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Biblisches Drama. Botticellis „Beweinung Christi“ zierte einst den Hochaltar von S. Paolino in Florenz.

© Bayer. Staatsgemäldesammlungen

Alte Pinakothek: Das italienische Vorbild

Die Alte Pinakothek in München zeigt eine grandiose Ausstellung mit Florentiner Malerei des 15. Jahrhunderts. Das Museum selbst wurde im Inneren in den Zustand des Wiederaufbaus durch Hans Döllgast zurückversetzt.

„Alte Pinakothek“, steht in bronzefarbenen Lettern über dem Eingang. Das ist neu, eine Zugabe zum Haupteingang, den Hans Döllgast, der Architekt des behutsamen Wiederaufbaus des im Krieg schwer beschädigten Klenze-Baus in den fünfziger Jahren, an dessen Längsseite verlegt hat. Dahinter öffnet sich das doppeltgeschosshohe Foyer mit dem Kassentresen; an der Rückfront steigen zu beiden Seiten diese unglaublich langen, einläufigen Treppen ins zweite Obergeschoss hoch, zu den hohen Oberlichtsälen mit den größten Schätzen dieser herzoglich-kurfürstlich-königlichen Gemäldesammlung, einer der bedeutendsten der Welt.

Das Aufräumen der Pinakothek hat sich sichtbar gelohnt. Jetzt ist mehr Döllgast, als lange Zeit oder vielleicht überhaupt je war, zumal, wenn man das beliebte Café hinzunimmt. Das gab es zu Döllgast kargen Nachkriegszeiten noch nicht. Bislang kam das Café, als Erholungsort nach dem überwältigenden Erlebnis der Kunst überaus beliebt, denn doch ein wenig plüschig daher.

Der größte Gewinn der Teilrenovierung aber ist der Um- und Ausbau des Sonderausstellungsbereichs rechts vom Foyer. Er kulminiert in einem großen Saal, der gemeinsam mit beidseits anschließenden Räumen Platz bietet für anspruchsvolle Ausstellungen. Die erste nach der Renovierung ist gleich ein Höhepunkt: „Florenz und seine Maler. Von Giotto bis Leonardo da Vinci“.

Man konnte nicht hoffen, diese Bilder je außerhalb von Florenz zu sehen

Rund 120 Werke werden gezeigt, in allen drei Disziplinen: Zeichnung, Malerei und Skulptur. In dieser Reihenfolge, denn das disegno war für jede Kunstschöpfung die unabdingbare Grundlage, das hier nicht vertretene Kunsthandwerk eingeschlossen. 79 Werke zählt der Münchner Bestand an Florentiner Quattrocento, wie das 15. Jahrhundert auf italienisch heißt, einer der größten außerhalb des Ursprungslandes. Dieser Bestand wurde in den vergangenen Jahren umfassend erforscht und in einem voluminösen Katalog dokumentiert.

Aus diesem Schwarzbrot der Museumsarbeit erwuchs als Zugabe die Ausstellung, zu der vor allem, aber nicht nur Florentiner Museen Leihgaben beigesteuert haben, von denen man nicht einmal hoffen konnte, sie je außerhalb ihrer heimischen Mauern sehen zu können. Einer der größten Leihgeber waren auch die Berliner Staatlichen Museen, die zumal aus ihrer – beim Publikum notorisch unterschätzten – Skulpturensammlung Großartiges beisteuern konnten.

Am Beginn des Rundgangs hängt eine einzelne Zeichnung. Der Name des Künstlers dürfte allenfalls Spezialisten bekannt sein. Das Motiv aber könnte nicht treffender sein: ein Knabe, ein Schüler oder Gehilfe einer der zahlreichen Florentiner Künstlerwerkstätten, sitzt mit übergeschlagenen Beinen auf dem Boden und – zeichnet. So haben zahllose Eleven gezeichnet, und auch später hörte das Zeichnen niemals auf.

Alle Künstler haben stets gezeichnet. Papier war kostbar, so sind etliche der in München ausgestellten Blätter randvoll bekritzelt, mit Figuren, Gliedmaßen, Proportionsstudien. Alles Rohmaterial für die späteren Kompositionen, über deren Entstehung die genauer ausgeführten Blätter Auskunft geben, von ersten Skizzen bis zu exakten Bildaufbauten, versehen womöglich bereits mit Angaben zur Farbgebung. Oft haben andere Hände dann die Gemälde ausgeführt oder zumindest daran mitgewirkt, oder der Künstler wollte seinen ersten Gedanken für die spätere Ausführung festhalten.

Der zeichnende Knabe als Sinnbild für alles künstlerische Schaffen

Biblisches Drama. Botticellis „Beweinung Christi“ zierte einst den Hochaltar von S. Paolino in Florenz.

