Haus der Statistik Berlin : Die Zusammenarbeiter

Im „Haus der Statistik“ werden Künstler zu Stadtplanern. Das Modell hat Strahlkraft. Jetzt konkretisieren sich die Pläne und Bürger beteiligen sich.

Der Pilot. Das „Haus der Statistik“ am Alexanderplatz gilt als Referenzprojekt für Kultur, Wohnen und Leben.
Der Pilot. Das „Haus der Statistik“ am Alexanderplatz gilt als Referenzprojekt für Kultur, Wohnen und Leben.Foto: Thilo Rückeis

Das ehemalige Haus der Statistik am Alex ist immer noch eine Ruine ohne Fensterscheiben – und doch Pilotprojekt für eine neue Stadtentwicklung. Eine, bei der nicht nur Politik und Investoren planen, sondern auch Kulturschaffende.

Vor zwei Jahren unterschrieben Künstler und Verwaltung den ersten Kooperationsvertrag. 2019 zogen sogenannte Pioniernutzer ein: nachhaltige Kochkurse, eine Sommerschule, Ausstellungen. Dieses Jahr geht es weiter, noch im Januar startet ein groß angelegtes Upcycling-Projekt. Die Pioniere sollen bis 2021 bleiben – und teilweise dauerhaft einziehen.

Jetzt entscheidet sich, wie das riesige Haus zukünftig aussieht. Am 16. Januar diskutieren Interessierte und Projektverantwortliche über Jugendarbeit. Am 30. Januar wird es noch konkreter: Im ersten ganztägigen „Quartierslabor“ geht es um Mobilität und Energie – mit direktem Einfluss auf das laufende Bauplanverfahren. Und am 13. Februar folgt das nächste Labor zur architektonischen Gestaltung. Interessierte aus der Stadt sind ausdrücklich willkommen, mitzureden.

Ein Banner am Haus markierte die Aneignung

Am Anfang des viel gelobten Pilotprojekts stand ein Akt der Aneignung. Eine Gruppe von Künstlerinnen zog am 16. September 2015 vors Haus. Sie waren als Bauarbeiter kostümiert und hängten an der Fassade ein Banner auf. Das sah aus wie bei einem Immobilienprojekt, aber eigentlich war es Teil einer Kunstaktion ohne Genehmigung. „Hier entstehen für Berlin Räume für Kunst, Kultur und Soziales“, stand da zu lesen. Damals war das eine bloße Forderung der Kulturschaffenden. Heute ist der Raum für günstiges Wohnen und für Kultur offiziell geplant.

Um das zu ermöglichen, kaufte das Land Berlin das Haus der Statistik 2017 der Bundesrepublik Deutschland ab. Kostenpunkt: über 50 Millionen Euro.

„Es war immer unser Wunsch, dass es die Stadt kauft“, sagt Harry Sachs, der damals die Banneraktion mitorganisierte. Das Haus der Statistik ist durch den Kauf auch das Haus der Künstler geworden. Denn Berliner Politik und die Kulturschaffende haben ein einzigartiges Gebilde erdacht, um das Areal zu entwickeln. Da beraten Künstler wie Sachs mit Senatsbaudirektorin Regula Lüscher oder Leuten von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte.

Das Finanzamt Mitte zieht in den Altbau

Eckpunkte sind bereits festgelegt: Den Altbau werden sich das Finanzamt Mitte und die Künstler teilen, ein neues 16-stöckiges Hochhaus wird das Rathaus Mitte beherbergen. 26 000 Quadratmeter neu gebaute, günstige Wohnungen sind geplant. Und 15 000 Quadratmeter Neubau für Kulturinitiativen. Genau wie es die Künstler 2015 forderten.

Der Aktivist und Künstler. Harry Sachs gehört zu der Initiative, die das Haus entwickelt.
Der Aktivist und Künstler. Harry Sachs gehört zu der Initiative, die das Haus entwickelt.Foto: privat

Die Banner-Kunstaktion hatte einen konkreten Anlass: Verdrängung aus der Stadt. „Massiv viele Atelierhäuser wurden zugleich aufgelöst“, erinnert sich Sachs. Da war beispielsweise „Post-Ost“ in Friedrichshain, das heute Büros einer Kreditfirma beherbergt. Da war das Atelierhaus Erkelenzdamm in Kreuzberg – heute sitzt dort der Immobilienkonzern Akelius. Und das Schultheissquartier in Moabit – heute eine Shoppingmall.

Harry Sachs beschloss, dabei nicht länger zuzusehen. Noch immer gab es viele leer stehende Gebäude mitten in Berlin. Das größte und zentralste davon war das Haus der Statistik am Alex. „Ich bin täglich an dem Gebäude vorbeigefahren. Es war naheliegend, dort etwas zu fordern, weil es in öffentlichem Besitz war“, sagt Sachs. Er wusste, dass er bei solchen Immobilien mit Protest mehr bewirken konnte als bei privaten. „Wir wollen zeigen, dass es anders gehen muss“, sagt er. „Am Alex haben wir überall hochpreisige Gewerbemieten.“ Die soll es im Haus der Statistik nicht geben.

