Hannah-Höch-Preis für Christiane Möbius : Versteinerte Bäume, zerronnene Träume

Christiane Möbus erhält den Hannah-Höch-Preis der Stadt Berlin – und zeigt ihre Werke im Museum Nikolaikirche.

Die Berliner Nikolaikirche
Die Berliner NikolaikircheFoto: dpa/Jens Kalaene

Christiane Möbus ist keine Künstlerin der zarten Andeutung. 2010, da bekam sie den Gabriele-Münter-Preis, stellte sie zwei ausgestopfte Eisbären in den Gropius Bau. Die Installation aus den Neunzigerjahren hieß „tödlich“: Ein Gedankenspiel um Eisberge und verborgene Gefahren. Damals dachte offenbar noch niemand daran, dass Bären selbst einmal zur bedrohten Spezies werden könnten.

Im Museum Nikolaikirche stehen nun drei Hähne, die alle Viertelstunde so tun, als würden sie noch krähen. „Männersache“ hat Möbus ihre erst einmal fast unsichtbare Arbeit genannt. Zwischen all den historischen Artefakten im ehemaligen Gottesraum fällt das steife Federvieh kaum auf – bis der verbale Hahnenkampf durch das gesamte Kirchenschiff beginnt.

Männliches Imponiergehabe ist aber bloß ein Thema, das die Künstlerin anlässlich der jüngsten Auszeichnung für ihr Lebenswerk aufs Korn nimmt. Geschichte, Leistungssport und der Zustand Berlins sind ebenfalls präsent in der Ausstellung anlässlich des Hannah-Höch-Preises, der seit 1996 vom Land vergeben wird. 2014 hat man den Rhythmus umgestellt: Nun gibt es die Auszeichnung plus 25 000 Euro Preisgeld bloß noch im zweijährigen Turnus, parallel dafür jedoch noch einen Förderpreis, der mit 10 000 Euro dotiert ist und den diesmal Sunah Choi bekommt. Ihre schöne, skulpturale und von zwei Dia-Karussellen in 160 verschiedene Farben getauchte Arbeit „Skala“ findet sich in einem der imposanten Kirchtürme.

Der versteinerte Wald von Chemnitz

Christiane Möbus, Jahrgang 1947 und bis 2014 Professorin an der Berliner Universität der Künste, wählte für den ebenerdigen Hauptraum neun Werke aus unterschiedlichen künstlerischen Phasen aus. „Holzauktion“ (2018) heißt eine der größten, die sofort auffällt und der Ausstellung auch den Titel leiht. Um leere Stühle gruppieren sich Baumstämme von eigenartiger Konsistenz: Ihre Körper wirken steinern und dennoch viel zu fein, um aus Stein gehauen zu sein. Es sind Fossilien. 290 Millionen Jahre alte Bäume aus dem seit der frühen Neuzeit bekannten „versteinerten Wald von Chemnitz“. Nur 100 Jahre ist dagegen der vorletzte Berliner Bauboom alt, aus dessen Zeiten der Gassenhauer „Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion“ stammt. Das Holz musste weg, Platz für die Villenkolonie im Wald machen – und damals wie heute verdienten einige an der Schaffung edlen Wohnraums richtig gut.

Liebt direkte Reize mit poetischem Kern. Künstlerin Christiane Möbus
Liebt direkte Reize mit poetischem Kern. Künstlerin Christiane MöbusFoto: Wim Cox

„Holzauktion“ mag um einiges subtiler daherkommen als „Männersache“. Aber die Künstlerin legt jede Menge Fährten zur Interpretation. „Auktion“ steht auch auf einem großen Schild, die Stühle suggerieren eine Versteigerung, das Holz wurde bereits an die Meistbietenden verkauft. Und wer Möbus' Liebe zum Wortspiel – Versteigerung/Versteinerung – erst einmal durchschaut, versteht auch die Botschaften der übrigen Arbeiten.

„Sieger“ (2015), das ist ein altes Sportgerät auf langen Holzbeinen, das mit einem Fuß in einem Lorbeerkranz steht. Der Triumph ist flüchtig, seine Zeichen liegen bereits am Boden, der schwere Turnbock hält seinen Fuß darauf. Schwer sind auch die beiden Lkw-Achsen der Arbeit „versetzte Ladung“ (1983), die selbst dem auf Überwältigung ausgelegten Kirchenraum die Show stehen. Allein die vier großen Räder aus schwarzem Gummi bilden einen Kontrast zu den kunsthandwerklichen Pretiosen an den Wänden. Es manifestiert sich der Eindruck von Brutalität. Und brutal ist es auch, von jemandem versetzt zu werden, worauf der doppeldeutige Titel anspielt.

Erinnerung an Verdun

Am meisten muss man wohl über jene Holzkiste wissen, die weit vorn im Altarraum steht. Ein schlichtes Exemplar mit blumiger Dekofolie am Deckel, auf dem wiederum ein Plexiglasschild von Möbus mit nur einem Wort liegt: „Verdun“. Die Künstlerin, die seit ihren Anfängen in den siebziger Jahren mit Kleidung, Tierpräparaten, Fahrzeugen und anderen Alltagsobjekten arbeitet, erinnert hier an jene Schlacht des Ersten Weltkriegs, in der Abertausende französische wie deutsche Soldaten fielen, ohne dass sich die Frontlinie maßgeblich verschob. Bei dem Kasten handelt es sich um die Offizierskiste eines Gefallenen, der seine Habseligkeiten darin aufbewahrte. Die Erben machten daraus dann eine dekorative Truhe.

Diesen transformatorischen Aspekt findet man auch bei Christiane Möbus. Ihre Werke mögen stets direkt sein, haben darüber hinaus aber noch einen Kern, der sie zu poetischen, materialversessenen, die Zeit und ihre Umstände überdauernden Skulpturen macht. Nur so ist zu erklären, weshalb selbst vor Jahrzehnten entstandene Arbeiten wie „versetzte Ladung“ im Museum Nikolaikirche wirken, als hätte Möbus sie gestern erst gemacht.

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Museum Nikolaikirche, Nikolaikirchplatz, bis 25.11., tgl. 10-18 Uhr. Am 1.11. führt Christiane Möbus durch die Ausstellung, am 8.11. Sunah Choi (jeweils 16 Uhr)

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