Diane Arbus : Die dunkle Kammer

Neil Selkirk stellt seit 40 Jahren die Abzüge von Diane Arbus’ Fotografien her. Eine Begegnung mit dem postumen Assistenten, der zur Arbus-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau nach Berlin gekommen ist.

Der Laborant. Neil Selkirk hat auch die meisten der Fotos abgezogen, die hier im Gropius-Bau hinter ihm hängen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Der Laborant. Neil Selkirk hat auch die meisten der Fotos abgezogen, die hier im Gropius-Bau hinter ihm hängen. Foto: Doris...

Ihr persönlichster Assistent wurde Neil Selkirk erst, nachdem sie gestorben war. Nachdem man die Fotografin Diane Arbus in ihrer New Yorker Wohnung mit aufgeschnittenen Pulsadern gefunden hatte. Das war 1971, der Autopsiebericht vermerkte Schlafmittel. Nähe zu ihr schien nicht mehr möglich.

Aber dann schickten die Erben den Fotoassistenten Neil Selkirk in Diane Arbus’ Dunkelkammer, die, wie viele nachher sagen würden, auch eine besonders dunkle Kammer der Menschheit war. Er sollte ihre Ordnung durchdringen und Abzüge für ein Buch und eine Ausstellung machen. Abzüge, die es mit den ihren aufnehmen konnten. Als er nach anderthalb Jahren wieder ans Tageslicht kam, war er ein komplett anderer Mensch, sagt Selkirk.

Was hatte Selkirk dort unten gesehen?

Auf einer eisernen Bank im Berliner Gropius-Bau sitzt 40 Jahre später ein zugewandter Mann, längst eine Schlüsselfigur in Diane Arbus’ Kosmos. Ihre große Retrospektive ist im Aufbau begriffen. Alle Abzüge, die dort hängen, stammen von ihm oder Diane Arbus selbst, immer nur er oder sie. Selkirk, 64, ist der einzige Mensch auf der Welt, der das Recht hat, sie herzustellen. Seine limitierten Prints erlösen auf Auktionen Zehntausende, und dass Arbus nach ihrem Tod zum Weltstar wurde, hat auch mit ihm zu tun.

Als Diane Arbus 1970 in das Studio des New Yorker Fotografen Hiro kam, um sich über eine Kamera zu informieren, sehnte sie sich nach einem neuen Format. Sie wollte ein größeres Negativ. „Sie hatte mit obskuren Maschinen experimentiert“, und Selkirk, damals Hiros Assistent, erklärte ihr die Pentax 6x7, die sie dann auslieh, um sie zu testen. Sie gefiel ihr so gut, dass sie eine Unterrichtsklasse ins Leben rief, um sie zu finanzieren. Neben Nachbarn und Freunden, nahm auch Neil Selkirk teil.

Aber seine wahre fotografische Ausbildung begann, als der 24-jährige Fotoassistent „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, nämlich 1971 in der Charles Street 29, West Village, in Arbus’ dunkle Kammer stieg, die im Keller lag, um es dort mit 7000 Filmrollen aufzunehmen. Er sah für anderthalb Jahre nur den Ausschnitt aus der Welt, den Diane Arbus der Wirklichkeit entrissen hatte. Er sah, was sie in den zurückliegenden 15 Jahren für das Interessanteste gehalten hatte. Sein Blick glitt über die Details, für die er von jetzt an zuständig war: die Ränder. Die Hauttöne, die hellen Spitzen, die Körnung. Die Zeichnung in den Schatten.

Er starrte erst in die Entwickler, dann in die Wässerungsschalen und schließlich in den Fixierer, die Wannen hatte er gefüllt mit der ausgeklügelten Chemie, die sich zuvor auch Arbus umständlich kombiniert hatte, um damit die, wie sie meinte, „besten Prints Amerikas“ herzustellen. Es war Selkirks Aufgabe, seine Prints verwechselbar zu machen, sie den ihren bis aufs Korn anzugleichen. Er sollte nicht interpretieren, er sollte kopieren. Eine Hilfe war das blaue Buch, das die Formeln enthielt, die Arbus’ Ex-Mann Allan zusammengestellt hatte. Selkirk blätterte darin, wenn er etwas über ihre Substanzen und Mischungsverhältnisse wissen wollte.

Ansonsten aber war er auf sein Geschick angewiesen. Selkirk laborierte 12 Stunden am Tag vor sich hin, während Arbus’ Referenzabzug immer vor seinen Augen lehnte. Was passierte da in den Schwärzen? Es war bemerkenswert viel Schwarz in ihren Bildern. „Einige Bilder hätten aus dem Familienalbum einer normalen Familie sein können – wenn sie nicht so schwarz und kontrastreich abgezogen wären.“ Selkirk experimentierte, riss das Bild vorzeitig aus dem Entwickler, legte über den Belichtungsausschnitt Pappstreifen und befuhr die Ränder mit einem feuchten Finger. Er kippte laufend Chemie weg und rührte neue an. Er verglich, und wenn er einen Unterschied zwischen seinem und ihrem Bild ausmachte, folgte er ihrem. Es war das Spiel „Finden Sie den Fehler“. Anderthalb Jahre lang. Meist fand er seine Arbeit so unvollkommen, dass er im Durchschnitt am Tag nur einen einzigen Abzug schaffte.

