Francesca Woodman bei C/O Berlin : Der eigene Blick

Erotik, Kunst und Selfies - warum die Fotos von Francesca Woodmans heute noch inspirieren. Die Ausstellung " On Being an Angel" bei C/O Berlin.

Die Serie „From Space2“ entstand 1976 in Providence auf Rhode Island.
Die Serie „From Space2“ entstand 1976 in Providence auf Rhode Island.Foto: Estate of F. Woodman / ARS / VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Ihr Leben war kurz. Mit 22 Jahren stürzte sich Francesca Woodman in New York aus dem Fenster. Sie war ehrgeizig. Manche sagen, sie arbeitete 24 Stunden pro Tag an ihrer Kunst. Die vielen tausend Negative und Abzüge, die sie hinterließ, zeigen vor allem: sie selbst und den nackten weiblichen Körper. Mit Muscheln und Spiegeln arrangiert, in Glasvitrinen hockend, am Türrahmen hängend.

Oft hat sie sich in ihrer Studentenbude in Providence inszeniert, in melancholischen Räumen mit alten Tapeten und ausgetretenen Dielen, als Engel, als Geist. Ihre Schwarz-Weiß-Bilder zählen heute, fast vierzig Jahre nach ihrem Tod, zum Kanon der künstlerischen Fotografie. Und sie sind auch für Autodidakten mit Handycam eine Offenbarung. So macht man das also. So geht es auch.

Kreativität und künstlerischer Raffinesse

Dass Frauen sich die weibliche Erotik zurückholen, ist im Moment ein häufiges Thema in der Kunst, in sozialen Medien und in der Mode. Es gibt etliche Ausstellungen, in denen junge Künstlerinnen sich selbst und andere Frauen fotografieren, oft sexy und sinnlich, in dem Bewusstsein, das nicht mehr nur den Männern zu überlassen.

Francesca Woodman hat es auch so gemacht. Nur legte sie dabei ein Maß an Kreativität und künstlerischer Raffinesse an den Tag, die vielen Frauenbildern heute fehlen, auch wenn sie von Frauen gemacht sind.

Die Ausstellung bei C/O Berlin versammelt über 100 Prints, alle aus dem Nachlass von Francesca Woodman. Ihre Eltern verwalten ihn in New York, wo Woodman bis zu ihrem Tod 1981 lebte. So sieht man nicht nur die Fotos, die seit ihrer posthumen Entdeckung in Ausstellungshäusern kursieren, sondern auch solche, die bisher selten gezeigt wurden.

In einer Reihe mit Cindy Sherman und Barbara Kruger

Die erste umfassende Retrospektive wurde 1986 vom Wellesley College Museum organisiert und tourte anschließend durch US-amerikanische Universitätsmuseen. So wurde Woodman zu einer Art Popstar der Fotografie. In dem begleitenden Katalog schrieben die renommierte amerikanische Kunstkritikerinnen Rosalind Krauss und die Fotokritikerin Abigail Solomon-Godeau von der University of California über sie. Vor allem Solomon-Godeau verortete Woodmans Arbeit im feministischen Diskurs der achtziger Jahre, verglich sie mit Cindy Sherman und Barbara Kruger.

Dabei ist bei Woodman nicht mal klar, ob es überhaupt Selbstporträts sind. Zwar ist auf den Bildern oft die Künstlerin zu sehen. Sie arbeitete aber auch mit Modells, und die sehen ihr meist ziemlich ähnlich. Wer weiß also schon genau, wer da abgebildet ist? Köpfe sind weit in den Nacken gelegt, Gesichter weggedreht oder mit Masken und Papierbildern bedeckt. Körper als Silhouetten in Spiegeln zu sehen.

Woodman versuchte in der Modefotografie Fuß zu fassen

Diese Uneindeutigkeit und das Spiel mit Identität gehören heute in der Fotografie, auch in der Modefotografie, zur gängigen Bildsprache. Als Woodman in den späten siebziger Jahren in New York versuchte, in der Modefotografie Fuß zu fassen, war sie damit noch zu früh dran. Sie bekam keine Aufträge.

