Neue Science-Fiction-Comics : Frau von Welt und Mann im All

Ein Rückblick auf das Science-Fiction-Comic-Jahr, das von außergewöhnlich vielen Neuerscheinungen von Autorinnen geprägt war - und manchen Abwehrreaktionen.

Heike K. Behnke Oliver Ristau
"Grün". Eine Szene aus dem zweiten Band von Frauke Bergers Science-Fiction-Comic.
"Grün". Eine Szene aus dem zweiten Band von Frauke Bergers Science-Fiction-Comic.Foto: Splitter

Ende 2018 standen anlässlich des 12. Comicfestivals in Hamburg Themen zwischen Gender Politics und Science-Fiction im Fokus. Neben der Beschäftigung mit der Darstellbarkeit geschlechtlicher Identitäten im zeitgenössischen Comic wurden etwa Larissa Hoffs Illustrationen zu Margaret Cavendishs "The Blazing World" (1668) gezeigt, dem ersten von einer Frau verfassten utopischen Werk, und zudem einem Frühtext feministischer Philosophie.

Die Fragen, ob Cavendish Mary W. Shelley den Titel Mutter der Science-Fiction streitig macht oder warum Alan Moore und Kevin O'Neill dem Buch in ihren Comics über die "League of Extraordinary Gentlemen" ihre Referenz erwiesen, brauchen hier nicht weiter zu interessieren; zwei Frauen unter den Pionieren der Zukunftsliteratur sind etwas, das zählt.

Aber scheinbar nicht genug. So hatte die Hansestadt nämlich auch Aminder Dhaliwal zu Gast, die sich in Kommentaren unter ihren auf Instagram veröffentlichten Comic-Strips über eine Welt ohne Männer, "Woman World", Androhungen von Vergewaltigung oder Mord ausgesetzt sah.

Und das alles wegen eines erstmals am Internationalen Frauentag 2017 veröffentlichten Comics, der ein nicht gerade unübliches SF-Szenario durchspielt, also quasi "Y – The Last Man" minus Eins, um mal im Comicbereich zu verbleiben.

Ein Schritt vor und zwei zurück

Was sie zu einer weiteren Kampfmittelbeseitigungskraft im Minenfeld der Comics macht, denn es sind vorwiegend Künstlerinnen, welche die Hauptlast beim Wiederaufbau der von kämpfenden Männern hinterlassenen Ruinen schultern, die zudem von einem Gespinst aus einer nicht von ihren Pfründen lassen wollenden Altherrenmentalität überwuchert sind.

Ein Problem, mit dem vor allem im Comic aktive Frauen, aber ebenso nicht-weiße oder andersgeschlechtliche Personen nicht erst seit der sich gegen alles irgendwie von einer heteronormativen Doktrin abweichende und als Comicsgate firmierenden Bewegung konfrontiert sind.

In dieser Hinsicht reichen sich SF und Comics einmal mehr die Hände, wenn auch in wenig rühmlicher Art. Beide können sich nur schwer von dem Klischee befreien, eher männliche Interessen zu bedienen, und warten mit heftigen Abwehrreaktionen auf, sobald jemand diesen Mythos in Frage stellt.

Im englischsprachigen Raum manifestierte sich dies zwischen 2013 bis 2017 in der Sad Puppy Initiative, mit der konservative Fans versuchten, die Shortlists der Hugo-Awards von politischen Themen freizuhalten, was sich insbesondere in der mit der radikalen Rechten liebäugelnden Abspaltung der Rabid Puppies unweigerlich gegen Frauen und Minderheiten richtete.

Nur durch zahlreiche Stellungnahmen verschiedener Szenegrößen sowie die Entscheidung der Community, in beeinflussten Listen gegen eine Vergabe des Awards zu stimmen, gelang eine deutliche Positionierung gegen die hanebüchenen Forderungen.

Dass eine solche Positionierung wirkt, war in den letzten Jahren deutlich zu sehen. Auch 2019 stand bei den Nominierungen wieder Perspektivenvielfalt im Fokus und die Entscheidung, nicht-männlich und nicht-weiße Stimmen ausdrücklich zu begrüßen statt zu marginalisieren, hat dem Genre neues Leben eingehaucht.

Den internationalen Markt im Blick

Schaut man sich dagegen die Shortlist des Kurd-Laßwitz-Preises an, ist es fast verwunderlich, dass es nicht noch mehr deutsche Autorinnen wie die mit "When We Were Starless" in der Kategorie Beste Erzählung für den Hugo nominierte Simone Heller direkt auf den internationalen Markt zieht.

Inländische Comic-Verleger scheinen ebenfalls erkannt zu haben, dass hier unentdecktes Potenzial schlummern könnte. Und so gab es mit Frauke Berger, Asja Wiegand, Katrin Gal oder Olivia Vieweg sowie dem Duo Cristin Wendt und Ronja Büscher allein im Zeitraum von 2018 bis 2019 fünf Neuerscheinungen beziehungsweise erweiterte Neufassungen von sich mit SF-Themen beschäftigenden Künstlerinnen, was einigermaßen außergewöhnlich ist.

International, und das ist eben immer auch richtungsweisend – siehe auch die weiter unten erwähnte englischsprachige Ausrichtung des Werkes von Paul Paetzel und Marc Hennes – ist diese Tendenz ebenso zu beobachten: Inés Estrada, Tillie Walden und Mickey Zacchilli sowie die bereits erwähnte Aminder Dhaliwal legten gleichfalls SF-Comics vor.

Darüber hinaus gab es das fast völlig untergegangene Deutschland-Debüt des Manga-Altmeisters Shintaro Kago zu vermelden, sowie die Rückkehr der Routiniers Tsutomu Nihei und Enki Bilal, die aber bereits ausgetretene Pfade zumindest teilweise verlassen. Zep und Dominique Bertail dagegen wildern in Gefilden, die einst einem wie Bilal Obdach boten.

Heran-Wachstumsschübe

Im Folgenden schauen wir uns einige der herausragenden Neuerscheinungen des vergangenen Science-Fiction-Comic-Jahres genauer an.

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