Gerichtsroman „Miracle Creek“ : Mutterfiguren unter Druck

Kriminalgeschichte, die auch von den Grenzgängen im Leben mit einem behinderten Kind mit sich bringt: Angie Kims faszinierender, im ländlichen Amerika angesiedelter Gerichtsroman „Miracle Creek“.

In Südkorea geboren, als Teenager in die USA gekommen: die Schriftstellerin Angie Kim.
In Südkorea geboren, als Teenager in die USA gekommen: die Schriftstellerin Angie Kim.Foto: Tim Coburn/Hanser Verlag

Es klang wie ein Prasseln, nur leiser und gedämpft, vielleicht wie ein Schwarm Gänse, wenn er abhebt, wenn Hunderte von Flügeln gleichzeitig himmelwärts schlagen.“ Beinahe schön mutet das an, was Young Yoo da an einem Dienstagabend im Sommer hört, und doch ist es der Klang einer Katastrophe: Die Scheune brennt. 

Und mit ihr die Druckkammer, in der die Kunden von Yoo und ihrer Familie unter bis zu dreifachem Atmosphärendruck mit hundertprozentigem Sauerstoff behandelt werden. Eine medizinische Therapieform, die bei verschiedenen Krankheitsbildern – etwa Autismus, Zerebralparese und Unfruchtbarkeit – zu Erfolgen führen kann.

Zwei Personen kommen bei dem Brand nahe dem kleinen Ort „Miracle Creek“ ums Leben: Henry, eines der autistischen Kinder, die der Behandlung unterzogen wurden, und Kitt, die Mutter eines anderen Patienten. Drei weitere werden schwer verletzt: Matt, der selbst Arzt ist, zieht sich vor allem an den Händen schwerste Verbrennungen zu und verliert einige Finger. 

Young Yoos Ehemann Pak, der noch versuchte, möglichst viele der Patienten aus der Druckkammer zu befreien, ist fortan auf den Rollstuhl angewiesen. Mary, die Tochter der beiden, wird von der Explosion, die dem Brand folgt, durch die Luft geschleudert, monatelang liegt sie im Koma.

Mütterlicher Hass oder Versicherungsbetrug

Schnell macht die Staatsanwaltschaft die Täterin aus. Elizabeth Ward soll es sein, die Mutter des achtjährigen Henry. 

Die Beweislage scheint erdrückend: Zum ersten Mal überhaupt begleitete sie ihren Sohn nicht in die Druckkammer, zahllose weitere Indizien zeichnen sie als eine Frau, die seelenlos war, der ihr Sohn einerseits zur Last fiel, die ihn andererseits von einer zweifelhaften Behandlung zur nächsten schickte – und das, obwohl er bereits geheilt war.

Liegt da nicht vielleicht ein Fall von Kindesmissbrauch vor? Nein, die „Smoking Gun“ kann die Staatsanwaltschaft nicht vorlegen, der Fall scheint aber relativ eindeutig. Diese Eindeutigkeit bekommt indes bald Risse. Denn beinahe alle, die im Laufe des Prozesses vor den Richter treten, scheinen ein Motiv für die Tat zu haben. 

Kaum jemand sagt die ganze Wahrheit. War es tatsächlich mütterlicher Hass, der zu diesem Verbrechen führte? Oder doch eher Versicherungsbetrug? Und was haben die Demonstrantinnen damit zu tun, die am Tag des Feuers vor dem Anwesen gegen diese Art der medizinischen Behandlung protestierten?

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Die hohe Kunst des klassischen, US-amerikanischen Gerichtsthrillers beherrscht die Debütantin Angie Kim souverän. Sie schreibt temporeich, schlägt immer dann, wenn man als Leser dabei ist, sich eine Meinung zu bilden, wenn man glaubt, nun Bescheid zu wissen über dieses Verbrechen, einen Haken, stellt alles wieder infrage.

Die Szenerie zeichnet sie dabei mit Akkuratesse. Hier der Gerichtssaal in der zuckersüßen Kleinstadt, in dem sie Anwalt, Staatsanwalt, Zeugen und Geschworene aufeinandertreffen lässt, ein historisches Gebäude. Einmal wundert sich Young darüber, dass es tatsächlich so eine Art Freundeskreis gibt, der zu der Erhaltung und Restaurierung des alten Kastens beitragen möchte. 

