François-Xavier Roth dirigiert Philharmoniker : Klänge wie Asche

François-Xavier Roth gastiert bei den Philharmonikern. Auf dem Programm: Joseph Haydns „Feuersymphonie“. Keine gute Wahl.

Christiane Tewinkel
Pultarbeiter. Der Kölner Generalmusikdirektor François-Xavier Roth.
Pultarbeiter. Der Kölner Generalmusikdirektor François-Xavier Roth.Foto: Patrick Seeger/dpa

Es ist ein eigentümlich strenger Abend, der in der Philharmonie unter der Leitung des Kölner Generalmusikdirektors François-Xavier Roth stattfindet.

Der französische Dirigent trägt keinen Frack und nimmt auch keinen Stab zur Hand, er tritt als Arbeiter am Pult der Philharmoniker auf, ein zuverlässiger, vielleicht sogar etwas beflissener Buchhalter, dem keine Einzelheit der Partitur zu entgehen scheint. Auf dem Programm stehen Werke von Bartók und Varèse, den Anfang hingegen macht Joseph Haydns „Feuersymphonie“.

Warum Feuer? Nun, da hatte einen Wiener Violinisten um 1790 wohl der Hafer gestochen, zumindest erlaubte er es sich, in der Probe mitzuschreiben, denn Dirigenten rufen ja nicht nur heutigentags „bitte heavyer“ oder „bringt euch mehr ein“ ins Ensemble, sie werden auch in jener Epoche „nachstimmen, wenns fei recht ist“ gesagt haben oder „diese Stelle mit einigem Feuer ausführen“ – und schon finden wir Heutigen das „Feuer“ handmitgeschrieben auf einem überlieferten Violinblatt zur 59. Symphonie wieder.

Feuer bieten die Philharmoniker unter Roth nun tatsächlich, allerdings verbrennen sie sich, um im Bild zu bleiben, daran auch zügig die Finger. Weil Roth zwar zündelt (also Tempo schafft), aber dann eben doch nicht genau genug führt, sodass aus dem ersten Satz unversehens immer wieder die Asche eines wenig durchhörbaren Klanges quillt.

Außerdem befremdet einmal mehr die Art und Weise, wie die Philharmoniker hier auf „alt“ machen; aus einem klassischen Orchester einfach das Vibrato herauszulösen, führt allerdings gar nicht besonders weit, außer vielleicht zum Eindruck von Alte-Musik-Folklore und Kostümverkleidung.

Gigantisch aufgepumpte, ohrenbetäubende Klangmassen

So zieht also das Trio mit seinen zarten Schabeklängen vorüber, im Allegro Assai an letzter Stelle haben die philharmonischen Hornisten starke, geradezu durchdringende Auftritte, und schon sind wir bei Bartóks drittem Klavierkonzert mit Pierre-Laurent Aimard angekommen.

Die gute, alte Motorik, die man stets mit Bartók in Verbindung zu bringen glaubt, sie klingt erst aus dem letzten Satz dieses Klavierkonzerts, im zweiten dagegen, der besonders schön gelingt, reichen Klavier und Orchester einander Fragmente von größter Sanglichkeit zu. Als Encore spielt Aimard Widmungsmusik an die vor wenigen Tagen verstorbene Pianistin Márta Kurtag, geschrieben von ihrem Ehemann György.

Bei der klassischen Moderne – präzise notiert, hier nicht selten mit Schärfe ausgeführt – bleibt es auch in der zweiten Konzerthälfte, mit Bartóks Tanz-Suite von 1923, ihrem ausgedehnten Gründeln in den Bassregionen des Orchesters und den langsamen Passagen, in denen die Holzbläser wunderbare Klänge in ein Bett aus Streicher- und Harfenmusik legen.

Für Edgar Varèses „Arcana“ danach rückt eine Mehr-als-Hundertschaft von Musikerinnen und Musikern in den Saal ein, die, von Generalpausen immer wieder auf null gestellt, gigantisch aufgepumpte, ohrenbetäubende Klangmassen hören lässt - nur um sich am Ende mit leisen Streichertönen zu verabschieden wie ein vorüberfliegendes Sternensystem.

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