Das Ende des Kaiserreiches : Der Hochverrat der Admiräle

Wie die Seekriegsleitung der eigenen Regierung in den Rücken fiel und die Revolution vor 100 Jahren auslöste.

Unruhige Zeiten. Soldaten mit Waffen Unter den Linden, Ecke Charlottenstraße, November 1918.
Unruhige Zeiten. Soldaten mit Waffen Unter den Linden, Ecke Charlottenstraße, November 1918.Foto: bpk/Kunstbibliothek, SMB, Photothek Willy Römer/Gebrüder Haeckel

Der 9. November ist in der deutschen Geschichte ein mehrfach aufgeladenes Datum. Heute verbinden es wohl die meisten Deutschen mit dem glücklichen Fall der Mauer 1989. Dass am 9. November 1938 auch der Terror gegen die jüdische Bevölkerung einen ersten Höhepunkt erreichte, ist ebenfalls präsent. Doch dass am 9. November 1918 mit der Novemberrevolution und der daraus resultierenden Abdankung des deutschen Kaisers der Weg zur Republik und in eine parlamentarische Demokratie vorbereitet wurde, droht in Vergessenheit zu geraten – auch wenn das 100-jährige Jubiläum unmittelbar bevorsteht.

Schon zu Beginn des Jahres 1918 zeigten allein in Berlin mehr als 400 000 streikende Arbeiter, dass sie des Krieges müde waren. Doch der Streik wurde abgebrochen, um eine Konfrontation mit dem Militär zu vermeiden. Auch der Obersten Heeresleitung dämmerte, dass der Krieg an der Westfront verloren war. Und so forderte Erich Ludendorff die Reichsregierung auf, mit den Amerikanern über einen Waffenstillstand zu verhandeln und das Parlament stärker in die Verantwortung zu nehmen, wahrscheinlich eine taktische Maßnahme.

So wurde am 3. Oktober 1918 Prinz Max von Baden neuer Regierungschef, ein Konservativer mit liberalen Zügen, aber ein Vertreter der alten Elite. In seiner Antrittsrede bekannte er sich zur parlamentarischen Demokratie, obwohl er angetreten war, um die Kaiserkrone zu retten. Mit dem „Gesetz zur Änderung der Reichsverfassung“ kam er zu spät. Die begonnen Verhandlungen mit den Amerikanern torpedierte im wahrsten Sinne des Wortes die Marineleitung, als sechs Tage später ein deutsches U-Boot einen britischen Passagierdampfer versenkte. Die Haltung der Amerikaner verhärtete sich daraufhin.

Die Armeeführung stellte sich gegen die Regierung

Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und sein Stabschef Ludendorff rückten von der Idee der Friedensverhandlungen wieder ab, da eine Kapitulation nicht in Frage käme. Damit stellte sich die Armeeführung gegen die Regierung. Max von Baden forderte beide auf, beim Kaiser ihren Rücktritt einzureichen. Wilhelm II. nahm jedoch nur Ludendorffs Gesuch an. „Es rächte sich, dass ein erstarrtes Regime es versäumt hatte, durch ein Reformprogramm, das den Namen verdiente, dem Millionenheer der Arbeiter deutlich zu machen, dass der Staat, für den sie ins Feld zogen, auch ihr Staat war“, schreibt der Historiker Ernst Piper.

Obwohl die Reichsregierung am 20. Oktober eine Fortsetzung des U-Boot-Krieges abgelehnt hatte, befahl die Seekriegsleitung unter Konteradmiral Adolf von Trotha am 24. Oktober gegen den erklärten Willen der Regierung das Auslaufen der Seekriegsflotte, um einen Schlag gegen die Engländer zu führen. Damit war die Lunte gelegt, denn die kriegsmüden Besatzungen der Flotte hofften auf die Waffenstillstandsverhandlungen und wollten diese in einem ohnehin aussichtslosen Kampf nicht gefährden. Diese „militärische Rebellion der Admiräle“ war, wie Wilhelm Dittmann (USPD) 1926 schrieb, „der Dolchstoß der Seekriegsleitung in den Rücken der parlamentarischen Regierung des Prinzen Max von Baden (…). Den Hoch- und Landesverrat der Admiräle durchkreuzte die Gegenaktion der Matrosen und Heizer für die verfassungsmäßige Regierung. Die Racheaktion der Admiräle, die nunmehr einsetzte, löste erst die revolutionäre Erhebung der Heizer und Matrosen aus, die zum Beginn der Revolution im Reich wurde“, führt er aus.

Jetzt überschlagen sich die Ereignisse: Am 26. Oktober wird das Deutsche Reich eine parlamentarisch-konstitutionelle Monarchie. Auf vielen Kriegsschiffen kommt es zu Befehlsverweigerungen, der Kaiser reist am 29. Oktober nach Spa in Belgien. Als bei einer Matrosendemonstration am 3. November in Kiel ein Leutnant scharf schießen lässt, beginnt der bewaffnete Aufstand. Am 8. November wird der König von Bayern zum Abdanken gezwungen, bald darauf danken auch die anderen deutschen Fürsten ab.

Man versäumte es, die alten Eliten zu entmachten

Am 9. November kommt es in Berlin zum Generalstreik. Arbeiter ziehen zu den Kasernen, in der Chausseestraße gibt es die ersten Toten, als ein Offizier in die Menge schießt. Max von Baden ergreift die Flucht nach vorn, erklärt den Kaiser mittags über die Presse für abgesetzt und übergibt die Regierungsgeschäfte dem SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert.

Gegen 14 Uhr ruft Philipp Scheidemann gegen den Willen Eberts am Reichstagsgebäude die Republik aus. Wenige Stunden später ruft Karl Liebknecht vom Berliner Schloss aus die „Sozialistische Republik“ aus. Die Spaltung der Arbeiterbewegung zeichnet sich ab – und damit die kommenden Konflikte.

Am 10. November bildet Ebert mit den beiden sozialdemokratischen Parteien MSPD und USPD ein paritätisch besetztes Kabinett, um die gewaltigen Zukunftsaufgaben zu lösen. Acht Millionen Soldaten mussten integriert werden. Die Gewerkschaften wurden als Sozialpartner anerkannt und der Acht-Stunden-Tag eingeführt. Der Rat der Volksbeauftragten sollte mit der Sozialisierung der Industrie beginnen, doch die Mehrheitssozialdemokraten wollten der Nationalversammlung nicht vorgreifen, die am 19. Januar 1919 gewählt wurde. Man versäumte es, die alten Eliten zu entmachten. So verschärfte sich der Konflikt zwischen Gemäßigten und Radikalen. Zu einem wirklichen Bruch mit der Vergangenheit war man nicht bereit, ein fataler Fehler.

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