Dort der Tatort, ein Stück ländliches Amerika, genauer: der Bundesstaat Virginia. Viel Grün, 7-11-Märkte, gleichzeitig zumindest in diesem Landstrich strukturell schwach: Die Häuser sind Bruchbuden, manche der Straßen nicht einmal asphaltiert. 

Erbärmliches Sexualverhalten krisengeplagter Mittdreißiger

Auch die Protagonisten, die die Geschichte aus wechselnden Perspektiven erzählen, sind klug angelegt: Angie Kim liefert ein gutes Portfolio an Mutterfiguren unter Druck, wirft Schlaglichter auf das erbärmliche Sexualverhalten krisengeplagter Mittdreißiger und erweckt eine Anwältin und einen Staatsanwalt zum Leben, denen man durchaus eine eigene Fernsehserie gönnen würde.

Das mag mit einigen biografischen Eckdaten zu tun haben: Angie Kim arbeitet zunächst selbst als Anwältin; die kleinen Gefechte im Gerichtssaal dürften ihr also bekannt sein. Weil ihr Sohn an einer Autoimmunkrankheit litt, nahm auch sie medizinische Sauerstoffbehandlungen in Anspruch. Vor allem aber ist sie selbst das Kind koreanischer Migranten.

So leitet Kim aus dieser eingangs recht klassischen Kriminalgeschichte schließlich mehrere andere ab, erzählt von den täglichen Grenzgängen, die das Leben mit einem behinderten Kind mit sich bringt, und von den verzweifelnden Versuchen, Empathie für die anderen aufzubringen, wenn einen selbst das Schicksal drückt; von der „Hierarchie der Behinderungen“ schreibt sie einmal.

Thema ist auch Immigration und Integration

Und wenn sie aus dem Alltag von Pak, Young und Mary berichtet, geht es immer auch um Immigration, Integration und den damit oft verbundenen Clash der Kulturen: Das koreanische Ehepaar entschied sich für die Auswanderung, um seiner Tochter eine gute Bildung zu ermöglichen. 

Pak blieb in Korea, Young arbeitete gegen Kost, Logis und das Schulgeld ihrer Tochter in einem kleinen Supermarkt in Baltimore. Was in der Beschreibung Au-Pair-Charakter zu besitzen scheint, ist so ein Knochenjob, dass sie ihre Tochter, an der Schwelle zwischen Kindheit und Teenageralter, kaum mehr sieht. 

In Rückblenden zeigt sich, wie dieses Konstrukt zu nicht nur einer, sondern gleich mehreren Entfremdungen führt, wie gerade Mary zwischen den verschiedenen Identitäten hängt und wie ein Vertrauensdefizit entsteht, ein Aneinander-Vorbeireden, bisweilen sogar eine Sprachlosigkeit. 

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Die in Korea gesetzte Rolle des Vaters als Familienoberhaupt, der entscheidet, gerät ins Rutschen. Sie erodiert vollkommen, als er nach dem Brand im Rollstuhl sitzt.

Die Frage der Schuld wird am Ende geklärt, aber nicht so, wie man sich das in einem Gerichtsthriller vorstellt. Eher teilt sich die Schuld fein säuberlich auf zwischen verschiedenen Personen. Das erinnert an die alte Geschichte von dem Flügelschlag des Schmetterlings: Kann der nicht einen Tornado auslösen?

Haben also kleine Verfehlungen, die sich aufschaukelten, zu diesem Brandanschlag geführt? Oder entzündete letztendlich doch nur ein Täter das Feuer? Auch eine moralische Maxime gibt Angie Kim dem Leser mit: „Das Richtige tun ist nicht nichts“, sagt einer ihrer Protagonisten. 

Nach dieser Maxime wird am Ende gehandelt, obwohl es einen einfacheren Weg gegeben hätte. Einen Roman, der so schrecklich beginnt, mit leiser Hoffnung enden zu lassen, das muss man auch erst einmal schaffen.
[Angie Kim: Miracle Creek. Roman. Aus dem Englischen von Marieke Heimburger. Hanserblau, München 2020. 512 Seiten, 22 €.]

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