• Eine Ikone und ihr Einfluss: Wie Cindy Sherman bis heute die Kunstwelt durcheinanderwirbelt

Eine Ikone und ihr Einfluss : Wie Cindy Sherman bis heute die Kunstwelt durcheinanderwirbelt

Cindy Sherman perfektionierte die Kunst der Transformation. Eine Schau in Wien stellt ihrem Werk Arbeiten von 21 Künstlern gegenüber.

Verfremdungseffekt. Samuel Fosso als „The Liberated American Woman of the 70s“ (1997).
Verfremdungseffekt. Samuel Fosso als „The Liberated American Woman of the 70s“ (1997).Foto: Samuel Fosso, courtesy Jean Marc Patras, Paris

Es gibt Phänomene, die sind zwar bekannt, doch hat sie bisher keiner genauer studiert. Der Cindy-Sherman-Effekt ist ein solcher Fall. In der jüngeren Kunstgeschichte besteht kein Zweifel daran, welchen Einfluss die amerikanische Fotokünstlerin auf nachfolgende Generationen besitzt, doch fehlt für diese Erkenntnis bislang die wissenschaftliche Untersuchung, noch besser: eine Ausstellung.

Das Wiener Kunstforum schließt diese Lücke mit „Identität und Transformation in der zeitgenössischen Kunst“, so der Untertitel der Schau mit 80 Werken, vornehmlich Fotografie und Film, aber auch die traditionellen Medien Malerei und Skulptur.

Um Cindy Shermans Arbeiten aus den letzten 44 Jahren gruppieren sich 21 Künstler in Rollenspielen, Gendertrouble und verstörenden Inszenierungen. Das verspricht Temperament, Opulenz und Gesellschaftskritik.

Der edlen Kunstadresse im ersten Wiener Bezirk, über deren Marmoreingang eine goldene Kugel prangt, steht die Erregung bestens. Wo sonst in der ehemaligen Bankhalle Klassiker der Moderne und die Avantgarden der Nachkriegszeit zelebriert werden, kracht es nun.

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Von Monica Bonvicini hängen mit schwarzer Lackfarbe überzogene Sadomaso-Gürtel frei im Raum, Pipilotti Rists Alter Ego schlägt im Video „Ever is Over All“ mit einem überdimensionalen Blütenstengel lustvoll Autoscheiben ein. Eine vorbeikommende Polizistin lächelt ihr aufmunternd zu.

Sherman machte den Alltag zur Kunst

Dabei fing die heute 66-Jährige als Studentin der Malerei ganz harmlos an. Statt an der Staffelei zu stehen, gab Sherman ihrem Faible für Verkleidung nach und fotografierte sich in ihrer ersten Serie als Fahrgast öffentlicher Verkehrsmittel in verschiedenen Posen – ob als Mann oder Frau, colored oder weiß.

Anders als etwa Hannah Wilke zur gleichen Zeit reflektiert sie damit nicht ihre Lage, sondern hielt dem Betrachter durch die Porträts typischer Vertreter der amerikanischen Gesellschaft den Spiegel vor. Den qualmenden Hippie, das Mädel im Mini, den pickeligen Teenie in Macho-Pose mit gespreizten Beinen oder das College-Girl mit Brille und Büchern auf dem Schoß ist jeder schon einmal begegnet.

Das Konzept perfektionierte Sherman mit ihren „Untitled Film Stills“, Selbstporträts als eine wie beiläufig in Küche oder Bad fotografierte junge Frau, die sich zwar in Alltagssituationen befindet und doch den Eindruck erweckt, gleich würde etwas Schlimmes passieren.

Das Klischee als Kampfplatz

Diese ebenso arglosen wie verängstigten Figuren verkörperten die Verunsicherung einer ganzen Gesellschaft. Ihre mühsam hochgehaltene Normalität steigerte nur das Gefühl der Verstörung. Auch wenn sich die Künstlerin nie explizit feministisch engagierte, diese Serie machte das Klischee zu ihrem Kampfplatz.

Ein geradezu sardonisches Vergnügen scheint der Künstlerin die Demontierung von Society-Ladies bereitet zu haben, die grotesk dem Alter zu trotzen versuchen. Der Betrachter schwankt zwischen Ungläubigkeit, dass hinter allen Sherman steckt, so perfekt ist die Inszenierung, und Amüsiertheit.

Komisch ist das trotzdem nicht. Ihre bitterböse Gesellschaftsanalyse erhielt eine weitere Steigerung, als sie in den 80ern nur noch mit Requisiten operierte, Prothesen und Körperteilen von Sexpuppen, die sie in Landschaften aus Vergammeltem und Erbrochenem arrangiert. Der Ekel treibt die sonderbarsten Blüten.

Transformation als Praxis der Kunst

Sherman hat damit für die Kunstpraxis neues Terrain erschlossen, Türen aufgestoßen, durch die viele Nachfolgerinnen und Nachfolger treten konnten. Gewiss, Künstler sind immer schon in andere Identitäten geschlüpft.

Arthur Rimbauds Satz „Ich ist ein anderer“ ist die bekannteste Formel für diese Transformation in eine andere Person. In der bildenden Kunst bediente sich die Surrealistin Claude Cahun in den 20er Jahren als eine der ersten mittels Fotografie der Methodik. Dass sie gerade dieser Technik einsetzte, kam nicht von ungefähr.

In den neuen Medien waren die Pfade noch nicht ausgetreten, die männliche Vorrangstellung hatte sich noch nicht etabliert. Hier konnten Künstlerinnen ihre eigene Sprache entwickeln.

[Kunstforum Wien, bis 19. 7.; Katalog (Schirmer/Mosel Verlag) 49,80 €.]

In der Wiener Ausstellung erlebt man immer wieder diesen erhellenden Moment, wie perfide starre Rollenzuweisungen sind, wie zwanghaft die Geschlechterverteilung sein kann. Sherman wirft durch die Doppelung ein grelles Licht darauf.

Vom Dokumentarischen zum Burlesken

Die in Berlin lebende Videokünstlerin Candice Breitz macht in „Becoming“ gar keinen Hehl daraus, dass sie Hollywood-Schauspielerinnen in ihren Filmszenen kopiert. Sie entlarvt deren Demütigung dadurch nur noch mehr.

Komplexer geht die Britin Gilliam Wearing vor, die sich mithilfe von Masken und Computerprogrammen in Andy Warhol oder Georgia O’Keefe verwandelt und damit auf eine tiefenpsychologische Reise begibt.

Der kamerunische Fotograf Samuel Fosso holt mit „African Spirits“ Heroen der schwarzen Bewegung wie Martin Luther King, Malcolm X oder Muhammad Ali zurück in die Gegenwart, indem er ihnen zum Verwechseln ähnlich vor die eigene Kamera tritt.

Mit „The Liberated American Woman of the 70s“, das ihn mit High Heels, lackierten Nägeln und in bunt bedrucktem Hosenanzug zeigt, hat er in der Ausstellung eines der schönsten Bilder und verweist doch subversiv auf fixierte kulturelle Codes und schematische Rollenbilder. Er vollzieht damit wie Cindy Sherman die gleiche Entwicklung vom Dokumentarischen hin zum Opulenten, ja Burlesken.

Der Schrecken ihrer späteren Horror-Tableaus scheint in Douglas Gordons verkohlten Starporträts und Gavin Turks malträtierten Tonbüsten auf. Der Angriff schmerzt beim Betrachter wie beim Künstler, denn trotz angenommener Identität leidet unter der Maske das Ich.

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