David Bowie in Berlin : Wir waren Helden

Erinnerungsarbeit mit dem legendären Produzenten Tony Visconti: ein David-Bowie-Gedenkabend im Sonos Store Berlin

Christian Schröder
Seine großen Augen. David Bowie wird 2016 bei der 25. Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo in Berlin posthum in die „Hall of Fame“ aufgenommen.
Seine großen Augen. David Bowie wird 2016 bei der 25. Verleihung des Deutschen Musikpreises Echo in Berlin posthum in die „Hall of...Foto: picture alliance / Clemens Bilan

Von der Promoreise, die David Bowie 1997 nach Deutschland führte, um sein Album „Earthling“ vorzustellen, ist vor allem der Auftritt in der ZDF-Fernsehshow „Wetten, dass..?“ in Erinnerung geblieben. Bowie saß in der Münsterland-Halle auf der berühmtem Wettcouch neben Til Schweiger und Nina Hoss, und bevor er eine Wette präsentierte, bei der ein junger Mann versuchte, eine Minute lang unter Wasser Trompete zu spielen, schwärmte er von den Bands, die ihn beeindruckt hatten, als er zwanzig Jahre zuvor in Berlin lebte: Kraftwerk, Harmonia und NEU! Thomas Gottschalk schaut irritiert, Bowie fragt: „Kennt die noch irgendwer?“ Kraftwerk: donnernder Applaus. Harmonia: Stille. NEU!: ein einziger Zuschauer jubelt. Gottschalk lacht, Bowie versichert: „Die waren wirklich gut.“

Lob vom Superstar

Michael Rother hat in allen drei Bands gespielt, bei Kraftwerk, Harmonia und NEU! Am Mittwochabend sitzt er auf einer Bühne in Berlin-Mitte und erinnert sich daran, wie es war, von Bowie gelobt zu werden. „Das hat nicht unsere Miete eingespielt, aber es war gut für die Seele, gab uns Hoffnung.“ David Bowie und Brian Eno waren schon Krautrock-Fans, als den Begriff noch keiner kannte. 1976 nahm Eno mit Harmonia in deren Studio im Weserbergland ein Album auf, ein Jahr später rief Bowie an. „Wir redeten eine Stunde, er lud uns nach Berlin ein, um mit ihm zu arbeiten.“ Daraus wurde: leider nichts.
„Song Stories: Bowie“ heißt der Erinnerungsabend, zu dem Sonos, ein Soundsystem-Hersteller aus dem Silicon Valley, in seinen neu eröffneten Laden an der Oranienburger Straße eingeladen hat. Bowie, Berlin und Highend-Elektronik, das scheint irgendwie zusammenzugehören. An den Wänden hängen Fotos aus Bowies Berliner Jahren und Werbebotschaften wie „Spiele jeden Song in jedem Raum.“ Die Stimmung ist andächtig, fast sakral. Aus den USA ist Tony Visconti eingeflogen worden, der legendäre Produzent, der, wie er sagt, 49 Jahre mit Bowie befreundet war, von 1967 bis zu dessen Tod 2006, und mit ihm die Alben der so genannten Berliner Trilogie aufnahm: „Low“, „Heroes“ und „Lodger“.

Berlin als Rettung

Berlin, sagt Visconti, war Bowies Rettung. „Er kam aus Los Angeles und war ausgebrannt. In Europa wollte er lernen, wieder mehr als eine Stunde pro Nacht zu schlafen und normal zu essen.“ Visconti, ein drahtiger 73-jähriger Stoiker mit dicker Hornbrille, glaubt, dass eine Eigenschaft des Sängers unterschätzt wird: sein Witz. „Vom Kontrollraum in den Hansa-Studios sah man direkt auf die Mauer und die Soldaten, die mit Maschinengewehren davor patrouillierten. Ich fragte: David, hast du keine Angst?, aber er lachte bloß und winkte den Soldaten zu. Iggy Pop und ich warfen uns unters Mischpult.“ Kein Schuss fiel.
Vier Zeitzeugen sitzen auf dem Podium, neben Rother und Visconti die Berliner Musikerin Gudrun Gut, Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten, und die britische Elektro-Singer/Songwriterin Alison Goldfrapp. Jeder lässt einen Lieblings-Bowie-Song abspielen, jeder erzählt eine andere, eigene Bowie-Geschichte. Gut hat sich für die minimalistische Glamrockballade „Repetition“ aus dem „Lodger“-Album entschieden, weil darin die „spröde Einsamkeit von West-Berlin“ zu spüren sei. Viscontis Wahl: der retrofuturistische Stampfer „Beauty and the Beast“, Goldfrapp und Rother einigten sich auf „Heroes“.

Wir können siegen

Kurz wird darüber gestritten, welches die bessere Version ist, die englische oder die deutsche. Also: „Niemänd gebt uns aine Schansche / Doch können wiar siegen“ versus „Though nothing, nothing will keep us together / We can beat them, forever and ever.“ Gut plädiert für „Helden“, wegen der Sperrigkeit, und als Visconti mit wackligem Tenor die Zeile „niickst gaschiaht“ anstimmt, ist die Kontroverse entschieden: großer Jubel. Bowie sang den Song nach Lautschrift, Visconti begleitete ihn im Background. Es folgt eine Anekdote über die Berliner Eigenart, sich nicht beeindrucken zu lassen. Visconti: „Als ich im Taxi zum Flughafen Tegel fuhr, lief im Radio ,Helden’, deutsche Fassung. Ich erzählte dem Fahrer, dass ich an den Aufnahmen beteiligt gewesen sei. Er nickte und gab sich interessiert. Aber eine Freifahrt gab es nicht.“
Berlin rettete Bowie, aber Bowie rettete die Welt. Jedenfalls den Teil von ihr, der 1977 jung war und unzufrieden. Goldfrapp berichtet von der unfassbaren Trostlosigkeit der südenglischen Provinz, in der sie aufwuchs. Daraus gab es nur drei Auswege: Punk, Disco, Bowie. „In seinen Songs ging es immer um Flucht“, sagt sie, dann rappt sie: „I danced, danced, danced to my heros.“ Und Gut erzählt, wie sie durch die einschlägigen Lokalitäten zog, um ihr Idol zu treffen, das „Andere Ufer“, den „Dschungel“ oder das „Chez Romy“, Fugger- / Ecke Welserstraße, wo sie sich allerdings den obligatorischen Champagner-Piccolo nicht leisten konnte. Als Bowie dann bei der Eröffnung des SO 36 an der Oranienstraße plötzlich vor ihr stand, brachte sie kein Wort heraus. „Ich wollte nicht mit ihm reden, ich wollte ihn heiraten.“ Warum auch nicht?

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