst ohnehin sehr präsent ist, nicht mehr so ausschlaggebend. Trotzdem sind die Vier überzeugt, dass sich gerade in Berlin viele global relevante Problemlagen erkunden lassen, die im Vergleich mit der Realität in Lateinamerika produktiv gemacht werden sollen. Ihre lateinamerikanischen Wurzeln, ob beruflich oder biografisch, werden die Ausrichtung dieser Biennale in jedem Fall prägen. Wie war die Situation in den dreißiger Jahren in Berlin, wie war sie in Chile? Wie sah die Migration von Lateinamerika nach Europa in den 70ern aus, und wie ist sie heute?

Solche Fragen könnten eine Rolle spielen. Dabei wollen die Kuratoren in Berlin nicht nur die Kunstwelt kennenlernen, sie interessieren sich auch für die Nachbarschaft im Wedding, für Politik, „Fridays for future“ und die Gentrifizierung. Im September wollen sie den Raum im Wedding eröffnen. Jeder soll nachvollziehen können, wie sie die Ausstellung vorbereiten. Besuch ist ausdrücklich erwünscht.

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