"Erinnerung eines Mädchens" von Annie Ernaux : Begehrenswert ist das Begehren

"Bemerkenswert unerschrocken" schon im Jahr 1958: Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux erinnert sich daran, wie sie als 18-Jährige war.

Die 1940 in Lillebonne, Seine-Maritime geborene französische Schriftstellerin Annie Ernaux.
Die 1940 in Lillebonne, Seine-Maritime geborene französische Schriftstellerin Annie Ernaux.Foto: Olivier Roller/Suhrkamp Verlag

Ich ist schon sehr lange eine andere, weiß die französische Schriftstellerin Annie Ernaux – und an das Ich, das sie einmal war, als 18-jähriges Mädchen im Sommer des Jahres 1958, hat sie sich auch ewig nicht mehr erinnert. Das aber ganz bewusst: „Ich wollte dieses Mädchen auch vergessen“, schreibt Ernaux in ihrem neuen autobiografischen Buch „Erinnerung eines Mädchens“. „Sie wirklich vergessen, das heißt, nicht mehr das Bedürfnis haben, über sie zu schreiben.“

Dementsprechend dauert es, bis Annie Ernaux das erste Mal Ich sagt in ihrem Buch. Es muss doch, bevor sie zu dem Mädchen kommt, das sie einst gewesen ist, noch so viel anderes gesagt werden. Zum Beispiel, was sonst noch in diesem Sommer so los war in Frankreich. Dass erstmals Soldaten nach Algerien geschickt werden, dass Charly Gaul die Tour de France gewinnt und Charles de Gaulle zurückkehrt und sich zum Präsidenten der fünften Republik wählen lässt.

Man kennt diese Parallelführung von Geschichte und individuellem Erleben aus Ernaux’ letztem Buch „Die Jahre“. Auch die Ouvertüre dieses Buches bringt ein bekanntes Thema von ihr zum Klingen: die Begegnung mit einem Menschen, der sie unweigerlich in den Bann schlägt, gegen den sie sich nicht wehren kann, der mit ihr machen kann, was er will. Ernaux schreibt: „Eines Tages, vielmehr eines Nachts, werden sie mitgerissen vom Begehren und Willen eines anderen, eines Einzigen. Was sie zu sein glauben, verschwindet. Sie lösen sich auf und sehen ein Abbild ihrer selbst handeln, gehorchen, erfasst vom unbekannten Lauf der Dinge“.

Ernaux schreibt Erinnerungsliteratur, die sich explizit als gesellschaftspolitisch versteht

Annie Ernaux erzählt hier also einmal mehr auch die Geschichte einer Obsession, so wie in anderen Büchern wie „Sich verlieren“ oder „Eine vollkommene Leidenschaft“, die von ihrer Beziehung zu einem verheirateten russischen Diplomaten handeln. Von einer Beziehung, die so gar nichts Emanzipiertes hatte, die während ihrer Dauer und danach eine totale Ich-Auflösung zur Folge hatte, von Ernaux in aller Schonungslosigkeit dargestelllt. Als diese Bücher Anfang der nuller Jahre ins Deutsche übersetzt wurden und beim Goldmann Verlag erschienen, landete Ernaux hierzulande – nicht zuletzt durch die Covergestaltung – in einer Art „Fifty-Shades-of-Grey“-Ecke und damit im literarischen Abseits.

Dass sie eine eigenwillige Art von autobiografischer Literatur schreibt, eine sich stets auch als gesellschaftspolitisch verstehende Erinnerungsliteratur, sie schon Porträts ihres Vaters und ihrer Mutter veröffentlicht und immer wieder ihre Herkunft aus einer Arbeiterfamilie thematisiert hat, das alles ging unter solchen fehlgeleiteten Rezeptionsbedingungen natürlich unter. Was im Übrigen geschah, lange bevor Didier Eribon seine Bücher „Rückkehr nach Reims“ und „Gesellschaft als Urteil“ schrieb und auch der viel jüngere Édouard Louis auf den Plan trat (beide nennen Ernaux als großen Einfluss, sind ihre Bewunderer und inzwischen ihre Freunde)..

So dauerte es einige Zeit, bis Annie Ernaux in Deutschland wiederentdeckt wurde mit dem Buch „Die Jahre“. Darin erzählt sie in einer Art Schnelldurchlauf ihr Leben, das auch das einer bürgerlichen Ehe- und Hausfrau in einem Pariser Vorort war, und lässt dabei kontinuierlich den Hintergrund der historischen Ereignisse der fünfziger Jahre bis in die Gegenwart aufscheinen, die Veränderungen, die die französische Gesellschaft in dieser Zeit durchgemacht hat, nicht zuletzt im popkulturellen Bereich.