„Es gab damals etwa 50 verschiedene Filme in Amerika zu kaufen. Diane Arbus hat sie alle ausprobiert.“ Am Ende war sie mit keinem zufrieden und hat sich Agfa-Filme aus Deutschland mitbringen lassen. „Wer so handelt, weiß sehr genau, was er will.“

Selkirk tauchte noch einmal durch 15 Jahre Arbeit, verfolgte nach, wie Arbus irgendwann keine Ausschnitte aus ihren Bildern mehr vergrößerte, sondern, wie um die ganze Wahrheit zu zeigen, die ganze Aufnahme zeigte. Er bemerkte, dass sie nie im Labor einzelne Partien heller fächelte, wie das die meisten anderen Fotografen taten. Sie behandelte immer das ganze Bild. Er sah ihre Auftragsarbeit für Magazine, für „Esquire“, „Glamour“ und „Harper’s Bazaar“. Er sah die Reichen von New York und die Armen. Er sah die Arbeiten, die sie mithilfe zweier Guggenheim-Stipendien realisierte. Die „amerikanischen Riten“, alltägliche Zeremonien der Gegenwart, die sie fotografierte, als würde Amerika in viele verschiedene Stämme zerfallen, deren Mitglieder sich kostümierten, Tänze veranstalteten und seltsamen Ritualen folgten. Er sah das Paar einer Kindertanzschule und die Paare in Nudistencamps. Selkirk sah in diese vielen Augen, in die zuvor Arbus geblickt hatte, und die ihn nun aus dem Fixierbad anschauten. Wer fixierte da wen? Da waren Zwerge, Arme, Transvestiten, Feuer-, Schwert- und Rasierklingenschlucker, Zirkusgestalten und die Insassen einer Anstalt für geistig Behinderte, die sich verkleidet hatten und glücklich wirkten.

Es waren Menschen, die man gerne unter „Außenseiter“ subsumiert. Während sie selbst glaubte, mit den amerikanischen Riten ins Zentrum der Gesellschaft vorzudringen, behaupteten andere, sie beschreibe ihre Ränder.

Selkirk machte zunächst 700 Prints, in den nächsten vier Jahrzehnten viele mehr. Das Bild, das er so von der Fotografin Diane Arbus zutage förderte, hatte ausgezeichnete Schatten.

„Extrem neugierig und vollkommen leidenschaftslos“ fand er ihren Stil. Er schätzte ihre Genauigkeit, das ernsthaft Forschende. Gearbeitet habe sie immer alleine, manchmal hatte sie mehrere Kameras dabei, einen Blitz. Sie hat die Leute in der U-Bahn angesprochen, und die haben sie mit nach Hause genommen.

Selkirk lernte das alles, bevor die Welt sich ein Bild machen konnte. Bevor sie begriff, dass sie mit Diane Arbus eine maßgebliche Fotografin verloren hatte, die ihre Kunst umdefinierte. Die großen Ausstellungen, die Arbus’ ältere Tochter Doon organisierte, an die das Erbe gefallen war und die dem Arbus Estate vorsteht, sollten erst noch kommen. Dann kamen bald die Jünger. Mit ihnen die Zuschreibungen und die Nachahmer. Viele hatten ein Bild von Diane Arbus, ohne je ein Bild gesehen zu haben. Viele verwechselten die Düsternis ihres Selbstmords mit dem Thema ihrer Arbeit. Die Fotografin Nan Goldin wurde möglich. Und Rineke Dijkstra.

Selkirk wurde ebenfalls Fotograf, Spezialität Porträts. Er erinnert sich an nichts, was Diane Arbus zu seinen Arbeiten gesagt hätte, damals in der Klasse, die sie gab, um sich die Pentax kaufen zu können. Er erinnert sich an das, was er gesehen hat. Alles, was er von ihr lernte, lernte er durch ihre Bilder.

Selkirk, der behauptet, den Unterschied von einem ihrer Abzüge zu einem seiner Abzüge nicht mehr erkennen zu können, sagt, er ist ernster geworden im Keller des West Village. Er hatte vorher Werbung fotografiert, und nun war er unfähig, irgendetwas zu beschönigen. „Ich war zerstört. Ich musste ganz von vorne anfangen. Alles was zählte, war das Dokument. – Vermutlich wäre ich sonst heute ein oberflächlicher Werbefotograf.“

„Diane Arbus“ im Gropius-Bau, 22. Juni bis 23. September, Mi-Mo 10-19 Uhr

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