Biografie zu Muhammad Ali : Die Schwächen des Allergrößten

„The Greatest“ haben sie ihn genannt. Jonathan Eigs Biografie von Muhammad Ali leuchtet aber auch in die dunklen Ecken der Boxlegende.

Sein letzter Knock-Out. Muhammad Ali in München, kurz vor dem Kampf gegen den Engländer Richard Dunn 1976.
Sein letzter Knock-Out. Muhammad Ali in München, kurz vor dem Kampf gegen den Engländer Richard Dunn 1976.Foto: Istvan Bajzat/dpa

Als Muhammad Ali im vergangenen Dezember starb, wurde an die vielen außergewöhnlichen Momente seines Kämpferlebens erinnert. Dabei war es schon immer interessanter, woran man sich bei Ali nicht erinnerte. Dass Jonathan Eig sich in seiner Ali-Biografie nun diesen Facetten widmet, ist zunächst der einzige gute Grund, der ein weiteres Ali-Buch rechtfertigt. Eig ist ein wundervoller amerikanischer Erzähler. Mit leichter Hand schiebt er Zeitebenen ineinander, schlägt Brücken, die Alis Lebensweg mit gesellschaftlichen Entwicklungen verbinden, schildert jeden Kampf als Drama und arbeitet sich bis in die dunkelsten Ecken von Alis Wesen vor. Denn Ali zieht einen auch heute noch in Bann, ein halbes Jahrhundert nach seinen größten Erfolgen als Schwergewichtsweltmeister.

Man möchte immer noch gerne wissen: Wie konnte er nur so sein? So groß? So unabhängig? Wie konnte er wissen, dass er seinem Größenwahn gerecht werden würde? Sein unbestrittener Triumph bestand darin, dass er seine Prahlerei tatsächlich in die Tat umsetzte. Er hielt Wort und wurde „The Greatest“.

Dass Muhammad Ali ein Mann der Superlative war, hat aber auch abgelenkt von seinen Schwächen. Eig arbeitet sie mit derselben Akribie heraus, mit der er Alis Boxstil analysiert. Ohne seine Makel wäre er vermutlich nicht der Kämpfer geworden, der selbst stärkere Gegner zu besiegen wusste, dann aber keinen Weg fand, sich selbst vor den Schäden einer zu langen Ringkarriere zu schützen. Denn Ali wusste seine Schwächen fast immer in Stärken umzumünzen. Etwa die Angst, die ihn vor näher rückenden Fights befiel. Er kompensierte sie, indem er übertrieben aggressiv auftrat und dem anderen vermittelte, es mit einem Irren zu tun zu haben.

Ali wusste seine Schwächen zu überspielen - mit Wut

Wir kennen dieses erratische Gebaren heute als Regierungsstil von Autokraten und vom derzeitigen US-Präsidenten. Alte Regeln mit großer Geste zu zertrümmern, funktioniert einfach zu gut im symbolischen Raum medialer Reflexe, als dass einer wie Donald Trump es nicht für sich nutzen würde. Das macht die Lektüre von „Ali. Ein Leben“ noch interessanter. Hier werden die Muster der Ego-Show auf einen neuralgischen Punkt zurückgeführt: Man kann Schwäche überspielen, wenn man wie Ali in der legendären Szene vor seinem ersten Weltmeisterschaftskampf gegen Sonny Liston den Kontrahenten beim Wiegen wüst beschimpft und einen so hohen, hysterischen Puls bekommt, dass alle Anwesenden ernsthaft um seine Gesundheit besorgt sind. Eig widmet sich dieser Szene vor dem Liston-Fight mit Genuss, einen neuen Blick bietet er nicht. Er fördert insgesamt wenig Unbekanntes zutage. Aber Ali muss auch nicht entzaubert werden.

