Der größte Nachteil der E-Mail ist zugleich ihr größter Vorteil

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Digitale Welt : Flut und Segen: Wie E-Mails unsere Zeit vernichten
Kommunikatives Perpetuum mobile. E-Mails bringen zwischen Sinn, Unsinn und Spam so ziemlich alles hervor.
Kommunikatives Perpetuum mobile. E-Mails bringen zwischen Sinn, Unsinn und Spam so ziemlich alles hervor.Abbildung: Mauritius

Des einen Sorge ist des anderen Wachstumsmarkt: Längst hat sich eine Horde von Coaches und Consultern in Stellung gebracht. Es gibt Ratgeber, Workshops und Software zur E-Mailreduzierung. Genützt hat es bislang wenig. Dem ausufernden elektronischen Briefverkehr haftet weiterhin nichts Unanständiges an. Und kaum jemand entzieht sich freiwillig. Im Gegenteil: Wer kein Postfach hat, muss ein Greis oder Säugling sein. Wer binnen zwölf Stunden nicht auf Anfragen reagiert, gilt als unhöflich und lahm. Wer berufliche E-Mails nur zweimal täglich zu festen Zeiten abruft, als pedantischer Sonderling. Du Digitalemigrant. Geh doch nach Hause, du Holzmedienhaken, wenn dir die schöne neue Welt zu fast and furious ist.

In unserer Vorstellung ist die E-Mail eine archaische Naturgewalt, der der Starke sich mutig entgegenstemmt, den Schwachen fegt sie hinweg. Metaphern unterstreichen das Bild: Von E-Mailflut und Lawine ist die Rede, Mails prasseln nieder, verbinden sich zu reißenden Informationsströmen. Gewinner wissen die Wellen zu reiten, Verlierer kriegen zum Trost einen Burn-out. Implosion als ultimativer Leistungsnachweis. Das hyperkommunikative Ich, dessen oberstes Glaubensgebot die ständige Erreichbarkeit ist, endet als qualmendes Aschehäufchen. Aber darauf darf man dann ein bisschen stolz sein.

Nur: Was das den Steuerzahler wieder kostet. Die Krankenkassen. Den Wirtschaftsstandort. Nicht in allen Vorstandsetagen will man deshalb warten, bis sich die Belegschaft gegenseitig um den Verstand gemailt hat. Der Autokonzern VW lässt nachts keine Nachrichten mehr auf die Blackberrys seiner Mitarbeiter weiterleiten. Die Telekom ermahnt ihr Führungspersonal zu weniger Mitteilungen außerhalb der Arbeitszeiten. Der IT-Dienstleister Atos will bis Ende 2013 interne Mails komplett abschaffen. Die Kollegen sollen sich stattdessen über eine Art Firmenfacebook austauschen. Mit dem neuen Programm kann man übrigens tolle interaktive Sachen machen, kommentieren und liken und chatten und Events anlegen und Videos posten und sein Profil gestalten. Nur halt keine Briefe mehr schreiben.

Ob andere dem Beispiel folgen werden? Ob das der Todesstoß für den Betreff: dringend!!!! und die Re:Re:Re:Res wird? Trotz spektakulärer Einzelbeispiele deutet nichts darauf hin, dass die E-Mail in Kürze von einer anderen Anwendung abgelöst wird. Nicht einmal, dass sich strengere Konventionen für ihre Benutzung herausbilden werden. Nur fünf am Tag, nie mehr als vier Zeilen, nicht ohne aussagekräftigen Betreff? Absurd. Genauso lächerlich ist die Vorstellung, irgendjemand könnte E-Mails kostenpflichtig machen – nur damit die Menschheit sparsamer mit ihnen umgeht.

Eins kann man getrost voraussagen: Alle Regulierungsversuche werden scheitern. Weil der größte Nachteil der E-Mail zugleich ihr größter Vorteil ist. Er besteht darin, dass sie ein bedeutungsoffener, dezentraler, wenig überwachter Kanal ist. Weder inhaltlich noch stilistisch festgelegt, nicht auf Länge oder Tiefe. Die E-Mail ist, was der Einzelne will, das sie ist. Wurfbriefsendung, Organisationsinstrument, Transportweg, Gedächtnisstütze, soziales Schmiermittel. Sie kann bellend sein oder charmant, hochoffiziell oder halbprivat, integrierend oder intrigant, lächelnd, lobend, augenzwinkernd. Wäre sie morgen abgeschafft, würden wir sie schrecklich vermissen.

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