Die Nerven live in Berlin : Immer nur dagegen

Großer Krach: Die Nerven spielten in der Berghain Kantine das erste von zwei ausverkauften Berlin-Konzerten.

Das Stuttgarter Trio Die Nerven.
Das Stuttgarter Trio Die Nerven.Foto: Christian Bendel

Die Nerven sind eine Punk-Band für Intellektuelle: Spätestens nach dem 2014 veröffentlichten Durchbruchsalbum „Fun“ avancierte das Noiserock-Trio mit den galligen Texten zu Lieblingen des deutschen Feuilletons. Die Stuttgarter zelebrierten eine Scharfkantigkeit, wie man sie so von deutschen Bands lange nicht gehört hatte – jedenfalls nicht mit solcher Relevanz.

Trotz oder gerade wegen ihrer sloganartigen Textfetzen, trafen sie – nun ja – den Nerv von Menschen, die sonst eher Diskurspop wie Tocotronic hören. „Immer nur dagegen, nie wirklich da / immer nur dagegen, aber gegen was?“, heißt es in „Frei“ vom 2018er-Album „Fake“, das zu Recht als eine der besten deutschen Platten des Jahres gefeiert worden war.

Die Besucher der Kantine am Berghain sehen an diesem Montagabend nicht gerade nach Punk aus: Es ist ein mittelaltes eher bürgerlich wirkendes Publikum, dass den Krach der Nerven gern gegen alle Analysen einzutauschen. Der Bedarf ist groß: Die Band spielt diese Woche zwei ausverkaufte Konzerte in Berlin.

Ausbrüche befreiender Heftigkeit

„Ich wünschte, mein Körper wäre ein Schrapnell“, singt Max Rieger und lässt seine Gitarre knurren. Auf dem „Swans“- T-Shirt, das er trägt, ist eine Reihe gefletschter Zähne zu sehen. Paranoide Riffs und knebelnde Rhythmen halten die Wut am Brodeln, um kurz darauf durch Ausbrüche von befreiender Heftigkeit gekrönt zu werden.

Großen Anteil daran hat Kevin Kuhn, der beim Spielen immer wieder hinter seinem Schlagzeug aufsteht, draufdrischt, die Augen aufreißt und seine Kollegen nach vorne treibt. Entgegen ihrem Rufs als „mies gelaunteste Band Deutschlands“ beweisen Die Nerven an diesem Abend durchaus Humor, etwa wenn Rieger Kuhn seine Drumsticks wegnimmt oder zwischendurch ein verschleppter „Berghain-Blues“ angestimmt wird.

Die Band steht an der Spitze eines Postpunk-Revivals, das mit Kreisky in Österreich begann und sich mit Bands wie Karies, Messer, Human Abfall oder Pisse fortsetzte. „Neue deutsche Kälte“ nannte der Bayrische Rundfunk diese Szene einmal. Das Grundgefühl, das sie alle eint, ist der Dissens: Ein großes, fundamentales Angepisstsein. Und wie könnte man das besser vermitteln als mit deutschen Texten? „Her mit euren Lügen, her mit eurem Leid“, singt Rieger im Titelsong von „Fake“. Ja, all das möchte man den Nerven geben und noch mehr: Allen Frust, alle Zweifel, alle Ohnmacht – damit sie sie in tausend Stücke schlagen.

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