Mit „Erinnerung eines Mädchens“ konzentriert sich Ernaux nun auf das Jahr 1958 und ein paar Jahre danach, insbesondere auf die Zeit, da sie als Betreuerin in eine Ferienkolonie geht. Zunächst geht es ihr allein um das Mädchen, das sie einst war. Um ein Einzelkind, das ziemlich stolz auf seine „Andersartigkeit“ ist. Denn es stammt eben aus einer Arbeiterfamilie (später betreiben die Eltern einen kleinen Lebensmittelladen in dem in der Normandie gelegenen Örtchen Yvetot), interessiert sich aber für Literatur und liest Sartre, Hugo oder Baudelaire liest. Dieses Mädchen besteht aus vielen verschiedenen Ichs, die von Buch zu Buch wechseln – und das sich verzehrt „nach ihrem ersten Mal, aber natürlich nur aus Liebe“.

„Seit H muss sie einen männlichen Körper spüren, Hände, ein steifes Glied. Eine tröstende Erektion.“

Unweigerlich steuert Ernaux auf dieses erste Mal zu, auf die Ereignisse in der Ferienkolonie, auf die sie in ihrem Prolog Bezug nimmt. Es ist ein gewisser H, ebenfalls ein Betreuer, der sie auf einer Party erobert, der sie begehrt, der mit ihr Sex haben will. Annie Ernaux spricht von sich als 18-Jähriger fast nur in der dritten Person. Sie spricht davon, dieses Mädchen, das sie damals war, „dekonstruieren“ zu müssen, es ist eine ihr fremde Person – und doch nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Sie schreibt Sätze, die ehrlich sind, aber auch riskant, ungewöhnlich nach einem Jahr #MeToo, ungeschützte Sätze wie: „Sie lässt sich von seinem Begehren unterwerfen ...“, „Sie unterwirft sich nicht ihm, sondern einem universellen Gesetz, dem Gesetz der wilden Männlichkeit“ oder: „Seit H muss sie einen männlichen Körper spüren, Hände, ein steifes Glied. Eine tröstende Erektion.“

Es sind noch einige Jahre hin bis zur sexuellen Revolution der sechziger Jahre, Ernaux ist ein Kind der Fünfziger, sie weiß es noch nicht besser. Immer wieder versucht die inzwischen fast siebzigjährige Annie Ernaux Distanz zu ihrem jüngeren Ich aufzubauen. Sie schildert ihre Schwierigkeiten, dieses Mädchen zu verstehen, die richtigen Worte für es zu finden, und es fallen Begriffe wie Scham und Schuld, wie „Erinnerung der Scham“. Doch Ernaux lässt viele Ambivalenzen zu, weil das Mädchen das Begehren der anderen begehrt. Weil sie sich gar nicht als Opfer fühlt, sie sich recht frei fühlt (auch vor dem Hintergrund, von zu Hause erstmals weg zu sein, das Leben beginnen zu können). Als „bemerkenswert unerschrocken“ bezeichnet Ernaux sie als „eine Vorkämpferin der sexuellen Befreiung“, die trotzdem darunter leidet, dass H nach der ersten Nacht nichts mehr von ihr wissen will.

Des Weiteren erzählt Ernaux, wie es ihr nach diesem Ferienlager erging, wie sie an Bulimie erkrankt, sich zur Grundschullehrerin ausbilden lässt und merkt, dass das nichts für sie ist. Es folgt ein halbes Jahr in England als Au-pair-Mädchen („Im Grunde warst du in England also ein Dienstmädchen“, sagt der Vater) und schließlich Anfang der sechziger Jahre die Aufnahme eines Studiums an der Universität von Rouen..

Das ist im Einzelnen nicht weiter aufregend: eine Durchschnittsbiografie, Arbeiterfamilie hin, kleinbürgerliche Anwandlungen wie Ernaux’ frühes Erwachsenenleben her. Aufregend ist, wie Ernaux sich in ihrem Buch selbst umkreist, wie sie nach dem Wirklichkeitsgehalt des Erlebten, dem Erinnerten fragt, wie sie um den Erkenntniswert, um die Wahrheit „dieser Erzählung“ ringt. Und dass sie weiß, deshalb ist ihre autobiografische Literatur etwas Besonderes, ist ihr Leben ein unerschöpfliches Stoffreservoir: Das Schreiben und das Erlebte mitsamt der Erinnernung daran lassen sich nie gänzlich zur Deckung bringen.

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.164 Seiten, 20 €.

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