Fusion-Legende live in Berlin : Herbie Hancock bringt die Philharmonie zum Grooven

Es wabbert und säuselt und wobbelt. Herbie Hancock spielt in der Berliner Philharmonie ein fast schon kosmisches Konzert. Und wird frenetisch gefeiert.

Versöhner von Spiritualität und Technik. Hier bei einem Konzert in London, November 2019.
Versöhner von Spiritualität und Technik. Hier bei einem Konzert in London, November 2019.Foto: imago

Getanzt wird in der Berliner Philharmonie nicht allzu oft. Am Montagabend schon: Zum Abschluss seiner Deutschland-Tournee machte Jazz-Legende Herbie Hancock in der Hauptstadt Halt, um die Berliner auf einen kosmischen Trip durch seine Diskografie zu nehmen, die mittlerweile eine über 50-jährige Karriere umspannt.

Der Fusion-Pionier, der einst als Mitstreiter von Miles Davis dabei mithalf, den Jazz zu erneuern und für sein Solo-Werk mit 14 Grammys dekoriert wurde, wirkt auch mit 79 Jahren überaus vital und spielfreudig. Mit einem strahlenden Lächeln kommt Hancock auf die Bühne und winkt ausgiebig in alle Richtungen, bevor er sich als Herr der Tasten in seine Burg aus Keyboards, Synthesizern und schwarzem Konzertflügel setzt.

Behutsam beginnt er einen atmosphärischen Teppich aus wabernden Sounds zu weben, in den seine drei Mitmusiker an Gitarre, Bass und Schlagzeug nach und nach eigene Akzente flechten. Die Synthies säuseln, der Bass wobbelt, die Gitarre spuckt knarzende Funk-Licks aus – mühelos changiert die Musik zwischen Fusion, Funk und modalem Jazz.

Der Sound ist hervorragend, die Akustik der Philharmonie gibt den dynamischen Exkursionen der Band genau den Raum, den sie braucht. Gut eine halbe Stunde dauert der virtuose Auftakt, der vom fast ausverkauften Saal frenetisch gefeiert wird.

„Wie geht’s?“, fragt Hancock gut gelaunt auf Deutsch. „So viele Kabel, so viel Technik“, sagt er mit Blick auf seinen Instrumenten- und Computer-Parcours. Blanke Selbstironie, schließlich gilt Hancock (der einst Elektrotechnik studiert hat) als Technik-Freak, der stets mit den neuesten Geräten experimentierte, bis heute. Bei „Come Running To Me“ singt er sich mit Autotune-verzerrter Stimme und nur von seinem Keyboard begleitet in entrückte Space-Soul-Sphären.

Spiritualität ist die Basis seiner Klangvision

Hancock ist ein überaus bescheidener Star, der sich zwischendurch viel Zeit nimmt, um seine Mitmusiker vorzustellen. „Ich bin sehr froh, mit diesem Gentlemen zu spielen, denn er ist furchtlos und das liebe ich“, sagt er über Bassist James Genus, und nimmt dies zum Anlass für eine philosophische Abschweifung. „Wir sollten nie Angst im Leben haben. Jeder hat ein unendliches Potential in sich, jeder von uns hat etwas Einzigartiges zu geben.“ Man spürt, dass Hancock, der seit 1972 Buddhist ist, mehr noch als in seiner Musik in sich selbst ruht.

Spiritualität ist die Basis seiner Klangvision ist. Kein Wunder, dass er dieses Jahr mit einem Seelenverwandten, dem jungen Saxofonisten Kamasi Washington, auf Tour war, dessen Monumental-Jazz-Alben in den vergangenen Jahren für Furore sorgten.

Mit „Actual Proof“ holt Hancock einen Head Hunters-Klassiker aus dem Gepäck - ein Showcase nicht nur für die perlenden Klavier-Akkorde des Altmeisters, der sich furiose Duelle mit Schlagzeuger Justin Tyson liefert, sondern vor allem für Lionel Loueke, den heimlichen Star des Abends.

Zum Schlussapplaus stehen alle Zuschauer

Immer wieder sorgt der aus Westafrika stammende Gitarrist mit spektakulärer Tapping- und Hammering-Akrobatik auf dem Griffbrett für offene Münder, dazu überrascht er als Sänger, der – genau wie Hancock – seine Stimme und sein Instrument durch etliche Effektgeräte jagt, bis Gesang, Gitarre und Keyboards nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Dass dies nicht zur Materialschlacht verkommt, ist dem unfassbaren Groove der Band zu verdanken, die trotz aller solistischen Freiheiten immer als Kollektiv agiert.

Zum Schluss darf natürlich der Klassiker „Cantaloupe Island“ nicht fehlen, dem Loueke viel Feuer verleiht. Spätestens jetzt wird getanzt, zum Schlussapplaus stehen sowieso fast alle Zuschauer. Zum eigentlichen Höhepunkt wird jedoch die Zugabe „Chameleon“, bei der Hancock sich noch einmal sein weißes Roland AX-7-Keyboard umhängt und unter großem Jubel nach vorne an die Bühne geht.

Nach und nach geht er im Kreis herum, spielt jeder Reihe eine Melodie vor und lässt sie vom Publikum nachsingen, bis am Ende aus fünf Richtungen ein großer Chor fünf verschiedene Melodien übereinander singt und dazu klatscht. Hancock lächelt selig und faltet die Hände zum Dank – seine kosmische Friedensmission scheint angekommen zu sein.

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