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Auf historischem Grund. Das Jüdische Museum in Warschau (POLIN) steht auf dem Gelände des einstigen Ghettos.

© W. Kryoski / POLIN

Das neue Jüdische Museum in Warschau: Gesang der Vögel, Beben der Erde

Lange galt Daniel Libeskinds Jüdisches Museum in Berlin als maßgeblicher Versuch, jüdische Geschichte aus der Fixierung auf den Holocaust zu befreien. Jetzt hat in Warschau das neue Museum der Geschichte der polnischen Juden eröffnet. Es zeigt, wie man einen Riss nicht heilt, aber lindert.

Ausdrücklich vom Leben und nicht in erster Linie vom Tod zu erzählen: Fast übermenschlich erscheint diese Herausforderung, wenn es Architekten, Historikern und Pädagogen darum geht, jüdischen Museen die auch frohe Feier des Judentums einzuhauchen, zumal in Deutschland und Polen. Wie eine schwarze Wand grundiert der Holocaust das heutige Bewusstsein für die jüdische, deutsche und polnische Geschichte – und erschwert die Wahrnehmung für die Vitalität und Vielfalt der jüdischen Kultur, die beide Länder über Jahrhunderte maßgeblich prägte.

Bislang galt die vor zwölf Jahren eröffnete Dauerausstellung im Jüdischen Museum Berlin als der erste große und gültige Versuch, jüdische Geschichte aus der Fixierung auf den Holocaust zu befreien. Freilich steht ihre Feier jüdischen Selbstverständnisses gegen die Signale des von Daniel Libeskind entworfenen Hauses: Ob als zerfetzter Davidstern gedeutet oder als Beton und Glas gewordener Blitzschlag, sein unverwechselbarer architektonischer Wurf gilt als Holocaust-Mahnmal, als Wunde für immer.

Nun ist, nach ebenso mühseliger Planungs- und Finanzierungsgeschichte, das Jüdische Museum in Warschau mitsamt Ausstellung fertig, und der Standort könnte symbolischer nicht sein. Mitten im Stadtteil Muranów, dem einst jüdischen Viertel, das die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in ein ummauertes Ghetto verwandelten, das größte von damals 600, erhebt sich ein mächtiger und dennoch seine Umgebung nicht massiv majorisierender Quader. Er steht auf dem Grundstück jenes Gebäudes, in dem der von den Deutschen eingesetzte Judenrat seinen Sitz hatte – und gegenüber dem bereits 1948 auf dem umgebenden Trümmerfeld errichteten Mahnmal für die Ghetto-Helden, vor dem Willy Brandt 1970 seinen historischen Kniefall tat. „Das Mahnmal gedenkt der Juden, die starben“, schreiben die Museumsmacher, „das Museum erinnert daran, wie sie lebten.“

Entworfen von dem finnischen Architekten Rainer Mahlamäki, signalisiert das Museum kongeniale Symbolik, allerdings ganz anders als bei Libeskind. Das lichte Haus teilt eine schmale Schlucht, deren in warmen Wüstenbrauntönen gestrichene Betonwände an jene von Gott geteilten Wellen erinnern, zwischen denen die vor den Ägyptern fliehenden „Kinder Israel“, wie es im 2. Buch Mose heißt, „mitten ins Meer auf dem Trockenen“ gingen. Diese einleuchtende Deutung ließ sich – das leere Haus wurde bereits im April 2013 zum 70. Jahrestag des Ghetto-Aufstands eröffnet – exakt so von Anfang an erfahren.

Inzwischen heißt es vielfach, die 40 Meter hohen Wände stünden für den Riss, den der Holocaust der jüdischen und polnischen Geschichte zugefügt habe. Vielleicht lässt es sich so fassen: Was bei Libeskind in Berlin purer Schrei ist, ist hier Gesang – und der ist in seiner unaufdringlich sanften Schönheit am Originalschauplatz des Grauens fast noch schwerer auszuhalten. Auf der Fläche von einem paar Dutzend Straßen pferchten die Deutschen mehrere hunderttausend Juden ein, über 100 000 verhungerten im Ghetto, über 300 000 wurden von dort nach Treblinka deportiert und ermordet.

Und nun führt der Gang durch die Ausstellung, die von der tausendjährigen Geschichte der polnischen Juden erzählt, zunächst in einen ungemein friedlichen Legendenwald: „Po-lin“ hätten die Vögel den vor der Verfolgung aus Westeuropa Zuflucht Suchenden zugezwitschert, hebräisch: „Hier nächtige.“ So sei, sagt die Legende, „Polin“ auch der hebräische Name für Polen geworden, und so nennt sich nun das ganze Haus, mit seinen 4300 Quadratmetern Ausstellungsfläche das größte Jüdische Museum der Welt. Tatsächlich war das Königreich Polen, das sich im 1569 mit dem Großfürstentum Litauen vereinigte und zeitweise von der Ostsee bis zur heutigen Ukraine und zum Schwarzen Meer reichte, für die Juden über Jahrhunderte eine überwiegend tolerante Heimstatt. Zwar feindete die nicht jüdische Bevölkerung dieses „paradisus iudaeorum“ schon früh an, aber „der Hass in diesem Land“, schrieb 1572 der Krakauer Gelehrte und Rabbiner Moses Isserles, „erdrückt uns weniger als der der Deutschen“.

