Fotoausstellung Guardini Galerie : Kraft des Kreises

Heilig oder verflucht? Orte wie der Petersdom in Rom oder ein Gulag in Russland wirken durch ihre Aura, zeigt die Kreuzberger Guardini Galerie.

Fingerzeige des Herren. Ola Kolehmainens Triptychon des Petersdoms in Rom.
Fingerzeige des Herren. Ola Kolehmainens Triptychon des Petersdoms in Rom.Foto: Ola Kolehmainen

Der Gegensatz könnte nicht größer sein. Hier – gleich am Eingang der Galerie der Kreuzberger Guardini-Stiftung – hängt das großformatige Triptychon, das der in Berlin lebende Finne Ola Kolehmainen im Petersdom in Rom fotografiert hat. Intensiv leuchtende Mehrfachbelichtungen auf reflektierendem Plexiglas, die die in Licht und Schatten variierenden Innenansichten des barocken katholischen Heiligtums theatralisch akzentuieren.

Und im Untergeschoss die in schmuckloser Sachlichkeit fotografierte Serie „Last Christmas“ von Anton Roland Laub. Zwei Stühle, ein Doppelbett, zwei Blechgeschirre, eine blaue Tür, Fahnen, ein Telefon, eine Mauer aus groben Steinen. Die Bilder sind ebenso menschenleer wie die der Basilika St. Peter.

Doch im Gegensatz zu Kolehmainens per Lichtinszenierung die Gegenwart Gottes beschwörende Heiligkeit des Raumes verströmen sie eine dröhnende Stille. Die eines unheiligen, womöglich gar verfluchten Raumes. Im „Birou 3“ (Büro 3) einer rumänischen Militärbasis spielt sich Weihnachten 1989 ein gottloses Drama ab.

Hier wird das mörderische Diktatorenpaar Nicolae und Elena Ceausescu in einem ebenso mörderischen Eilverfahren abgeurteilt und hingerichtet. „Der Prozess dauerte 55 Minuten, das Urteil 1 Minute und 44 Sekunden und die Exekution weniger als 10 Minuten“, notiert Laub.

Die Fotoausstellung „Heilige und verfluchte Orte“ ist Teil des Projekts „Stadt und Religion“, in dem vor einem Jahr in der Schau „Transformare“ schon über die Rolle von Sakralbauten wie Moscheen, Kirchen und Synagogen im Stadtraum reflektiert wurde. Nun geht es um die Frage, inwiefern „heilig“ und „unselig“ beziehungsweise „verflucht“ zwei Seiten derselben Medaille sind, wie es auch das lateinische Wort „sacer/sacra“ impliziert.

Heillos, diese Zerstörungskraft von Mensch und Natur

Die etwas kursorisch ausfallende Schau hat die Arbeiten von zehn Fotografinnen und Fotografen in dieses Spannungsfeld gestellt. Es reicht von Zeremonien in rumänischen Klöstern bis zum Stacheldraht im russischen Gulag „Perm 36“.

In den Bildern von Hans-Christian Schink, die die japanische Region Tohoku ein Jahr nach der Verwüstung durch das Erdbeben und den Tsunami von 2011 – und damit auch ein Jahr nach Fukushima – zeigen, findet die heillose Zerstörungskraft von Mensch und Natur ihren Ausdruck in wüst aufgetürmten Trümmern. Barbara Klemms wunderbar strenge Schwarz-weiß-Serie „Roden Crater“ setzt ganz auf die mystische Kraft der Kraterlandschaft von Arizona, in die der Künstler James Turrell auf Dauer seine Installationen gesetzt hat.

Nabel der Welt. Betender Tourist im Himmelstempel in Peking.
Nabel der Welt. Betender Tourist im Himmelstempel in Peking.Foto: Bertram Haude

Auf die spirituelle Kraft des Kreises setzen auch die chinesischen Touristen, die Bertram Haude für die Serie „One day in heaven“ in Peking auf dem „Nabel der Welt“, dem zentralen Punkt des Himmelsaltars, beim Selfieschießen beobachtet. Das Posieren mit zum Himmel erhobenen oder betend verschlungenen Händen erscheint bei diesem Anblick als sicherer Weg, die heiligen Gesten zu profanieren. Was taugt eine Anbetung, die selbst im Akt intimer Zwiesprache nur ans eigene Abbild für die Lieben daheim denkt? Ist sie heilig oder verflucht?

Und was macht überhaupt die Aura der abgelichteten Orte aus? Da ist doch gar nichts. Nur ein paar Menschen und oft nicht mal die. Nur Räume und Landschaften, Leere und Licht. Mit Bedeutung lädt sie erst der menschliche Projektionen für seine Inszenierung nutzende Kamerablick auf. So, dass da plötzlich doch mehr ist, als die Augen sehen.

[Guardini Galerie, Askanischer Platz 4, Kreuzberg, bis 22. 11., Mo-Fr 10-18 Uhr]

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