Buch über Reemtsma-Entführung : Wenn der Vater entführt wird

In „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ beschreibt Johann Scheerer, wie er die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma 1996 erlebte.

Der Sohn des Hamburger Multimillionärs J. P. Reemtsma, Johann Scheerer.
Der Sohn des Hamburger Multimillionärs J. P. Reemtsma, Johann Scheerer.Foto: Matthias Haslauer/Piper Verlag GmbH /dpa -

Als der Millionenerbe und Germanist Jan Philipp Reemtsma 1996 entführt und nach 33 Tagen wieder freigelassen wurde, schrieb er ein Jahr später darüber ein Buch, „Im Keller“, natürlich vor allem um diese horrible Erfahrung psychisch zu verarbeiten. Nun hat sein Sohn Johann Scheerer, der damals 13 Jahre alt war, gleichfalls eine Geschichte über diese Entführung veröffentlicht, „Wir sind dann wohl die Angehörigen“.

Scheerer erzählt darin getreu die Ereignisse nach, beginnend von dem Tag, an dem seine Mutter ihn morgens weckt und sagt, sie beide müssten „ein Abenteuer“ bestehen, der Vater sei entführt worden. Das Leben ist für ihn nun ein Ausnahmezustand. Er geht nicht mehr zur Schule, sein Elternhaus wird zu einer Art von technischem Basislager, mit neuen ständigen Mitbewohnern: Polizisten, die Anwälte Joachim Kersten und Johann Schwan sowie der mit Reemtsma befreundete Sozialpsychologe Christian Schneider.

Worin liegt der Erkenntniswert der Lektüre?

Scheerer, der Musiker und Musikproduzent von Beruf ist, versucht als Ich-Erzähler, die Perspektive des Kindes einzunehmen, was ihm nicht durchgehend gelingt, oft funken ihm die Reflexionen des Mittdreißigers dazwischen. Natürlich hat die Entführungsgeschichte eine gewisse Dramatik mit zwei gescheiterten Lösegeldübergaben. Scheerer schildert relativ klar – auch in Ausdruck und Sprache – seine damals ambivalenten Gefühle und Handlungen: Er hofft, dass es bald vorbei sein möge, glaubt dann wieder, dass sein Vater stirbt, spielt Gitarre, hört die Ärzte, ist also auch um Normalität bemüht.

Trotzdem gibt es einigen Leerlauf, ist die Chronologie vorgegeben: und noch ein Tag und noch einer. Am Ende stellt sich die Frage: Worin besteht der Erkenntniswert der Lektüre? Dass Scheerer diese Geschichte aus sich heraustreiben will, das Schreiben eine Notwendigkeit war, glaubt man ihm sofort. Möge es ihm geholfen haben. Unbedingt lesen muss man dieses Buch nicht.

Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen. Die Geschichte einer Entführung. Piper Verlag, München 2018. 240 Seiten, 20 €.

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