Mikroports sollen mehr Freiheit bringen – und führen zu neuen Einschränkungen

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Bühnentrend : Terror der Intimität
Mach es nie ohne. Die kleinen Mikros dürfen auch im Bett nicht fehlen, wie hier in „Draußen vor der Tür“ an der Schaubühne.
Mach es nie ohne. Die kleinen Mikros dürfen auch im Bett nicht fehlen, wie hier in „Draußen vor der Tür“ an der Schaubühne.Foto: IMAGO

Das Musical entstand fast zeitgleich mit dem Pop. Kein Zufall, dass Mikroports hier schon lange selbstverständlich sind. Ja, es mag eine Zeit gegeben haben – in den 50er Jahren, als Bernstein mit der „West Side Story“ das erste Musical schrieb – in der Darsteller tatsächlich ohne Verstärkung gesungen haben. Heute sind Musicals ohne Verkabelung nicht denkbar, auch in der aktuellen „West Side Story“ an der Komischen Oper nicht. Das Publikum hat sich an den Anblick der kleinen Spangen gewöhnt, die Frage nach Alternativen wird nicht gestellt. Obwohl die Darsteller ja nicht ständig singen. Schweigt die Musik, sprechen sie auch – und haben trotzdem Mikroports umgeschnallt. Das ist so, als würde man den ganzen Tag einen Schirm mitschleppen, obwohl es nur manchmal regnet. Man sieht vielen Darstellern an, dass sie sich unwohl fühlen mit der ganzen Elektronik am Körper. Ein klassischer Fall von Fortschritt, der zugleich Rückschritt ist: Mikroports sollen mehr Freiheit bringen – und führen zu neuen Einschränkungen.

Absurde Szenen sind da möglich, wie im Musical „Motown“ im Theater am Kurfürstendamm. Alle Darsteller sind verkabelt, singen aber trotzdem in Stehmikrofone. Attrappen, von denen kein Kabel wegführt. Auch die „StradivariaS“ im Tipi am Kanzleramt haben trotz Mikroports noch Mikros in der Hand. Hier offenbart sich etwas anderes: Eine Sehnsucht nach Stil. Mikrofone hatten Eleganz, sie waren Teil der Show, quasi ein eigener Charakter, Widerpart und Gesprächspartner zugleich. Mikroports sind das nicht mehr, sie wandern mit wie ein Schatten, wie die Gehilfen des Landvermessers bei Kafka. Viele Darsteller wissen mit der neugewonnen Freiheit wenig anzufangen. Die Arme, die früher ein Mikrofon hielten, baumeln jetzt unentschlossen an der Seite.

Als Bollwerk gegen Mikroports erscheinen – noch – klassische Symphoniekonzerte und Opernhäuser. Wohl nirgendwo zählt die reine, unverfälschte Stimme noch so viel wie hier. „Mikroports sind in der Oper absolut tabu“, sagt Christoph Seuferle. Als Operndirektor an der Deutschen Oper Berlin gehört es zu seinem Job, ständig neue Stimmen zu hören. „Als im 19. Jahrhundert die Orchester immer größer wurden, waren auch die Sänger gezwungen, sich hochzutrainieren“, erklärt er. Jemand, der Monteverdi sang, hätte 300 Jahre später niemals Strauss singen können. Schafft es ein Sänger nicht, übers Orchester zu kommen, wird der Dirigent bemüht sein, herunterzudimmen. Denn er, und nicht der Tonmeister, hält die Fäden in der Hand. Christoph Seuferle hat den Eindruck: „Alle Opernhäuser weltweit verfahren so.“

Und trotzdem hält auch in der Klassik der erste Eindruck nicht, was er verspricht. Auch hier wird verstärkt. Wenn jemand hinter der Bühne singt, zum Beispiel. Oder bei großen Bällen wie der Aids-Gala an der Deutschen Oper oder dem Semperoper-Ball in Dresden. Oper geht in der Regel ohne jede Verstärkung über die Bühne. Trotzdem ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Opernwelt“ der Sänger Pascal Rénéric zu sehen, der in Paris für Schumanns „Manfred“ auf der Bühne steht – mit Mikroport.

Produktionen werden häufig im Rundfunk übertragen oder für CD mitgeschnitten. In der Philharmonie hängen dazu Mikrofone von der Decke. „Aber bei der Matthäus-Passion der Philharmoniker mit Simon Rattle im Oktober haben sich die Sänger frei bewegt – und trugen Mikroports", erzählt Rainer Barthel. Er ist Account Manager für professionelle Systeme bei der Firma Sennheiser. Auch an der Deutschen Oper würden Sänger zu Aufzeichnungszwecken in gut zehn Prozent aller Aufführungen kleine Mikrofone im Kostüm tragen. Die sind nur sehr gut versteckt. Und die Aufzeichnung wird nicht in den Saal rückübertragen. Das heißt, das Publikum hört den Gesang zu 100 Prozent aus dem Mund des Sängers selbst, ohne Beimischung von Lautsprechern. Das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben. Genau so lange, bis ein Regisseur auf den Gedanken kommt, mehr Intimität zwischen Sänger und Publikum herstellen zu wollen.

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