David Grossmans neuer Roman : Das Strahlen der Gewalt

Zur Zwangsarbeit verpflichtet: David Grossman erzählt in „Was Nina wusste“ von einer großen Liebe und ihren traumatischen Folgen.

Experte für das ewige Drama von Familien. Der israelische Schriftsteller David Grossman, 66.
Experte für das ewige Drama von Familien. Der israelische Schriftsteller David Grossman, 66.Foto: Andreas Klaer

Wer die kroatische Küste mit einem Schiff entlangfährt, kann in der Kvarner Bucht zwischen den Urlaubsparadiesen Krk und Rab eine Insel entdecken, deren im Sonnenlicht leuchtende Kahlheit etwas von der unheimlichen Weiße hat, die Melville Moby Dick attestierte.

Es ist eine lange verschwiegene Stätte des Schreckens: die Gefängnisinsel Goli Otok, auf der das Tito-Regime seit den Fünfzigern politische Gegner internierte, folterte, ermordete. David Grossmans Roman „Was Nina wusste“ spielt in der zweiten Hälfte auf Goli Otok. Er bezieht von der mysteriösen Insel die dunkle Energie einer Familiengeschichte über mehrere Generationen.

Erzählt wird von einer sehr großen Liebe in Zeiten des Stalinismus. Die 1918 geborene kroatische Jüdin Vera und der Serbe Miloš lieben sich auf eine Weise, die erst die sozialen und ethnischen Vorurteile ihrer Familien überwindet, dann den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg überdauert, um schließlich unter dem Terror Titos ins Tragische zu münden.

Miloš, ein verdienter Offizier des Partisanenkrieges, gerät nach dem Bruch zwischen Tito und Stalin in die Schusslinie des Regimes. Der Kämpfer für die kommunistische Sache, dessen Idealismus bereits gebrochen ist, sieht sich als Verräter verleumdet.

Er begeht 1951 in der Zelle Selbstmord. Daraufhin wird seine Frau Vera, deren Eltern bereits in Auschwitz ermordet wurden, vor eine perfide Entscheidung gestellt: Sie könne als Witwe mit der Pension ihres verstorbenen Mannes weiterleben; sie müsse allerdings durch ihre Unterschrift bestätigen, dass der bisher hoch respektierte Miloš mit Moskau im Bunde gewesen sei.

Andernfalls werde sie zur Zwangsarbeit auf Goli Otok verurteilt und Nina, ihre sechsjährige Tochter, werde nicht nur den Vater, sondern auch die Mutter verlieren. Vera entscheidet sich gegen den Überlebens- und Mutterinstinkt. Alles andere wäre für sie ein unerträglicher Verrat an ihrer Liebe zu Miloš.

Vera entscheidet sich gegen den Mutterinstinkt

Viele Jahre erleidet sie den Horror von Goli Otok. Tag für Tag muss sie in strammer Pose auf der Kuppe der Insel in der sengenden Sonne stehen, um einem Setzling Schatten zu spenden – eine dort übliche Form der Folter.

Anrührend beschreibt der Roman, wie Vera jene Gefühle der Liebe und Fürsorge auf die kleine Pflanze überträgt, die eigentlich Nina gelten, der verlassenen Tochter, die aus ihrer albtraumhaften Kindheit eine psychische Beschädigung für ihr Leben mitnimmt.

[Wenn Sie die wichtigsten Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Jahrzehnte später lebt Vera in Israel; nach einer zweiten Ehe ist sie längst Großmutter. Zu ihrem 90. Geburtstag kommt die Familie zusammen, und die verdrängten Konflikte entladen sich. Nina, die erste Anzeichen einer Demenzkrankheit zeigt, hatte bald nach der Geburt ihrer Tochter Gili ihre eigene Familie verlassen und damit Gili ähnlich „verraten“ wie einst Vera sie selbst.

Gili, die Enkelin, ist die Erzählerin des Romans. Sie ist inzwischen knapp vierzig Jahre alt und arbeitet als Filmemacherin. Sie beschließt nun, im Jahr 2008, einen Film in eigener Sache zu drehen: Mit der Mutter und Großmutter will sie den Ort des Familienverhängnisses gemeinsam aufsuchen. Die Reise nach Goli Otok schildert der Roman in der zweiten Hälfte und blättert dabei Stück für Stück die Szenen der Vergangenheit auf.

