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Die junge Sigrid Nunez
© Sigrid Nunez

Sigrid-Nunez-Roman "Eine Feder auf dem Atem Gottes": Das heilige Geräusch des Schreibens

Auch in New York fällt der soziale Aufstieg schwer: Sigrid Nunez’ fabelhaftes Memoir „Eine Feder auf dem Atem Gottes“.

Man meint, diesen Satz schon anderswo gelesen zu haben, in Büchern von Annie Ernaux oder Didier Eribon, womöglich auch in „Ein Mann seiner Klasse“, dem Debüt des deutschen Schriftstellers Christian Baron: „Aufzusteigen heißt, die eigene Klasse zu verraten und den Verlust der Seele zu riskieren“.

Doch der Satz steht bei der US-amerikanischen Autorin Sigrid Nunez, in ihrem jetzt erst ins Deutsche übersetzten ersten Roman „Eine Feder auf dem Atem Gottes“, der 1995 veröffentlicht wurde und den man kaum als Roman bezeichnen kann, weil er doch deutlich als ein Memoir, eine autobiografische Erzählung zu erkennen ist.

Nunez erzählt darin in vier Teilen von ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrer Zeit als Ballettschülerin, da ist sie 11, 12 Jahre alt, und von einem Liebhaber, Vadim, mit dem sie dann in ihren Zwanzigern eine längere Affäre hat.

Erstaunlicherweise kommt sie so analytisch und reflektiert erst ganz am Ende auf ihre eigene soziale Klasse zu sprechen, eben im Zusammenhang mit Vadim, einem Russen aus dem damals sowjetischen Odessa, zu dem sie sich hingezogen fühlt, als sie in New York Englisch für Migranten unterrichtet.

Assistentin von Susan Sontag

Vadim ist um einiges älter, „siebenundreißig Jahre alt und schon Großvater, eine nicht ungewöhnliche russische Geschichte“. Vor allem ist er ein Mann ihrer niederen Klasse und hat mit ihr den migrantischen Hintergrund gemein.

Er schlägt sich in New York als Taxifahrer durch und war vorher in Odessa Zuhälter, Drogendealer und anderweitig Groß- und Kleinkrimineller: „Ein sehr schlechter Mensch. Ein Rohling. Ein Zuhälter. Eine Bedrohung für Frauen.“

Späte Debütantin. Sigrid Nunez wurde 1951 New York City geboren
Späte Debütantin. Sigrid Nunez wurde 1951 New York City geboren
© Marion Ettlinger

Sigrid Nunez stellt Vadim ihren Freundinnen nicht vor, obwohl diese begierig Fotos von ihm anschauen und alles über ihn hören wollen. Es sei ihr nie in den Sinn gekommen, schreibt sie, auch weil sie glaubt, dass ihre Freundinnen eine Begegnung kaum ertragen hätten. Womöglich ist es Scham gewesen, womöglich wollte sie nicht schon wieder auf ihre Herkunft fixiert werden: „Man kann das Mädchen aus dem Sozialbau holen, aber ...“

Nunez ist da lange auf dem Weg, ihrer Klasse zu entkommen, um dann später sagen zu können: „Das Geräusch eines Stiftes, der in der Nacht über Papier führt, ist ein heiliges Geräusch“. Sie macht ihren Master of Fine Arts an der Columbia University, verdient sich Geld mit Sprachlehrerinnenjobs und begegnet Susan Sontag, deren Assistentin sie wird.

Nunez wohnt auch bei Sontag, als „intellektuell betreutes Wohnen“ hat sie es in ihren Erinnerungen an die Zeit mit Sontag bezeichnet, und führt mit deren Sohn David Rieff eine Liebesbeziehung.

Als „Eine Feder auf dem Atem Gottes“ erscheint, ist Sigrid Nunez schon 44 Jahre alt. Eine späte Debütantin, die mit einiger Verspätung zu größeren literarischen Ehren gekommen und somit auch außerhalb der USA bekannt geworden ist: 2018 erhielt Nunez für ihren Roman „Der Freund“ den National Book Award.

2018 bekam Nunez für "Der Freund" den National Book Award

„Der Freund“ ist ein tatsächlich umwerfender Roman über die Trauer nach dem Tod eines Freundes. Diese Trauerverarbeitung geht einher mit der innigen Beziehung zu einem Hund, einer riesigen deutschen Dogge. Die US-Auszeichnung führte unter anderem in Deutschland zu neuerlichem Interesse an Nunez’ Büchern.

Mit „In Liebe, Lyle“, dem Virginia-Woolf-Roman „Das Krallenäffchen“ und dem Vietnam-Roman „Für Rouenna“ waren Ende der neunziger, Anfang der nuller Jahre mehrere Romane von Nunez auf Deutsch veröffentlicht worden, ohne dass es eine größere Resonanz darauf gegeben hätte (womöglich fehlgeleitete Rezeption, das falsche Fach, ähnlich wie bei Ernaux).

Mit „Der Freund“ hat sich das geändert, zumal die von Sigrid Nunez bevorzugte Form des autofiktionalen Schreibens inzwischen geradezu Mode geworden ist. Nach dem Susan-Sontag-Memoir und dem neuen, wieder sehr persönlichen Roman „Was dir fehlt“, in dem es unter anderem um Sterbebegleitung geht, veröffentlicht der Aufbau Verlag nun also das autobiografische Debüt der New Yorker Schriftstellerin.

