Kultur : Blut und Oden

Grass und Walser blicken zurück in Versen

Gerrit Bartels

Sie sind beide in diesem Frühjahr nur mit einem Gedichtband vertreten, und doch hat man in diesen Tagen der Leipziger Buchmesse den Eindruck, dass trotz der massenweise publizierten interessanten neuen Literatur alle Kanäle mal wieder belegt werden von unseren beiden Großschriftstellern Martin Walser und Günter Grass. Das liegt natürlich daran, dass beide in diesem Jahr achtzig Jahre alt werden, der eine am kommenden Sonnabend, der andere im Oktober. Und daran, dass sie keine Ruhe geben können und wollen. Günter Grass’ Band mit dem entlarvend selbstmitleidigen Titel „Dummer August“ entstand, da sein Waffen-SS-Bekenntnis das Land im vergangenen Sommer in hellste Aufregung versetzte. Grass dichtet: „Schon komme ich mir komisch vor, gestellt vors Schnellgericht der Gerechten.“ Er nutzt jede Gelegenheit, über die „literaturkundigen Kommentatoren“ und „Schnellschreiber“ zu höhnen. Und natürlich hat er auch schon Interviews gegeben, um „Dummer August“ zu bewerben, in denen er von einem „Vernichtungsversuch“ gegen sich spricht.

Walser ist da vergleichweise milde gestimmt, geradezu reuig. „Wenn du kein Virtuose im Vergessen bist, verblutest du/auf der Intensivstation Erinnerung“, heißt es in seiner Gedichtsammlung „Das geschundene Tier“. Die Tragik beider Autoren könnte darin bestehen, dass ihre Geburtstage ihnen letzte Gelegenheiten bieten, die Stimme machtvoll zu erheben. Dabei wächst allerdings auch die Erkenntnis, dass hier zwei Große vor allem nur noch um sich selbst kreisen, um ihr erlittenes Unrecht. Felicitas Hoppe, geboren 1960, sagte kürzlich in einem FAZ-Interview, dass es sich nicht lohnte, diesen Herren zu vertrauen: „Man braucht ihnen, außer zu Forschungszwecken, eigentlich nicht zuzuhören. Da sind unglaubliche Überlebensstrategien am Werk, und hinzu kommt eine ungeheuerliche Ambition.“

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