Buch über Kunstfälschung : Ein Fetzen Teppich als teures Original

Ein Opus über alles, was in der Kunst aktuell falsch läuft: Hubertus Butin, einst Assistent von Gerhard Richter, schreibt über Kunstfälschungen.

Wirkt wie von Max Pechstein, tatsächlich ist der 2003 versteigerte „Akt mit Katze“ aber eine Fälschung.
Wirkt wie von Max Pechstein, tatsächlich ist der 2003 versteigerte „Akt mit Katze“ aber eine Fälschung.Foto: dpa

1981 ging die junge Künstlerin Sherrie Levine in eine New Yorker Bibliothek, um dort Motive von Walker Evans zu kopieren. Die Porträts des legendären amerikanischen Fotografen waren teils in Büchern abgebildet, teils bekam Levine gegen eine geringe Gebühr Abzüge von Abzügen. Mit den Arbeiten aus fremder Hand, besser noch: dem mehrfach kopierten, an sich wertlosen Material, bestritt sie anschließend ihre eigene Ausstellung.

Dass sie nicht als Fälscherin verhaftet wurde, sondern heute als eine der wichtigsten Vertreterinnen der sogenannten Appropriation Art gilt – jener Kunst, die sich bewusst Originale von anderen Künstlern aneignet –, hat einen Grund. 

Hubertus Butin nennt ihn in seinem jüngst erschienenen Buch „Kunstfälschung“: Ein Opus von fast 500 Seiten, das sich nahezu allem widmet, was in der Kunst aktuell falsch läuft. Vor allem scheint ihn dabei zu ärgern, wie die Öffentlichkeit mit enttarnten Fälschern umgeht. Statt sie abzustrafen, schimpft Butin, würden verurteilte Betrüger wie Wolfgang Beltracchi zu Helden „populistischer Bewunderung“ erklärt.

Beltracchi fälschte nicht so fantasievoll wie von ihm behauptet

Aufregung gab es viel, als Beltracchi 2010 enttarnt wurde. Unzählige Kommentare, Filmprojekte und Interviews pflasterten den Weg des Mannes, der sich selbst für einen Jahrhundertkünstler hielt, weil er das Ouevre eines Max Ernst, René Magritte oder Heinrich Campendonk um Gemälde „bereicherte“, die seiner Ansicht nach dort fehlten. 

Dass der Fälscher vermeintliche Lücken keinesfalls so fantasievoll füllte wie von ihm behauptet, zeigt das Buch nun detailliert auf. Beltracchi hat auch da geklaut, seine Motive sind vielfach aus anderen Bildern etwa der Impressionisten montiert.

Der Kunsthistoriker, Kurator und Buchautor Butin, Jahrgang 1964, verfügt über ein profundes Wissen. Über Jahre arbeitete er im Atelier von Gerhard Richter, dessen Werk er inwendig kennt. 

Richter-Fälschungen gibt es, seit dessen Bilder auf dem Markt hohe Preise erzielen, und Butin amüsiert es köstlich, was ein Auktionshaus vor Jahren übersah: Dass es sich bei dem eingelieferten, angeblich originalen Farbtafelbild um ein Stück Teppich handelte, den Gerhard Richter einmal für Vorwerk entworfen hatte und den man 2010 noch erwerben konnte: für 62,90 Euro pro Quadratmeter.

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Zwischen diesen manchmal konträren, manchmal aber auch viel zu eng miteinander verbundenen Polen des Kunstbetriebs – den Fälschern, den Künstlern und den Händlern – spannt das Buch seine Kapitel auf. Die Skandale jüngerer Vergangenheit, neben Beltracchi auch der Sturz der ehrwürdigen Galerie Knoedler in New York oder teure, unechte Museumsbilder, werden historisch verankert. 

Fälschungen, so macht Butin klar, gibt es seit der Antike, ihre Wirkung und Absichten sind vielfältig. Maler wie der frühe italienische Surrealist Giorgio de Chirico haben sich vor lauter Begeisterung über den eigenen Erfolg gnadenlos selbst kopiert. 

Andere ließen – vielleicht bewusst, vielleicht von engen Geschäftspartnern verführt – immer neue Auflagen ihrer Skulpturen zu, die das Werk bis heute verwässern. Und dann sind da jene Betrüger, die Ausstellungsplakate reproduzieren, die Schrift abschneiden und das Bild mehr oder minder Unbedarften als echtes Kunstwerk andrehen.

Gier sei fast immer der Motor; bei Sammlern, die sich von vermeintlichen Schnäppchen locken lassen, ebenso wie bei Experten mit falschen Zuschreibungen. Butin füllt sein Kapitel über die Sachverständigen ebenso wie alle anderen überaus anschaulich. Dies ist ein großes Verdienst seiner Recherche: „Kunstfälscher“ steckt voller konkreter Fälle. 

Ein so wütender wie wortgewandter Kritiker

Egal ob Gutachter, Galerien, Auktionshäuser oder Künstler: Butin nennt sie alle beim Namen. Manche wie Werner Spies schont er trotz dessen Rolle im Fall Beltracchi. Andere, darunter den Regisseur Arne Birkenstock, dessen Dokumentation über Beltracchi 2014 den Deutschen Filmpreis erhielt, überzieht er dagegen mit einem Furor, der Birkenstock wie einen Komplizen wirken lässt.

Kein Zweifel, Hubertus Butin ist ein so wütender wie wortgewandter Kritiker von jedem laisser faire auf dem Kunstmarkt. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Kooperation, weniger Gewinnsucht: Damit ließe sich schon eine Menge Transparenz erreichen. 

Auch „Kunstfälschung“ trägt mit all seinen Informationen dazu bei. Selbst Kapitel über „Originale und Grauzonen“, in denen man einiges über Sherrie Levine erfährt, jene Künstlerin, die Anfang der achtziger Jahre Evans kopierte, um auf die Übermacht männlicher Künstler hinzuweisen. Ihre Arbeit hieß „After Walker Evans“ – und war damit ein Original.
[Hubertus Butin: Kunstfälschung. Das betrügliche Objekt der Begierde. Suhrkamp Verlag. 476 S., 28 €]

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