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Nunez geht darin ihrer Kindheit und Jugend auf den Grund und erzählt, wie sie wurde, was sie mit Mitte vierzig ist. Allein ihr Vor- und Nachname deuten auf die multiethnische Herkunft hin. Die Mutter ist Deutsche und kam als 18-Jährige nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA; der Vater wurde in Colón, Panama 1911 als Sohn einer Mittelamerikanerin und eines aus Shanghai stammenden Chinesen geboren und verbrachte die ersten zehn Jahre seines Lebens in China.

Danach wurde er von seinem Vater nach Colón zurückgeschickt, wo er als panamaischer Staatsbürger seinen Namen hispanisierte, von Chang zu eben Nunez.

Seine Tochter erzählt zuerst aus seinem Leben, von dem sie im Grunde kaum etwas weiß, nicht zuletzt weil Carlos Chang Nunez sich immer in Schweigen gehüllt hat, ganz dem Klischee entsprechend. Er spricht kein Englisch, und als er in die Staaten emigriert und in New York bleibt, lernt er es mehr schlecht als recht.

Carlos arbeitet vor allem in Restaurants, bevor er für die US-Army in den Zweiten Weltkrieg zieht und in Frankreich und Deutschland kämpft. In Süddeutschland, wo der Vater nach Kriegsende noch einige Zeit stationiert ist, lernt er schließlich die junge Christa kennen, Sigrid Nunez’ Mutter, und schwängert sie. Er ist mehr doppelt so alt wie sie.

Die Beziehung der Eltern bleibt ihr ein Rätsel

Die Beziehung bleibt Sigrid Nunez ein Rätsel (und nicht nur ihr, auch dem Leser), von ihren Anfängen an. Allein die sprachliche Verständigung ist eine schwierige. Diese und die Weigerung, Englisch zu lernen, begünstigen sicher das spätere Verstummen des Vaters. Sprache an sich und das kommunikative (Nicht-) Miteinander durchziehen dieses Buch als Leitmotiv.

Das ist nicht nur beim Vater so, sondern auch bei Vadim, dem russischen Liebhaber, dem Nunez Englisch beibringt, um stolz dessen Fortschritte zu registrieren; und bei der Mutter, der sie das längste, intensivste Kapitel widmet.

Christa Nunez ist alles andere als zufrieden mit ihrem Leben in den USA, in den wechselnden Sozialbauten auf Staten Island und in Brooklyn. Sie spricht ein gutes Englisch, dem man aber die deutsche Herkunft und manche idiomatische Verwechslungen anhört. Selbst wenn sie spät im Leben beginnt, auf Englisch zu denken, gilt Deutschland ihre ganze Aufmerksamkeit, fühlt sie sich fehl am Platz: „Sie war anders. Sie gehörte nicht dazu“.

Die Mutter leidet unter Heimweh, besucht die Bundesrepublik mehrmals, hat eine komplizierte Beziehung zu einem Mr. Blum, mutmaßlich ein Holocaust-Überlebender, und glorifiziert die Vergangenheit, die sie davon abhält zurückzukehren, weil auch im Nachkriegsdeutschland alles anders geworden ist.

Manchmal entsteht der Eindruck, Sigrid Nunez habe ihr Buch allein deshalb geschrieben, um mit der Mutter abzurechnen, von wegen fehlender Mutterliebe (sie sollte erst abgetrieben werden). Doch immer wieder offenbart sie auch eine gewisse Nähe zu ihr und variiert Freuds Spruch, das Schlimmste im Leben eines Mannes sei der Tod des Vaters: „Oh Mutter“.

Das Phallische eines Spitzenschuhs

Das Mutter-Kapitel scheint auszufasern in Sentenzen, in einem sich selbst vergewissernden Stocken. Doch erkennt man in „Eine Feder auf dem Atem Gottes“ (im übrigen ein Zitat von Hildegard von Bingen), schon stark die heutige erfahrene Schriftstellerin mit ihrer klugen und gedankenreichen, ihrer klaren und nüchternen, um keine literarischen Verweise verlegene Erzählweise.

Da ragt hier selbst das kurze Ballett-Kapitel heraus, in dem sich Nunez ihrem eigenen Teenager-Ich zuwendet, jenseits von Mutter, Vater und Vadim. Das Ballett wird von ihr als ein System mitgedacht und mitbeschrieben, so wie es größtenteils von Männern auf den Leitungsebenen dominiert wird, so wie hier Mädchen eigentlich zu Jungs oder geschlechtslosen Wesen gedrillt werden.

Und überhaupt das Phallische eines Spitzenschuhs! Sie sei sicher nicht die Erste, die diese Verbindung herstellt, meint Nunez, „zwischen dem Spitzenschuh und einer Erektion“.

Beim Ballett geht es Nunez um Disziplin, um den Schmerz, um das Spüren des eigenen Körpers, um eine Sprache, die ohne Worte auskommt. Es ist natürlich auch ein Fortkommen von den Verhältnissen zuhause, doch das klappt nur halb. Mit ihrer Herkunft wird sie sofort wieder konfrontiert beim Besuch einer Mitballerina aus der Upper Class, bei der es „keinen Zweifel gab, was ihre Zukunft betraf.“

Ihre Seele hat Sigrid Nunez nicht verloren, und die Zweifel, das eigene Schreiben betreffend, dürfte sie gleich mit diesem ersten Buch überwunden haben, so sehr weist dieses auf ihre souverän-versierten Romane „Der Freund“ und „Was dir fehlt“. „Eine Feder auf dem Atem Gottes“ liest sich so zeitgemäß, als habe es Nunez nicht schon vor fast dreißig Jahren geschrieben, sondern gerade eben jetzt.

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