Bucerius Kunst Forum : In der Welt der harschen Träume

Das Bucerius Kunst Forum hat einen neuen Standort in Hamburg - mit Platz für 200 000 Besucher. Zur Eröffnung zeigt man Videokunst von Größen wie Shirin Neshat.

Tödliche Schönheit. Ein Friedhof in einem früheren Goldfördergebiet.
Tödliche Schönheit. Ein Friedhof in einem früheren Goldfördergebiet.Foto: Bertram Kober

„Here We Are Today“ – der Titel für die Premiere im neuen Haus könnte nicht besser passen: Pünktlich zur Eröffnung der Ausstellung ist das Hamburger Bucerius Kunst Forum (BKF), das vor 16 Jahren unmittelbar neben der Vorderfront des Rathauses anfing, wenige Schritte um die Ecke in die Bucerius Passage am Alten Wall gezogen. Die für 30 Jahre gemietete vierstöckige Location liegt im Gebäuderiegel zwischen Adolphsbrücke und Rathausmarkt, Alsterfleet und Börse. Auf 3400 Quadratmeter Nutzfläche hat das Privatmuseum jetzt Platz für 200 000 Besucher und drei bis vier Ausstellungen jährlich. Vor allem aber kann endlich Kunst auf einer einzigen Ebene gezeigt werden – im 800 Quadratmeter großen, beliebig aufteilbaren Saal im ersten Stock, aus dessen bodentiefen Fenstern der Blick auf das Arbeitszimmer des Bürgermeisters geht.

Zusätzlich zu 80 meist seriell angelegten Fotografien, die das heutige Bild der Welt spiegeln, sind erstmals sieben Videos zu sehen (Bis 29. September, Katalog 29 €.). Thomas Demand, Andreas Gursky, Shirin Neshat, Herlinde Koelbl und elf weitere Kollegen thematisieren zentrale Gegenwartsfragen: Identität, Heimat, Vergangenheit, Verbrechen, Kapital. In den Bildfindungen mischt sich Schönheit und Verstörendes, Heimeliges und Schreckenerregendes, Surreales mit hartem Realismus. Den Auftakt macht Shirin Neshats poetisches Schwarz-Weiß-Video „Roja“. Es handelt von einer jungen Frau auf ihrer schmerzlichen Reise durch eine harsche Traumwelt. Wie in allen Arbeiten seit den 1990er Jahren setzt sich die aus dem Iran stammende New Yorker Filmemacherin und Fotografin mit der Lage von Frauen in der muslimischen Welt und der eigenen Sehnsucht nach dem Land ihrer Kindheit auseinander. Das Ende des Videos, in dem die junge Schönheit von einer älteren Frau brutal weggestoßen wird, symbolisiert Neshats leidvolle Ausgrenzung aus dem Iran und ihre Erfahrungen als Exilantin.

Gespenstische Endzeitvisionen

Das Motiv der fremd gewordenen Heimat gelangt durch die Hintertür ins Bewusstsein: auf Peter Pillers Vogelschau-bildern langweiliger Siedlungshäuser in der deutschen Provinz. Eva Leitolfs sächsisches Dorf „Schöna“ entspricht mit weiß gekalkten Fachwerkmauern und flatternder Wäsche dem Klischee der Heile-Welt-Heimat. Die engmaschigen Zäune schaffen allerdings Unbehagen.

Ganz und gar schaudern macht die gespenstische Endzeitvision des südafrikanischen Fotografen Pieter Hugo aus Ghana. Die Aufnahme aus seinem Fotobuch „Permanent Error“ zeigt, was mit den ausrangierten Handys, Computern und Laptops aus den Industrieländern geschieht: Allmonatlich werden allein auf der riesigen Müllhalde von Agbogbloshie bei Akkra Tausende Tonnen Elektroschrott abgeladen. Die Ärmsten der Armen suchen dort im giftigen Qualm verkohlter Altgeräte nach Metallresten zum Weiterverkauf. Um die wertvollen Rohstoffe im Inneren freizulegen, verbrennen sie die Plastikteile. Im beißenden Rauch gerät Blei, Cadmium, Quecksilber und Chrom an Menschen und Umwelt. Hugos schaurigen Blick auf die fernen Friedhöfe für unseren Zivilisationsmüll ergänzt stimmig Bertram Kobers Bild eines in verseuchtem, türkisem Wasser versunkenen Friedhofs. Für seine Serie „Goldbach“ hat der Fotograf Schäden in einem verlassenen rumänischen Goldfördergebiet dokumentiert. Kobers Aufnahmen warnen vor dem Untergang von Heimat durch ungehemmten wirtschaftlichen Raubbau.

Die erste BKF-Ausstellung am neuen Standort macht deutlich, dass kaum eine Gattung bildender Kunst brisanter und wirkungsmächtiger aktuelle Probleme aufgreift als Videokunst und Fotografie. Schon 2018 ließen sich mit der Retrospektive des niederländischen Fotografen und Filmemachers Anton Corbijn jüngere Besucher gewinnen. Das Projekt hatte Forums-Chef Franz Wilhelm Kaiser geholt, der aber wenige Tage vor der Neueröffnung sein Amt niederlegte. Die von ihm angeschobene „Amerika!“-Schau mit Arbeiten von Disney, Rockwell, Pollock und Warhol sowie die mit der Tate Gallery erarbeitete Ausstellung zu David Hockney sollen wie vorgesehen 2019 und 2020 stattfinden. Seine Nachfolge als künstlerische Leiterin tritt Katharina Baumstark an, die seit drei Jahren als Kuratorin zum Team gehört.

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