Zu den anfänglichen Rätseln dieser Boxerkarriere gehört, warum der Junge Cassius Clay sich überhaupt dem Boxen zuwandte, einem Sport, der nur denen etwas versprach, die nichts zu verlieren hatten. Cassius Clay kam aus bescheidenen, aber nicht armen Verhältnissen. Er wuchs in Louisville, Kentucky, auf, einer Stadt mit der Art von Rassismus, an den sich alle gewöhnt zu haben schienen. Obwohl Cassius ein aufgeweckter Junge war, kam er in der Schule nicht mit. Eine ausgeprägte Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie) erschwerte ihm das Lernen. Außerdem war er faul. Doch schon damals nahmen sein Witz, seine Lust an der Selbstdarstellung und sein hellwacher Verstand viele Leute für sich ein. Lehrer, Mitschüler mochten ihn.

Sein Trainer und seine Mäzene waren Weiße

Der erste Mensch, vor dem er Angst bekam, so schildert es Eig, war der Vater. Ein Schildermaler und Trinker, der sich viel auf sich selbst einbildete und oft gewalttätig wurde gegen seine Frau und die Kinder. Einmal, als Cassius in einem Ehekrach dazwischenging, verletzte ihn sein Dad mit einem Messer. Zum Boxen fand er nicht etwa, um sich dieses Familiendämons zu erwehren, sondern aus Zufall. Sein Fahrrad war ihm gestohlen worden, ein hübsches Rad, das der Zwölfjährige von seinen Eltern geschenkt bekommen hatte. „Ich war wütend“, sagte er später, „außerdem hatte ich Angst vor meinem Vater.“ Gegenüber dem Polizisten auf der Wache drohte er, dass er den Dieb verprügeln werde, worauf der Mann fragte, ob er überhaupt wisse, wie man boxe.

Joe Martin, der Polizist, sollte Clays erster Trainer werden. Ein Weißer. Wie die Geschäftsleute aus Louisville alle weiß waren, die anfangs Clays Karriere steuerten. Vom Box-Business hatten sie keine Ahnung. Sie wollten als Unternehmer, Anwälte, Mäzene einfach den Beweis antreten, dass man nicht kriminell sein müsse, um im Boxen nach oben zu kommen. Sie gaben Clay nach seinem Einstieg ins Profi-Geschäft einen regulären Arbeitsvertrag, verwalteten einen Teil seiner Einnahmen und stiegen am Ende mit einer schmalen Dividende wieder aus. An ihnen lag es nicht, dass der Boxer sich zur selben Zeit des Rassismus in den USA bewusst wurde. Er glaubte, dass es den Schwarzen besser gehe, wenn sie für sich blieben. In Elijah Muhammad, den Anführer der Nation of Islam, fand Clay den Einflüsterer, der ihn darin bestärkte. Der Sektenführer lehrte ihn, dass Clay ein Sklavenname sei und taufte ihn auf den Namen Muhammad Ali.

Vom Chef der Muslim-Bruderschaft kam Ali nie so richtig los

Viel ist über diese Neuerfindung geschrieben worden, David Remnick widmete ihr mit „King of the World“ ein eigenes, ausgezeichnetes Buch. Aus der Umbenennung ergab sich alles Weitere, wie Jonathan Eigs Biografie nicht verhehlt. Sie fiel 1965 in eine Zeit allgemeiner Rebellion. Als sich Ali zwei Jahre später weigerte, seine Einberufung zum Militär zu akzeptieren, steuerte die Bürgerrechtsbewegung auf ihren Höhepunkt zu, gingen überall im Land Studenten gegen den Vietnamkrieg auf die Straße.

Die erste Konsequenz war, dass ihm der Weltmeistertitel aberkannt und auf Jahre hinaus jede Möglichkeit eines Gelderwerbs genommen wurde. Die Gerichte nahmen ihm nicht ab, dass ein Faustkämpfer aus Gewissensgründen nicht mit der Waffe in der Hand kämpfen wollte. Wenngleich Ali sich oft als „Geistlicher“ verstand, war es tatsächlich mehr sein Widerwille, sich als Schwarzer von Weißen in einen ihrer Kriege schicken zu lassen, der ihn auf seiner Haltung bestehen ließ.

Trotzdem musste auch ihm irgendwann bewusst geworden sein, mit wem er sich da in Gestalt des „Sendboten“ Elijah Muhammad eingelassen hatte, er, den alle Welt für seine Unabhängigkeit verehrte, kam nie richtig von dem Chef der Muslim-Bruderschaft los. Obwohl Eig diesem Aspekt großes Gewicht beimisst, kann auch er Alis Treue nicht erklären.

