• Geldwäsche, Steuerflucht, Hochstapelei: „Für immer die Alpen“ erzählt vom Datendieb von Liechtenstein

Geldwäsche, Steuerflucht, Hochstapelei : „Für immer die Alpen“ erzählt vom Datendieb von Liechtenstein

Benjamin Quaderer legt mit „Für immer die Alpen“ sein Debüt vor. Es ist ein lakonischer Schelmenroman über die Abgründe der Finanzmafia.

Den Gipfel des Frühwerks erklommen. Debütant Benjamin Quaderer.
Den Gipfel des Frühwerks erklommen. Debütant Benjamin Quaderer.Foto: Jens Oellermann

Oskar Matzerath, Felix Krull, Simplicissimus – die Ahnenreihe des Schelms in der Literatur ist illuster. Ein Debütant, der sich in der im Spanien des 16. Jahrhunderts begründeten Erzähltradition abenteuerlicher Lebensberichte erprobt, hat große Dinge vor.

Und schwere: Benjamin Quaderers Roman „Für immer die Alpen“ ist ein 600-Seiten-Ziegelstein. Sein Wörterreichtum steht in keiner vernünftigen Relation zur bescheidenen Einwohnerzahl des Fürstentums Liechtenstein.

Trotzdem ist der Kleinstaat – „Elf Dörfer, 160 Quadratkilometer in Form eines L’s“ – Hauptschauplatz. Der Held Johann Kaiser beschreibt ihn aus der Ferne eines Zeugenschutzprogramms als alpine Idylle und kleingeistig-geldgierigen Krämerseelenstaat. Wie es halt so geht, wenn man die Steueroase fliehen muss, weil einen der Landesvater Fürst Hans-Adam II. zum Staatsfeind Nummer eins erklärt.

Der 1989 in Österreich geborene und in Liechtenstein aufgewachsene Jungschriftsteller hat mit einem Auszug aus seiner Erzählung 2016 Platz zwei beim Berliner Open Mike belegt und ein Arbeitsstipendium des Senats erhalten.

Ein Vertrauensvorschuss, den Quaderer genauso zu nutzen weiß wie sein Protagonist Johann Kaiser, der ein großer Sympathienerschleicher ist. Kaisers klassische Hochstaplertalente – Fantasie, Größenwahn, Bauernschläue und Manipulierwut – finden sich in Quaderers Fabulierlust wieder.

Es gibt eine reale Vorlage für den Roman

Stil und Sujet ergeben ein Vexierspiel. „Es könnte auch alles ganz anders gewesen sein“, relativiert der Ich-Erzähler später seine Selbstrechtfertigung. Dabei fängt sie so sachlich an: „Mein Name war einmal Johann Kaiser. Wahrscheinlich haben Sie von mir gehört“, wendet er sich direkt ans Publikum, um alsbald lakonische und groteske Geschichten aus 54 Lebensjahren auszubreiten.

Der echte Datendieb, der dem fiktiven Helden als Vorlage dient, wird seit 2008 mit internationalem Haftbefehl gesucht. Er heißt Heinrich Kieber und war Mitarbeiter der im Besitz des Fürstenhauses befindlichen LGT Treuhand-Bank.

[Benjamin Quaderer: Für immer die Alpen. Roman. Luchterhand, München 2020, 592 S., 22 €]

Er lancierte die Daten von Schwarzgeldkonteninhabern an den Bundesnachrichtendienst. Der Skandal erschütterte das Image des Finanzplatzes Liechtenstein, zerrüttete das Verhältnis zwischen Berlin und Vaduz und fegte den damaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel wegen Steuerhinterziehung aus dem Amt.

Eine Grass-Hommage

In Quaderers anfänglich erfrischend launiger Lesart wird aus diesem Whistleblower der Finanzmafia ein Neurotiker, der keine gesellschaftspolitischen Ziele, sondern eine private Rachemission verfolgt. Johann Kaiser, Sohn eines Liechtensteiner Fotografen und einer rätselhaften Spanierin, steht dort, wo alle pikaresken Helden stehen: außerhalb der Welt.

Genau wie Günter Grass’ Blechtrommler Oskar Matzerath ist er schon als Säugling ein fertiges Wesen mit ausgebildetem Intellekt, übersteigerter Wahrnehmung und schonungslosem Blick.

Die Reaktion des Säuglings auf Vater Alfred liest sich im Geburts-Kapitel so: „Vor lauter Entsetzen, dass ich mit diesem Menschen den Rest meines Lebens verbringen würde, stieß ich einen Schrei aus, der die Scheiben in den Fensterrahmen zum Schwingen brachte.“

Als Grass-Hommage schwingt sich der Schrei bis hinauf ins Vaduzer Schloss, auf den Gipfel des Grauspitzes empor und echot in den Tälern „der Datendieb ist geboren“.

Zu diesem Debütantenübermut gesellt sich leise Heimatironie: „Es waren einmal die Alpen“, beginnt raunend ein Kapitel, dessen Pathos im nächsten Satz eine Aufzählung aller Liechtensteiner Ortschaften bricht.

Nichts gegen Uznach und Niederbipp, aber Weltläufigkeit klingt anders. Die erlebt Johann Kaiser in seinen Lehr- und Wanderjahren. Sie führen ihn nach Mutters Tod zuerst in ein Waisenhaus, dann – als Protegé der Fürstin Gina – auf ein Internat nach Barcelona.

Dort schummelt er sich als angeblicher Fabrikantensohn in eine begüterte Familie, die sich für seine Abzocke viele Jahre später blutig an ihm rächt. Ein Trauma, das den Grundstock für den Datenraub legt.

Sexy Setting statt Metaanalyse

Europa, Argentinien, Australien: Johann Kaiser ist ein Filou, der überall wen zum Ausnehmen findet. Und zugleich ein Zwangscharakter, der pedantisch Fußnoten unter seine Bericht dübelt. Der Exkurs über Kapitän Cooks Entdeckung der „Terra Australis“ erstreckt sich über zehn Seiten. Das ist ein Moment, wo die Freude über den Mut zu formalen Mätzchen in Erschöpfung übergeht.

Textschwärzungen, bedeutungsschwangere Leerseiten und ein in Rot- und Schwarzdruck montierter Perspektivwechsel, der die Geschichte um die Sicht eines Kriminalpsychologen erweitert, sind postmoderner Schnickschnack.

Sie beschweren das Lesevergnügen stärker als Quaderers Chuzpe, den Datenklau erst auf den letzten 200 Seiten zu entfalten. Bis dahin hat jeder begriffen, dass „Für immer die Alpen“ keine Metaanalyse von Geldwäsche-Mechanismen betreibt, sondern sich eines sexy Settings bedient. Quaderer selbst ließ sich kürzlich so vernehmen: „Ich betrachte mein Frühwerk hiermit als abgeschlossen.“ Wenn das kein Schelmenfazit ist.

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