© Bayer. Staatsgemäldesammlungen

Aber der zeichnende Knabe ist das Sinnbild für alles künstlerische Schaffen, und er ist uns Heutigen so nah, so zeitlos vertraut. Immer wieder und ohne Spur von Abnutzung stellt die Renaissance uns den Menschen vor, der sich der Welt vergewissert, sei’s in Tätigkeit oder im aufmerksamen Schauen. In diesem einen 15. Jahrhundert geht die Kunst den ungeheuren Weg von der Darstellung unnahbarer Heiligenfiguren auf Goldgrund zum wirklichen Menschen in seiner realen Umwelt. Natürlich nicht nur und nicht einmal vorrangig; denn ganz überwiegend blieb die Aufgabe der Kunst die Darstellung der Historia, der Bibel und ihrer Geschichte(n).

Aber auch da wird die Kunst ganz weltlich, jedenfalls in Florenz, der Stadt der Händler, Banker und Unternehmer, denen keine Intrige, keine Schandtat je fremd war. Geradezu anstößig macht es Sandro Botticelli, einer der Größten seiner Zeit, der die „Anbetung der Könige“ ganz einfach von den Auftraggebern vornehmen lässt, den superreichen Medici, verkleidet als die drei Weisen aus dem Morgenland. Und sich selbst, herausfordernd aus dem Bild schauend, malt er gleich mit.

Vasari rühmte das Gemälde als „Vollendung seiner“ – Botticellis – „Meisterschaft“; es ist dies eine sensationelle Leihgabe aus den Uffizien, gleichrangig dem eigenen, Münchner Botticelli der „Beweinung Christi“ von 1490/95. Das Tafelbild wird nach umfassender Konservierung gezeigt, leuchtend in seiner expressiven Farbigkeit. Vor allem aber in leichter Untersicht, wie es einst für den Altar der Florentiner Kirche San Paolino konzipiert war. Jetzt erst erkennt man, dass der Leib Christi fast aus dem Bild herausrutscht, und ahnt, welche Wirkung das auf die Gläubigen gehabt haben muss.

Es ist überhaupt eine der großen Stärken der von Andreas Schumacher geleiteten Ausstellung, dass sie die Bilder so hängt, wie sie einst präsentiert wurden, als Altarbilder über die Köpfe der Gemeinde hinweg oder als Portraits über dem Kamin, stets weithin sichtbar.

Eine grandiose Ausstellung voller Geschichten

Neben den Altartafeln entstanden kleinere Formate für die private Andacht. Unbestrittenes Meisterwerk ist Leonardo da Vincis „Madonna mit der Nelke“ von etwa 1475. Gerade indem diese Pappelholztafel – das einzige Gemälde Leonardos in einem deutschen Museum – neben anderen Meisterwerke wie Andrea del Verrocchio ein wenig früherer „Maria mit Kind und zwei Engeln“ aus London, Lorenzo di Credis jüngerer „Maria mit dem Kind und dem Johannesknaben“ aus Dresden oder Fra Bartolommeos rund zwei Jahrzehnte jüngerer Tafel desselben Sujets aus New York zu sehen ist, tritt die unerreichte Eigenart Leonardos hervor.

Die Ausstellung gliedert sich nach Themen. Landschaft spielt nur als Hintergrund eine Rolle; autonom gibt es sie in Florenz noch nicht, Venedig mit Giorgione sowie die Maler nördlich der Alpen gingen voraus. Altniederländische Tafeln wurden durchaus gesammelt, sie kamen mit dem Handel nach Florenz, und gerade die Medici legten Wert auf die neuesten Werke. Die Antike wird nur ansatzweise rezipiert, etwa in der Marmorbüste eines Mannes in antikem Gewand von Mino da Fiesole, geschaffen 1456, einer Berliner Leihgabe, die hier zu voller Geltung kommt. Nur wenig jünger ist das Marmorrelief des Cosimo de’ Medici aus Antonio Rossellinos Werkstatt und ebenfalls aus Berlin entliehen. Es entstand noch zu Lebzeiten des „Alten“, il Vecchio, wie er genannt wurde. Ein angenehmer Zeitgenosse war er gewiss nicht.

So steckt diese grandiose Ausstellung voller Geschichten. Sie holt Florenz in eine Stadt, die sich schon immer als „nördlichste Stadt Italiens“ schmeichelte. Dies aber, wie an den hauseigenen Beständen zu ersehen ist, zu Recht.

München, Alte Pinakothek, bis 3. Februar. Umfassender, durchgehend farbig illustrierter Katalog bei Hirmer, 34,90 €

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