Wenn das Intime einer Gewalt ausgesetzt ist

Der 1954 in Jerusalem geborene Schriftsteller David Grossman verbindet in seinen Werken häufig das Thema Familie mit der Darstellung der jüngeren israelischen Geschichte. Berühmt wurde sein umfangreicher Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Das „Drama der Familie“ beschäftige jüdische Schriftsteller seit je obsessiv, meinte er einmal.

Was passiere mit der „Blase des Zarten, Intimen, Geschützten“, wenn sie der Strahlung der Gewalt ausgesetzt werde? Genau darum geht es in „Was Nina wusste“.

Grossman hat mit diesem Roman mehr im Sinn, als Liebe und Politik theatralisch kollidieren zu lassen und von den Schrecken eines Lagers zu erzählen. Es geht ihm um die familiären Nachwirkungen der Traumata über mehrere Generationen. Auch hierzulande sind solche Spätfolgen historischer Katastrophen seit einigen Jahren ein großen Thema; Bücher zum Thema Kriegskinder und Kriegsenkel finden viel Beachtung.

Vera, Nina und Gili, die drei Protagonistinnen des Romans, sind in ihre je eigene psychische Problematik verstrickt, aber der Anfang von allem war Veras fatale „Entscheidung“. Leider führt die umständliche Konstruktion des Romans dazu, dass die brisante, facettenreiche Geschichte zunächst wenig Zugkraft entwickelt.

Anfangs spielt die Handlung in Israel und tastet sich langsam an die Figuren heran. Es ist, als würden wir uns in einer anstrengenden, komplizierten Familie befinden, deren Gespräche wir nur halb begreifen – wobei wir zugleich nicht wissen, warum wir sie eigentlich ganz begreifen sollten. Die aufwendige Verschachtelung der Zeitebenen legitimiert sich erst später.

Wühlen im Seelengedärm der Familie

Bisweilen stört man sich an etwas schwülstigen Sätzen: „Vera lächelte ihn aus den Tiefen ihres Frauseins an, und sein Rückgrat wurde weich.“ Während der Aussprachen auf Goli Otok donnert und blitzt im Hintergrund ein Gewitter, als böte das Wühlen im Seelengedärm der Familie noch nicht genug Pathos.

Und dass Nina demenzkrank wird, folgt hier ganz der Psycho-Logik der Verdrängung: „Wenn du dich fünfzig Jahre anstrengst, eine bestimmte Sache zu vergessen, sagen wir, dass deine Mutter dich ausgesetzt und vor die Hunde hat gehen lassen, als du sechseinhalb warst, dann vergisst du zum Schluss auch alles andere.“ Ja, wenn das so einfach zu erklären wäre mit der Demenz.

Die Umständlichkeit, das Umstände-Machen des Romans hat auch damit zu tun, dass er sich dicht an Erlebtes hält. Vorbild für Vera ist Eva Nahir Panic, die viel zur Aufklärung über Goli Otok beigetragen hat.

Sie ist eine agile, gewitzte, liebenswürdige, aber auch sehr eigensinnige alte Frau – zu erleben auf Youtube in der sechsteiligen Dokumentation „Eva“, die man sich begleitend zur Romanlektüre ansehen sollte. Für Grossman ist sie, neben den Gesprächen mit Panic selbst, eine der wichtigsten Quellen gewesen.

[David Grossman: Was Nina wusste. Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Hanser Verlag, München 2020, 352 Seiten, 25 €.]

Und je mehr man sich in diese von der Politik torpedierte Familiengeschichte versenkt, desto mehr psychologische Finessen offenbart sie und desto glaubhafter wirkt die sie bestimmende Sehnsucht nach Aussprache und letztlich Versöhnung. Und umso gewichtiger erscheint das zentrale moralphilosophische Dilemma des Romans.

Vera ist begabt zur Liebe, aber nicht zur Lüge. Mit ihrem Pathos der Wahrheit um jeden Preis beschädigt sie ihre Familie für Jahrzehnte. Aber gibt es einen Punkt, an dem Treue, Wahrhaftigkeit und Liebe in Egoismus umschlagen?

Hätte etwas mehr verzeihlicher Pragmatismus unter den Bedingungen der Diktatur Vera und ihrer Familie nicht viele Leiden erspart? Schwere Frage. Es zeichnet den Roman aus, dass er sie dringlich stellt, die Antwort aber den Lesern überlässt.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!