Dem Holocaust ist nur eine der acht Galerien gewidmet. Und doch erlischt für einen langen Augenblick alles Vorherige.

Prunkstück der Ausstellung. Ein original nachgebautes Synagogendach aus Lemberg.

©  W. Kryõski / POLIN

In acht chronologischen und thematischen Abteilungen lädt die Ausstellung zu einer umfassenden Zeit- und Raumreise ein, theaterbühnenhaft konzipiert mit Salons, Cafés, Schulen, jüdischen Wohnhäusern, in denen der Besucher sich niederlassen kann. Riesige Kopien teils animierter historischer Stiche und gewaltige multimediale Projektionen an den Wänden, nachgebaute Stadtmodelle und Dutzende von interaktiven Bildschirmen machen den Mangel an originalen Artefakten vor allem aus der Frühzeit vergessen. Prunkstück ist der nahezu originalgetreue Nachbau eines Synagogendachs: 300 Experten rekonstruierten in zweijähriger Arbeit das hölzerne Teil eines 1650 nahe Lemberg erbauten Gotteshauses und malten das Innere farbenfroh entsprechend alten Dokumenten aus.

Doch der Frieden, noch 1791 mit der Religionsfreiheit in der ersten demokratischen Verfassung Europas besiegelt, hielt nicht. Wenige Jahre später teilten Preußen, Österreich und Russland Polen für mehr als ein Jahrhundert unter sich auf. Assimilationsdruck, Pogrome in Russland und erste Auswanderungswellen vor allem in die USA prägen diese Zeit, bevor die jüdische Kultur im auferstandenen Polen zwischen den Weltkriegen eine zweite Blüte erlebt. Bis zu jenem Septembertag des Jahres 1939, „sonnig, frisch, azurblau“, schreibt der Dichter Julian Tuwim: „Ich rasiere mich gerade, und plötzlich beginnt die Erde zu beben, und der Himmel birst.“

Auch nach dem Krieg gab es Pogrome gegen jüdische Rückkehrer

Dem Holocaust ist nur eine der acht „Galerien“ gewidmet, und doch erlischt für einen langen Augenblick alles Vorherige – in der düsteren, in Kojen parzellierten, zudem mit Diagonalen und schrägen Wänden an die Libeskind-Ästhetik erinnernden Ausstellungsarchitektur. Auch die Nachkriegsräume, die ausdrücklich ins Heute und die Zukunft weisen sollen, hellen das Bild nur bedingt auf. Polnische Pogrome an jüdischen Rückkehrern 1946 treiben Zehntausende in die Emigration, und die unverhohlen antisemitische Säuberungspolitik, mit der KP-Chef Gomulka die Studentenproteste von 1968 erdrückt, führt zur Zwangsausbürgerung von weiteren 13 000 Juden. Heute leben in Polen nur mehr wenige tausend – vor dem Krieg waren es dreieinhalb Millionen, etwa ein Zehntel der Bevölkerung.

Vom „Zurückfinden“ hat der Prager Jude Georg Loewy vor der Eröffnung des Jüdischen Museums in Berlin einmal gesprochen – über den Holocaust hinweg „dorthin, wo man noch nicht war“. Genau dies macht sich nun erneut das Warschauer Museum zur Aufgabe, dessen Direktor Dariusz Stola damit „Freude bereiten“ will, „allen Europäern, denn die Juden sind ein bunter Teil ihrer Zivilisation“. Beispielhaft schon ist die Verwirklichung des Großprojekts. Der polnische Staat kam für den Bau des Hauses auf, externe Förderer finanzierten die Ausstellung. Sieben der 40 Millionen Euro kamen aus Deutschland: fünf Millionen von der Bundesregierung, zwei von der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit, die der seit Mitte der 90er Jahre rührige Verein zur Förderung des Museums für jüdische Geschichte in Polen mit ins Boot geholt hatte.

Ein Symbol, das zugleich Materie des Museums ist, muss noch erwähnt werden: die Brücke. Sie verbindet die beiden hohen Wände der Halle – und auch, praktisch und profan, Räume oberhalb des Erdgeschosses. Andererseits erinnert sie unmittelbar an jene Holzbrücke zwischen den beiden Ghetto-Teilen, von der aus die Juden einen kurzen Blick auf das zivile „arische“ Leben erhaschen konnten. Die Ausstellung im Untergeschoss hat für das Nachempfinden dieses Schmerzes eine faszinierende Lösung gefunden; die Brücke oben aber mag nun tröstlich deutbar sein als etwas, das den Riss lindert. Nichts heilt, aber etwas wird heller, mit der Zeit.

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