Berliner Philharmoniker : Tiefer schürfen, höher streben

Dem Dirigenten Mariss Jansons gelingt ein denkwürdiger Abend bei den Berliner Philharmonikern

Mariss Jansons
Mariss JansonsFoto: Monika Rittershaus

Wie in Abrahams Schoß dürfen sich die Zuhörer fühlen, wenn Mariss Jansons seine Musikgeschichten erzählt. Mit 76 Jahren hat der lettische Dirigent eine seltene Meisterschaft des interpretatorischen Einfühlungsvermögens erreicht, tiefer als er schürft kaum einer in den Werken des sinfonischen Kernrepertoires. Der Sonnenaufgang am Anfang von Richard Strauss’ Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ – in Stanley Kubricks „2001“ zum populären Klassik-Häppchen geworden – ist bei ihm wirklich nur ein Vorspiel und nicht der verfrühte Höhepunkt der Partitur.

Es bleibt spannend, wenn Strauss ins Dickicht seiner musikalischen Philosophie-Paraphrase bittet, wo es, sehr frei nach Nietzsche, um die „Hinterwäldler“ geht, um die „Wissenschaft“ oder den Kampf des „Übermenschen“ gegen das Mittelmaß. Mariss Jansons verströmt Wärme und Eloquenz, die Berliner Philharmoniker spielen mit einer Intensität und Dichte, wie man das selbst bei diesem Spitzenorchester selten erlebt.

Ein samtiger Schimmer liegt über dem Ganzen, die Streicher singen leidenschaftlich, der Trompeter Gabor Tarkövi, die Klarinettisten Wenzel Fuchs und Walter Seyfart setzen Glanzlichter mit herrlichen Soli. Neben den Passagen bajuwarisch anmutender Behaglichkeit, über denen die Geige von Konzertmeister Noah Benix-Balgley schwebt, ereignen sich magische Momente, in denen der Raumklang eine Weite gewinnt, als läge unter dem Podium eine Grotte, in der sich die Schallwellen ins schier Endlose ausbreiten.

Janons kehrt die klassische Konzertdramaturgie um

Aus ganz anderem, irdischerem Holz geschnitzt ist da Jewgenij Kissin. Wenn der russische Pianist mit der phänomenal brillanten Anschlagtechnik Liszts 1. Klavierkonzert spielt, scheint jeder Ton seinen eigenen Scheinwerferspot zu haben. Alles wird überdeutlich herausgearbeitet, wirkt theatralisch aufgeladen, nicht nur die bereits vom Komponisten auf Effekt konzipierten rasanten Episoden, auch die leisen Momente, das eigentlich Interessanteste des Stücks. Blendende Virtuosität mit Swarovski-Glamourglitzer, die den Saal jubeln lässt.

Weil Mariss Jansons unbedingt mit einem Sonnenaufgang starten wollte, hat er kurzerhand die traditionelle Konzertdramaturgie umgedreht: Darum steht die Ouvertüre zu Richard Wagners früher Oper „Rienzi“ an dritter Stelle, nach dem Hauptwerk und dem Solistenkonzert. Der Dirigent aber nimmt sie so ernst, als wäre sie der Kopfsatz einer unvollendeten Sinfonie, arbeitet jedes Detail sorgsam heraus, lässt das Liebesthema lodern, bietet raffiniert austarierte Steigerungen. Und setzt schließlich den krönenden Marsch zuerst ganz zart an, ja geradezu ballettös leichtfüßig, bevor er die Philharmoniker ermuntert, mit maximaler Klangpracht dem triumphalen Ende dieses denkwürdigen Abends lustvoll entgegenzuwirbeln.

Das Konzert ist in der Digital Concert Hall der Philharmoniker verfügbar ab dem 19.1.2019

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben