Brüder-Roman von Heinz Helle : Trauer, Schuld und das Böse in der Welt

Warum wählt jemand den Weg der Selbstzerstörung? In „Die Überwindung der Schwerkraft" erzählt Heinz Helle eine Brüder-Geschichte von großer emotionaler Wucht.

Heinz Helle, geboren 1978 in München
Heinz Helle, geboren 1978 in MünchenFoto: Suhrkamp Verlag

Womit fangen wir an? Mit dem abgründigen Gedankenexperiment, das klären soll, ob man einen Kindermörder mit ein paar Utensilien aus dem Baumarkt zur Einsicht bewegen kann? Oder mit dem berückenden nächtlichen Erlebnis auf der Autobahn, als plötzlich nichts mehr geht und alle aussteigen müssen und mit einem Mal unter lauter Fremden für einen kostbaren Moment ein Gemeinschaftsgefühl voller Hilfsbereitschaft entsteht?

Nein, beginnen wir besser mit der Form. Was insofern naheliegt, als sich der Titel schon nach wenigen Seiten als blanke Ironie erweist. „Die Überwindung der Schwerkraft“, schön wär’s. Hier schwebt erst mal gar nichts, schon gar nicht der Leser. Heinz Helles neuer Roman ist alles Mögliche, ein Roman der Trauer etwa und der Schuld, eine Meditation über Vaterschaft oder das Böse in der Welt, nur gewiss keine leichte Kost.

Ein Labyrinth aus Kommas und Konjunktionen

Was für ein Sprung an sprachgestalterischer Kraft und Ambition im Vergleich zu Helles Vorgängertiteln, dem bewusstseinsphilosophischen Romandebüt „Der beruhigende Klang von Kerosin“ (2014) und der eindringlichen Romandystopie „Eigentlich müssten wir tanzen“ (2015), die es immerhin auf die Nominierungsliste für den Deutschen Buchpreis schaffte. Man muss sich das vorstellen: Der dritte Roman des 40-jährigen Wahl-Schweizers und inzwischen promovierten Philosophen besteht allein aus einem kapitel- und absatzlosen Textblock. Mit Sätzen, die sich über halbe Seiten und mehr erstrecken, ein Labyrinth aus Kommas und Konjunktionen.

Wer hier nicht aufpasst, geht schnell verloren. Zumal der Autor seine Protagonisten auch noch ohne Anführungszeichen sprechen lässt und es innerhalb dieser an W. G. Sebald geschulten Prosa zu ständigen Wechseln von Ort, Zeit und Erzählperspektive kommt. Bis hin zu Passagen, in denen – in einem einzigen Satz – bis zu vier Zeitebenen ineinandergeschachtelt sind. Respekt für jeden, der die Lektüre dieses Romans ohne Zuhilfenahme eines Bleistifts meistert. Respekt aber vor allem für einen Autor, der seinen Lesern auch in Zeiten grassierender Aufmerksamkeitsdefizite etwas zutraut.

Plagende Schuldgefühle

Worum es Helles Erzähler-Alter-Ego geht, macht schon der Anfang klar: „Bald bin ich so alt, wie mein Bruder war, als er starb. Vielleicht denke ich deshalb in letzter Zeit wieder öfter an ihn.“ Ein Roman zum Gedenken an einen Toten also, zur Frage danach, warum diesem Menschen auf Erden nicht zu helfen war, warum ein so talentierter, intelligenter Mensch den Weg der Selbstzerstörung beschreitet. So erinnert sich der Ich-Erzähler im Zürich von heute an seinen zwölf Jahre älteren Halbbruder, der vor sieben Jahren an Speiseröhrenkrebs starb, Folge jahrelanger Alkoholexzesse.

