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Angekettet. Carel Fabritius’ „Der Distelfink“ von 1654.
© Mauritshuis, The Hague - courtesy Schirmer/Mosel

Die Kunst der Tiermalerei: Federn lassen

Der von Lothar Schirmer herausgegebene Prachtband „Gemalte Tiere“ versammelt Meisterwerke aus sieben Jahrhunderten, mit Texten prominenter Autoren dazu.

Ein Gott malt Schmetterlinge, und Merkur sagt „Psst“. Wir sollen bitte nicht stören. Was geschieht, wenn Menschen Tiere malen? Oder wenn der Barockkünstler Dosso Dossi den Göttergott Jupiter malt, wie er auf seiner Staffelei gerade die hauchfeinen Flügel eines Falters auspinselt?

Eine wundersame, bestürzende Arche ist dieses Buch mit Tiermalereien seit dem 15. Jahrhundert, von Tintoretto bis Warhol, von Hieronymus Bosch bis Joseph Beuys. Die Tiere schauen uns an, sie schauen zurück. Von Anfang an, seit die Menschen in Höhlenzeichnungen ihre tierischen Gefährten, ihre Beute, ihre Feinde abbildeten.

Und auch in den näher zurückliegenden Jahrhunderten ist ihr Blick wie ihr Anblick ein Faszinosum. Bei den traurigen gefangenen Affen von Pieter Breughel genauso wie bei Lucian Freuds geliebtem grauem Wallach oder der Kuh des flämischen Malers Roelant Savery, die ihren Kopf so weit nach hinten dreht, dass sie die Betrachterin unverwandt beäugen kann. Es ist zum Staunen – und zum Erschrecken.

Was haben wir ihnen angetan, wir Menschenwesen, die wir den „gesunden Thierverstand“ verloren haben, wie Nietzsche einst fragte?

Die Kunsthistorikerin Kirsten Claudia Voigt zitiert den Philosophen in ihrem fabelhaften Vorwort und setzt uns auf die Fährte der erhabenen, gejagten oder geschundenen Kreatur. Vom haarfein gestrichelten melancholischen Dürer’schen Feldhasen über den stillen, angeketteten Distelfink von Carel Fabritius – vielleicht zwitschert er gleich wieder und erfreut seine Besitzer? – bis zur von Schaulust bedrängten Clara, jenem legendären Nashorn, das 17 Jahre lang durch Europa touren und sich begaffen lassen musste.

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Die Menschen, zitiert Voigt außerdem Max Horkheimer, sind die „einzige Rasse, die Exemplare anderer Rassen gefangen halten oder sonst auf eine Art quälen muss, bloß um sich selbst dabei groß vorzukommen“. Der Stoizismus der Tiere, ihr Bei-Sich-Sein und die Magie, die ihre Abbilder entfalten, sie wirken da wie ein Gegengift.

Geliebter Wallach. Lucian Freuds „Grey Gelding“ von 2003.
Geliebter Wallach. Lucian Freuds „Grey Gelding“ von 2003.
© The Lucian Freud Archive - courtesy Schirmer/Mosel

Sie wecken Demut, ob die Künstler:innen ihre Modelle nun mit empathischem Blick malen, mit Besitzerstolz oder Forscherneugier. In den 61 Bildtafeln findet sich die kolonialistische Unterwerfungsgeste genauso wie die Sehnsucht nach einem Paradies, in dem alle Lebewesen sich friedlich tummeln.

[Lothar Schirmer (Hg): Gemalte Tiere. 61 Meisterwerke aus sieben Jahrhunderten. Schirmer/Mosel, München 2021. 160 Seiten, 49,50 €]

Hier die im Bild gebannte Angst vor der Bestie, wie in Frans Snyders „Löwin“ aus Antwerpen, dort das Mitleid mit Francisco de Zurbaráns „Agnus Dei“: Zu gerne möchte man das Lamm berühren, sein Kräuselfell kraulen, es wegtragen, losbinden.

Jeder Tafel ist ein persönlicher Text beigefügt. Cees Nooteboom schreibt über die „wütende weiße Federmasse“ von Jan Asselijns „Der bedrängte Schwan“, Cornelia Funke hört den Flügelschlag der Vögel auf Tintorettos „Erschaffung der Tiere“. Und Isabella Rossellini denkt vor Karin Knefels Haustierporträts über eine Evolution nach, die nicht das Überleben der Stärksten belohnt, sondern der Freundlichsten. Dieser Bildband für „Kinder, Erwachsene und erwachsene Kinder“ (Herausgeber Lothar Schirmer) wirbt für mehr Freundlichkeit all denen gegenüber, die wir domestiziert haben.

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