Man kann nur staunen, zu welch formalen Höchstleistungen sie bereits als Studentin imstande war. Sie untersuchte mithilfe des weiblichen Körpers Linie, Kreuz, Quadrat und Zickzack. Woodman, 1958 in Denver geboren, wuchs in einem Künstlerhaushalt auf, die Mutter eine Keramikerin, der Vater ein Maler, beide Gestalter mit Leib und Seele. Es heißt, in der Musik und im Sport kämen frühe Talente häufiger vor, in der Kunst eher nicht. Aber vielleicht ist Woodman genau das: ein Wunderkind der Fotografie.

Schon als Kind viel Kunst gesehen

Klar ist, dass Francesca und ihr Bruder schon als Kinder viel Kunst gesehen haben, mit dem Zeichenblock durchs Museum geschickt wurden. Vielleicht macht dieser Bildspeicher im Kopf ihre Kunst so gut. Man sieht Referenzen auf Malewitsch und Yves Klein, auf Surrealisten wie Man Ray und Hans Bellmer, auch wenn sie vielleicht nicht bewusst gesetzt wurden.

Wie klein diese Bilder sind, manche nur 13 mal 13 Zentimeter groß. Aufgenommen mit einer Mittelformatkamera. Man muss dicht herantreten, um die dunklen Quadrate in den weißen Rahmen zu betrachten. Es lohnt sich, sie im Original zu sehen. Im direkten Kontakt lernt man die cleveren Setzungen erst schätzen, nimmt wahr, wie die Körper mit dem Bildformat ringen. Ein Problem, das Instagram-Fotografen kennen.

Um der Starrheit des Abbilds zu entkommen, hat Woodman in Serien gearbeitet. Bewegung spielt eine große Rolle. Viele ihrer Fotografien sind Dokumente von Performances. Die Künstlerin legt sich auf Papierbahnen, kriecht in den Kamin, drückt sich in Zimmerecken. Dabei lässt sie die Blende lange auf. Sodass die Zeit sich als Schatten oder Nebel einschreibt und Körper wie in einer Staubwolke verschwinden. Grandios sind die Bilder aus der Serie „From Space2“, in denen ein nackter weiblicher Körper mit den Fetzen einer Blümchentapete verwächst.

Ein vielfältiges Werk

Auch Engel sind ein wiederkehrendes Sujet. Woodman fotografierte sich von oben, den Kopf in den Nacken gelegt, der Körper von hellem Licht beschienen. In einer anderen Aufnahme sieht man zwei weiße Stoffbahnen in einen Raum gehängt, eine halbnackte Frau links daneben ist scheinbar aus diesen Flügeln herausgetreten.

Jetzt liest man das als Todessymbole, als hätte Woodman ihr frühes Verschwinden in ihren Bildern vorhergesehen. Die Ausstellung, die vom Moderna Museet in Stockholm nach Berlin kommt, will davon nichts wissen.

Man soll Woodman in ihrer künstlerischen Vielfalt betrachten: das Frühwerk, ihre Jahre an der Rhode Island School of Design in Providence, ihren Italienaufenthalt, die Zeit als Stipendiatin der MacDowell Colony und ihre Zeit in New York seit 1979. Am Anfang der Ausstellung stehen die „Angel“-Bilder als wiederkehrendes Motiv. Man sieht Woodmans Experimente mit der Modefotografie, ihre surrealen Arrangements bis zu ihren späten überlebensgroßen Arbeiten, für die sie mit der Technik der Diazotypie experimentierte.

Woodman belegte während ihres Studiums an der Rhode Island School of Design auch Kurse in der neuen Videoklasse. Aus dieser Zeit sind sechs Kurzfilme zu sehen, die bisher in Ausstellungen kaum eine Rolle spielten. Sie greifen oft Motive aus den Fotografien auf. So erfährt man zum Beispiel, wie Woodman den dunklen Schatten eines Körperumrisses gemacht hat, den sie in einem der Bilder nackt auf einem Stuhl sitzend betrachtet. Sie hatte, bei aller Suche und Selbstuntersuchung, offenbar auch Spaß an dem, was sie da vor der Kamera tat.
C/O Berlin, Hardenbergstr. 22–24, bis 6. Juni, täglich 11–20 Uhr

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