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Ein Gespräch mit Renzo Piano : Die Stadt, die Häuser, die Zivilisation

Sie sind aber derjenige im Team, dessen Name in aller Welt bekannt ist.
Im Team spielt es keine Rolle, wer eine Idee gehabt hat. Wenn eine Idee, ein Vorschlag in die Runde fällt, dann geht es Ping-Pong hin und her, und alle arbeiten daran, egal, wer den Gedanken zuerst geäußert hat. Das ist keine Reduktion von Kreativität, sondern ermöglicht sie im Gegenteil. Architektur ist eine derart komplizierte Angelegenheit, dass man eine ganze Armee an Talent und an Hartnäckigkeit benötigt. Ohne Hartnäckigkeit kommt man nicht zum Kern der Dinge.

"Als Architekt muss man Irritationen akzeptieren"

Welche Rolle spielt der Bauherr?
Die Rolle des Auftraggebers ist fundamental, mit dem Bauherren beginnt das Ganze erst. Der gute Auftraggeber versorgt einen mit der Geschichte, der Erzählung, die dem Ganzen zugrunde liegt. In jedem meiner Projekte finden Sie etwas vom jeweiligen Bauherren. Zum Beispiel das Hochhaus „The Shard“: Es war der Bürgermeister von London, der an dieser Stelle nahe der London Bridge etwas sehen wollte, nicht gegen, sondern für die Stadt, er wollte eine Spannung schaffen. Es sollten nicht mehr als 30 oder 40 Autoparkplätze entstehen, sondern das Gebäude sollte auf einem Bahnhof mit zwei U-Bahnlinien und 22 Buslinien aufsitzen – eine vertikale Stadt für 10.000 Menschen. Er sagte mir, zeigen Sie, dass Sie etwas zur Stadt hinzufügen können ohne zusätzlichen Verkehr. Das ist eine gute Story, daraus kann man etwas machen!

Allerdings haben Sie für „The Shard“ viel Kritik einstecken müssen.
Was für Kritik?

Dass Sie die Skyline von London verändern. Dass Sie das Mega-Hochhaus in die Skyline einpflanzen, etwas, das es in London zuvor nicht gegeben hat.
Das ist ungerecht, dass ich für ein schlechtes Hochhaus verantwortlich sein soll. London ist eine zivilisierte Stadt, da muss man sich einer ganzen Reihe von öffentlichen Anhörungen unterziehen. Da kamen die Historiker, und manche führten an, das Hochhaus würde der St.-Paul’s-Kathedrale den Vorrang streitig machen. Doch nach anderthalb Jahren entschied die Jury, mit dem Projekt fortzufahren.

Behindern solche Verfahren in der Arbeit?
Als Architekt muss man Irritationen akzeptieren, da darf man nicht arrogant sein und sagen, ich mache, was ich will. Wir haben hart an diesem Projekt gearbeitet, an einer Fülle von Problemen, etwa der Rolle der Öffentlichkeit zu ebener Erde, und schlussendlich fragt man sich, wo ist das Problem? Das Ganze war ein fairer und ehrlicher Prozess.

Was bedeutet die Stadt als Ganzes?
Europäische Städte bestehen aus verschiedenen Schichten, aus interessanten und nicht aus langweiligen Orten. Unsere Verantwortung bezieht sich auf das jeweilige Gebäude. Und wegen diesem einen Gebäude entstehen doch nicht lauter schlechte Bauten.

In den USA gelten Sie als Museumsarchitekt schlechthin. Zuletzt haben Sie den Neubau des Whitney Museum in New York geschaffen. Ist das Museum der von Ihnen bevorzugte Bautyp?
Nein. Aus mancherlei Gründen haben wir viele Museen entworfen. Allerdings gibt es einen einfachen Grund: Ich arbeite gern mit Künstlern zusammen. Nur dass Sie’s wissen: Wir sagen nicht jedes Mal zu, wenn wir gefragt werden, ein Museum zu bauen. Das Projekt des Whitney zog sich über ein Dutzend Jahre hin. Was ich allerdings bevorzuge, sind öffentliche Gebäude, Konzertsäle, Theater, Schulen, Universitäten oder Bibliotheken.

Was verbindet diese Gebäudetypen miteinander?
Ich möchte Örtlichkeiten schaffen, an denen Menschen ihre Werte miteinander teilen können. Das ist die Essenz der Stadt. Im Italienischen sind ,città’ und ,civiltà’ ein und dasselbe Wort. Es geht um eine zivilisierte, humane Welt. Und in diesem Sinne wirken Gebäude als Katalysatoren in der Stadt als Orte, an denen sich Menschen treffen und dieselben Werte teilen, ob hinsichtlich von Wissenschaft oder Erziehung oder auch von Schönheit.

Schönheit ist ein Kriterium?
Schönheit ist keine romantische Idee oder bloße Kosmetik. ,Schön’ und ,gut’ gehören zusammen, und in diesem Sinne glaube ich, dass Architektur die Welt verändern kann. Nicht mit einem Mal, aber im Lauf der Zeit. Und in diesem Sinne macht Schönheit Menschen auch zu besseren Menschen. Ich liebe es über alles, Gebäude zu entwerfen. Aber am meisten liebe ich es, Orte für Menschen zu schaffen. Orte, an denen Menschen zusammenkommen können, für eine zivilisiertere, für eine bessere Welt.

Das Gespräch führte Bernhard Schulz.

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