Bei der Senatorin kam das Projekt gut an

Dass Politiker die Forderungen einer Kunstaktion umsetzen, ist ungewöhnlich. Aber bei Berlins oberste Stadtentwicklerin Katrin Lompscher (Die Linke) kam die Initiative gut an. „Das ist ein extrem vorbildliches kooperatives Stadtentwicklungsprojekt“, sagt die Senatorin über das Haus der Statistik. Sie empfängt im 14. Stock eines Nachkriegshochhauses am Fehrbelliner Platz. Weit reicht der Blick aus dem Fenster nach Westen, bis zum Teufelsberg.

Lompscher sagt: „Es brauchte den Druck der Zivilgesellschaft. Der ist auch an vielen anderen Stellen außerordentlich hilfreich.“ Der Bund habe 2015 keine Bereitschaft gezeigt, das Haus der Statistik zu verkaufen. Das änderte sich erst nach der Banner-Aktion. „Das Haus ist tatsächlich der Pilot“, sagt die Politikerin. „Eine solche gemeinsame Form der Projektentwicklung hat es vorher noch nicht gegeben.“

Die Senatorin braucht Projekte, wie sie Harry Sachs vorantreibt. Ihre Kritiker geben ihr die Schuld, dass in Berlin zu wenige Wohnungen gebaut werden. „Vor dem Hintergrund des Mietendeckels werden renditegetriebene institutionelle Anleger zurückhaltender“, sagt Lompscher. „Da wir aber Wohnungsbau brauchen, und zwar bezahlbaren, haben wir ein großes Interesse, die Lücke zu füllen.“

Was genau bedeutet Gemeinwohl?

Bauherr der neuen Wohnungen am Haus der Statistik ist die städtische Gesellschaft WBM. Sie ist verpflichtet, günstigen Wohnraum zu schaffen. „Wir wollen aber auch andere Bauherren motivieren, in dem Segment zu bauen, das Berlin wirklich braucht“, sagt Lompscher. „Das können Genossenschaften sein, Syndikate, Baugruppen, natürlich auch Private, die ein nachhaltiges Stadtentwicklungsinteresse haben.“

Harry Sachs und Katrin Lompscher vereint eine Idee: die „gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung“. Immer wieder fällt das Stichwort. Aber was genau bedeutet in diesem Zusammenhang „Gemeinwohl“? Die Senatorin sagt: „Eine Investition soll nicht ausschließlich auf den höchsten Ertrag ausgerichtet sein, sondern einen Beitrag zur gesellschaftlichen Bedarfsdeckung leisten. So ein Bauherr bekommt Fördermittel, muss sich dafür aber auch Regularien unterwerfen.“

Die Stadtentwicklungssenatorin. Katrin Lompscher von Der Linken.
Die Stadtentwicklungssenatorin. Katrin Lompscher von Der Linken.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Lompscher erinnert an den gemeinnützigen Wohnungsbau, wie es ihn hierzulande lange gab. „Den gibt es noch in Österreich und der Schweiz. Für die Gemeinnützigkeit gab es auch in Deutschland eine klare Definition. Die war steuerlich begünstigt und im Gegenzug war die Miete reguliert.“

Und wie funktioniert das Pilotprojekt von Kulturszene und Verwaltung, ein gemeinsames Immobilienprojekt zu managen, bislang? „Ein Erfolgsfaktor ist, dass man sich als gleichberechtigt akzeptiert“, sagt Lompscher. „Man muss sich annähern und ich glaube, dass alle Beteiligten sich in diesem Prozess verändert und aufeinander zubewegt haben.“

Natürlich gibt es Konflikte bei so vielen unterschiedlichen Parteien

Wer mitplanen will, was im Haus der Statistik entsteht, muss zu einem der öffentlichen Beratungstermine kommen. Sie finden gleich dort statt, in einer ehemaligen Fahrradwerkstatt. Da kommen einige Dutzend Menschen zusammen und überlegen bei Gratis-Salzstangen und Bier, wie sie die Erdgeschosse nutzen wollen. Anwohner sprechen sich für Kitas oder frei zugängliche Grünflächen in den Höfen aus. Ein Mann mit Krawatte von der Berliner Immobilienverwaltung BIM erklärt, was bereits verplant ist. „Das Finanzamt hat schon 4000 Meter laufende Akten angemeldet.“

Am Tisch der Künstler einen Raum weiter will man sich von der Verwaltung nicht zu viel vorschreiben lassen. „Wenn das Finanzamt hier überall Foyer will, werde ich mit denen noch mal reden“, sagt einer. Die Nächste freut sich: „Hier müssen wir uns ja nicht nach der BIM richten.“ In einem Prozess mit so vielen verschiedenen Partnern gibt es Konflikte. Harry Sachs sieht sie als Chance: „Es entsteht eine interessante Reibung. Wir lernen daraus.“

Nach der Banneraktion 2015 habe es eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs gegen Harry Sachs gegeben, erzählt er. Der anwesende Polizist sei anschließend noch mal zu ihm gekommen. „Schweinerei, dass die Aktion nicht angemeldet war“, habe er gesagt. Inhaltlich allerdings finde er sie richtig gut.

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