Der Box-Weltmeister steckte mehr Treffer ein als er landete

Dafür räumt Eig mit einem anderen Mythos auf, nämlich dem, dass Ali seine Gegner kaputtgetanzt habe und im Ring praktisch unerreichbar für ihre Schläge geblieben sei. Als Ali 1970 aus seinem Exil in die Boxarena zurückkehrte, war er ein anderer. Er stach nicht mehr wie eine Biene, flog nicht mehr wie ein Schmetterling. Sein Trainer erkannte sofort, dass sein Schützling langsamer geworden war. Er wich den Schlägen der anderen nicht mehr aus. Doch Eig kann auf wissenschaftliche Analysen zurückgreifen, die die dramatische Veränderung in nüchternen Zahlen ausdrücken. So kam Ali in seiner Karriere nur auf eine Trefferquote von minus 1,7 Prozent, was bedeutet, dass er weniger Treffer landete, als er einstecken musste. Joe Frazier kam immerhin auf 18,9 Prozent. Wie konnte man Ali da als größten Boxer aller Zeiten beschreiben?

Weil Zahlen „nichts über den Stil eines Boxers offenbaren“, wie Eig schreibt. Ali sah einfach glänzend aus, selbst wenn er schwer unter Beschuss stand und, wie in den epischen Kämpfen gegen Frazier, von dessen linken Haken durchgeschüttelt wurde. Der Ringarzt Ferdie Pacheco fasst es in die Worte: „Ali kam aus dem Exil zurück, und seine Beine waren nicht mehr, was sie einmal gewesen waren. Und als er seine Beine verlor, verlor er seine wichtigste Verteidigung. Da entdeckte er etwas, was sowohl sehr gut als auch sehr schlecht war... Er entdeckte, dass er Schläge einstecken konnte. Und als er anfing, im Training faul zu werden, was vor seinem größten Ruhm geschah, war das der Anfang vom Ende.“

Ein zwiespältiger Held

Es sollte ein langes Ende werden. Zweimal holte sich Ali den Weltmeistertitel zurück, und zweimal verteidigte er ihn gegen Frazier. Sein Kopf musste so viele schwere Treffer einstecken, dass die spätere Parkinson-Erkrankung vor allem auf die Schlachten mit Frazier zurückgeführt werden. Man kann sagen, dass sich die ganze Welt an diesem Ende mitschuldig gemacht hat, weil nichts damals so begehrt war wie ein Ali-Kampf und jedes Mal Rekordsummen eingespielt wurden. Die Zertrümmerung von Alis Hirn fand unter den Augen aller statt. Andererseits wollte der Mann selbst der Welt immer wieder beweisen, dass man ihn nicht kleinkriegte. „Ali hielt stand“, sollte Barack Obama in seiner Trauerrede auf Ali schließlich sagen, „sein Sieg half uns dabei, uns an das Amerika zu gewöhnen, das wir heute kennen.“

Doch ist Ali auch schäbig mit Leuten umgesprungen, die das nicht verdient hatten. Da ist seine zweite Ehefrau Belinda, 17 Jahre alt, als er sie heiratete. Die betrog er mit so vielen Frauen, dass sie sich wie die Leiterin eines Bordells vorkam. Da ist Malcolm X, der Freund, den er vor seinem Tod verleugnete, um kein Zerwürfnis mit Elijah Muhammad zu provozieren. Und da ist Joe Frazier, den er eigentlich mochte. Trotzdem verzichtete er vor Kämpfen mit ihm nicht auf die kindischen Spielereien und ätzenden Beleidigungen. Ali wusste um den Wert dieses Mannes, auch für sich selbst, denn im Kräftemessen mit einem so starken und gänzlich anderen Kämpfertyp konnte er seine eigene Klasse finden. Gefragt in der Dick Cavett Show, warum er nicht aufhöre, seine Gegner herabzuwürdigen, sagte Ali einmal: „Der Madison Square Garden ist ausverkauft, deshalb.“

Jonathan Eig: Ali. Ein Leben. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Roller. DVA, München 2018. 704 Seiten, 32 €.

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