"Drei Zinnen" im Kino : Plötzlich Nebel

Mensch gegen Natur, Sohn gegen Ersatzvater: Jan Zabeils meditatives Dolomiten-Drama „Drei Zinnen“ zerbröselt herkömmliche Männlichkeitsbilder.

Aaron (Alexander Fehling) mit dem Sohn seiner Freundin (Arian Montgomery).
Aaron (Alexander Fehling) mit dem Sohn seiner Freundin (Arian Montgomery).FOTO: NFP

Stupsnase, Rehaugen, rosige Bäckchen, dazu ein Skianzug so weiß wie Schnee. Das Kind, das im Gebirgsgeröll am Fuße der Drei Zinnen herumstapft, sieht aus wie die reine Unschuld. Und doch ist längst die Saat des Zweifels gepflanzt, ob der junge Tristan wirklich nur arglose Gedanken hegt. Und da ist sie noch gar nicht geschehen, die spektakulär stille Szene im Eissee, die das qua Natur festgelegt erscheinende Machtverhältnis zwischen dem Jungen und dem Mann umkehrt.

Dabei fängt alles so harmlos an. Der Mann, Aaron, führt den Jungen in die Hochgebirgswelt ein: „Mein liebster Berg: Drei Zinnen.“ Der Achtjährige antwortet klarsichtig. „Das ist nicht einer, das sind drei Berge – Mama, Papa, Kind.“ Für ihn, das Trennungskind, sind die majestätischen Zacken nicht das jährlich von Tausenden von Touristen belagerte Wahrzeichen der Dolomiten, sondern eine Idealfamilie. Drei stumme Gesellen, von der Erosion aus dem Kalkstein gefräst, auf ewig verbunden und doch isoliert. Sie sind das Sinnbild, das Jan Zabeils ganz auf drei Protagonisten konzentriertes Kammerspiel vor menschenleerer Cinemascope-Kulisse Titel und Richtung gibt.

Symbolisch aufgeladen ist auch der erst reichlich artifiziell wirkende, später aber immer organischer anmutende Sprachmix in „Drei Zinnen“. Léa, die von der schönen Bérénice Bejo gespielte Mutter ist Französin, doch Sohn Tristan spricht lieber Englisch mir ihr. Das ist offensichtlich die Sprache seines ständig anrufenden Vaters, den Léa vor zwei Jahren für ihre neue Liebe, den deutschen Architekten Aaron, verlassen hat. Was der Patchworkfamilie im Bergurlaub fehlt, das ist eine gemeinsame Sprache – vom Familiengefühl gar nicht zu reden.

Zivilisierte Empfindungen können im Gebirge genau die falsche Strategie sein

Das ist so brüchig wie die Rollenbilder in Zabeils Film, der auf dem Filmfestival in Locarno seine Premiere hatte. Aaron ist zwar ein Naturbursche, der schwere Lasten trägt, die Berge besteigt und vor der Hütte Holz hackt. Doch die grobmotorischen Talente kombiniert der großartige Alexander Fehling in der Rolle des Aaron mit fast schon zu vielen feingeistigen Attributen. Er spielt die Orgel, die in der Berghütte herumsteht, ist Léas einfühlsamer Gesprächspartner und leidenschaftlicher Liebhaber – und schlüpft für den Jungen in die Rolle des Ersatzvaters. Kurz: Aaron ist der harte, zarte Bilderbuchmann. Doch gerade diese zivilisierten Empfindungen und Eigenschaften – oder böser ausgedrückt: seine die natürliche Autorität unterlaufende Unvermögen – können im archaischen Gebirge, wo urplötzlich Nebel aufzieht, Abgründe klaffen oder Schneedecken einbrechen, genau die falsche Strategie sein. Zumal die zunehmende Unsicherheit des Mannes ihren Gegenpol in den zunehmend bösartigeren Manipulationsversuchen des Jungen findet.

Genau wie in seinem in aller Seelenruhe in afrikanische Landschaften eintauchenden Spielfilmdebüt „Der Fluss war einst ein Mensch“ von 2012 nimmt sich Jan Zabeil dramaturgisch auch diesmal wieder alle Zeit der Welt, um seine Konflikte fast unmerklich zu entfalten. Sein Diktum, dass die Story möglichst wenig Kontrolle über den Film erhalten soll, schlägt sich zu Beginn des Psychogramms noch in dröhnender Ereignislosigkeit nieder, wenn die Kamera vor allem bei den Verrichtungen in der Berghütte und auf den Gesichtern verharrt. Doch haben sich die Pupillen erst mal an den Minimalismus von Axel Schneppats intimen Einstellungen gewöhnt, der die Dreiergruppe in der Hütte immer wieder in einer Draufsicht beim Schlafen beobachtet, staunt man über Zabeils erzählerischen Mut, der beim fürchterlich feuchtkalten Showdown dann auch an actiongetriebener Wucht gewinnt.

Der Bergfilm hat gerade Konjunktur

Mag es an der Jahreszeit liegen oder einfach Zufall sein: Der Bergfilm hat gerade Konjunktur. Jüngst starteten zwei, die zwischen Psychodrama und Überlebenskampf schwankende US-Produktion „Zwischen zwei Leben“ (sprechender ist der unfreiwillig komische Originaltitel „The Mountain between us“) mit Kate Winslet und der Alpenwestern „Der Mann im Eis“ mit Jürgen Vogel als Steinzeitmensch Ötzi. „Drei Zinnen“ entfernt sich am weitesten von den Anfängen des unkaputtbaren Genres, das der Filmpionier Arnold Fanck in den zwanziger Jahren mit seinem Hauptdarsteller Luis Trenker begründete.

Trenker verkörperte den Bezwinger einer erhabenen, aber auch feindlichen, dem Menschen bestenfalls gleichgültig gegenüberstehenden Natur. Dieser Typus hat mit Zabeils planvoll zerbröseltem Männlichkeitsbild nur noch eins gemein: die Idee, dass sich im Kampf mit der extremen Natur der Kern des menschlichen Charakters zeigt. Dass die Macht der Berge einem echten Kerl eines Tages aber weniger gefährlich werden kann als ein mit Loyalitätskonflikten ringendes Kind, wäre den Bergfilmpionieren niemals in den Sinn gekommen.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi Lux, FAF, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Wolf, Yorck

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