Damit erinnert er sich aber immer auch zugleich an sein eigenes früheres Ich, seine damaligen Gefühle und Gedanken während entscheidender Momente dieser Beziehung. Diese ist so ambivalent wie verwickelt und reicht im Kopf des Jüngeren von widerspruchsloser Bewunderung bis zu schwelenden Schuldgefühlen aufgrund der Familiengeschichte. Schließlich hat der gemeinsame Vater die Mutter des älteren Bruders für jene Frau verlassen, die zur Mutter des jüngeren wurde: „Es fiel mir nicht leicht, die Gedanken weil er sie verlassen hat, gibt es mich und jetzt ist sie tot voneinander zu trennen.“

Unter den letzten Begegnungen mit dem Bruder ragt eine heraus: eine nicht enden wollende Zechtour der beiden in einer Münchner Winternacht, irgendwann nach Nine-Eleven. Die grandiose Beschreibung dieser Odyssee, bei der der Bruder den Jüngeren rücksichtslos bis zum Blackout durch diverse Kneipen in Schwabing und Ludwigsvorstadt schleppt, macht die erste Hälfte des 200-Seiten-Romans aus, wilde Kopfstände auf dem Tresen, das lächerlich-pathetische Grölen von Roxette-Songs und endlose Trinker-Monologe inklusive.

Der Bruder ist ein Melancholiker ohne Reizschutz

In diesen Alkoholtiraden, vom Ich-Erzähler rekonstruiert, geht es buchstäblich um alles und nichts. Sichtbar wird ein Melancholiker und Schmerzensmann, dem just jener Reizschutz fehlt, der uns Übrige trotz all des Wahnsinns auf der Welt ein normal-glückliches Leben führen lässt. Wo jeder andere irgendwann wegschaut oder verdrängt, beschäftigte sich der verkrachte Geschichtsdoktorand und davongelaufene Mitarbeiter beim Kinderhilfswerk der UN wie besessen mit Orten wie Treblinka oder dem Horror, den ein Marc Dutroux den von ihm entführten Kindern bereitet hat.

Letzterer erweist sich als ein Monster in Menschengestalt, für den nicht einmal das gilt, was man laut dem Bruder den meisten anderen Tätern der Menschheitsgeschichte trotz allem noch zubilligen könne, von Islamisten bis zu zynischen Wall-Street-Bankern, nämlich „dass alle bösen, schlechten oder unfähigen Menschen, die andere Menschen zerstörten, oder Tiere, oder den Planeten, dies in der tiefen, aufrichtigen Überzeugung täten, es geschähe zum Wohl ihrer Kinder, die es einmal besser haben sollten, in einem Kalifat, oder einem Ferrari“.

Was heißt es, Verantwortung zu übernehmen?

Es sind die großen Themen, die Helle den toten Bruder mit wachsender Verzweiflung ventilieren lässt, wobei sich die Diskrepanz zwischen dem Grad der Betrunkenheit und der Elaboriertheit der brüderlichen Reflexionen ebenso bizarr wie großartig liest: der Gegensatz zwischen einem schrankenlosen Individualismus und einem alle unterjochenden Kollektivismus. Stalingrad, wo einst ein Onkel der Familie blieb, und die Frage nach der Schuld der Spätgeborenen. Die Hoffnung auf eine wie auch immer fragile transnationale Gemeinschaft und die kalte Rationalität des Rechtsstaats. Die Suche nach den Grenzen von Empathie und Verständigung und die überraschende Schönheit der ganz alltäglichen gesellschaftlichen Ordnung, „die spürbare Anwesenheit der Straßenverkehrsordnung, genau dort, vor seinem Fenster, selbst in der schwärzesten Nacht, die ihn mehr als einmal aus seiner in Verzweiflung kippenden Lethargie rettete und die ihm das beruhigende Gefühl gab, niemals allein zu sein“.

Am Ende läuft für den Bruder alles auf eine Frage hinaus: Was heißt es, in dieser Welt die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen? Denn er ist gerade glücklich verliebt in eine Prostituierte, die schwanger ist, von wem auch immer. Mit „Die Überwindung der Schwerkraft“ ist Heinz Helle ein Roman von großer emotionaler Wucht geglückt.

Heinz Helle: Die Überwindung der Schwerkraft. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 208 Seiten, 20 €.

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