Gruselfilm aus Estland : Drei Tropfen Blut für den Teufel

Werwölfe, eine Schlafwandlerin und schwarze Magie: Der mythische Gruselfilm „November“ spielt im Estland des 19. Jahrhunderts.

Magie! Rea Lest als Liina (r.) in einer Szene mit Jette Loona Hermanis.
Magie! Rea Lest als Liina (r.) in einer Szene mit Jette Loona Hermanis.Foto: Dropoutcinema

Allerseelen in einem estnischen Dorf des 19. Jahrhunderts: Die Bewohner, arm wie abergläubisch, stellen auf den Gräbern der Ahnen Kerzen auf, um die Geister zu beschwören. Schon bald schreitet aus einer taghellen Nebelwolke die weiß gewandete Armee der Untoten hervor. Unter ihnen die Mutter der jungen Bäuerin Liina (Rea Lest). „Jeder braucht jemanden“, wispert sie der Tochter zu, die in einer Blockhütte im Wald lebt. „Ich habe jemanden“, beruhigt Liina. Dabei hat ihr Schwarm Hans nur Augen für eine andere.

Die estnisch-niederländisch-polnische Koproduktion „November“ basiert auf einem Roman von Andrus Kivirähk, einem der meistgelesenen Schriftsteller Estlands, der die Historie seines Heimatlandes gern mit fantastischen Elementen verknüpft. So helfen den Dorfbewohnern bei ihrer täglichen Arbeit sogenannte Kratts, mythische Wesen aus Stöcken, Schädeln und allerlei Gerätschaften. Erweckt werden sie vom Teufel, der dafür die Seele und drei Tropfen Blut von den Bauern verlangt. Doch die hauen den Leibhaftigen regelmäßig übers Ohr, mit Johannisbeersaft. Von einer ähnlich lebenspraktisch-naiven Frömmigkeit erzählt eine Abendmahlszene. Die Gläubigen lassen sich vom Pastor die Hostie auf die Zunge legen, draußen vor der Kirche werden sie ausgespuckt und zu Kugeln für die Jagd geformt: „Es ist der Körper Christi, kein Biest kann Jesus standhalten.“

Gezeichnet vom Leben, mitunter vom Wahnsinn

Eine archaische, zugleich ins Surreale kippende Welt: Der Film strotzt vor Skurrilitäten, obskuren Gestalten und markanten Gesichtern: knorrig, zausbärtig, fratzenhaft. Gezeichnet vom harten Leben, mitunter vom Wahnsinn.

Über die tumben Dorfbewohner wacht von seinem Herrenhaus aus ein feinnerviger deutscher Baron (Dieter Laser) gemeinsam mit seiner Tochter, einer ätherischen Gestalt. Nach ihr schmachtet der Bauer Hans (Jörgen Liik), auch wegen des sozialen Aufstiegs. Er dient sich dem Baron an, sucht die Nähe zur Macht, übersieht dabei das zaghafte, aber beharrliche Werben Liinas, die bald die Dorfhexe um Rat bittet. Regisseur Rainer Sarnet und Kameramann Mart Taniel inszenieren das Märchen samt Werwölfen, Schlafwandlerin und schwarzer Magie ausdrucksstark, theatral, beinahe stummfilmhaft. Lange Einstellungen in dramatischem Schwarz-Weiß erinnern an ein Kino vergangener Tage, etwa an Ingmar Bergmans „Siebentes Siegel“. Genau wie dort erreicht auch in „November“ die Pest das Dorf. Ein heiteres Ende wird diese Geschichte kaum nehmen.

OmU: b-ware!Ladenkino, Krokodil, Wolf, Zukunft.

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