"Herkunft" von Saša Stanišić : Jedes Zuhause ist zufällig

Selbstporträt mit Ahnen: Saša Stanišić erzählt von seiner jugoslawischen Herkunft, seiner Großmutter - und von seiner Ankunft in Deutschland.

Literatur als portative Heimat. Der 1978 im bosnischen Višegrad geborene Schriftsteller Saša Stanišić.
Literatur als portative Heimat. Der 1978 im bosnischen Višegrad geborene Schriftsteller Saša Stanišić.Foto: Katja Sämann/Luchterhand

Als Saša Stanišić mutmaßlich ein letztes Mal seine demente Großmutter in ihrem Pflegeheim im bosnischen Rogotica besucht, um kurz darauf nach Deutschland zurückzufliegen, überlegt er es sich noch einmal anders: „Ich hab vergessen, meiner Großmutter eine gute Nacht zu wünschen.“ Er kehrt wieder zu ihr zurück, und so wie er einen Riesenaufstand am Flughafen von Sarajevo macht, um sein schon verstautes Gepäck zurückzubekommen, so setzt er sein eigentlich schon beendetes Buch „Herkunft“ fort mit einem großen Kapitel, das der „Der Drachenhort“ heißt. Darin überlässt Stanišić den Leserinnen und Lesern, wie der Besuch bei seiner Großmutter und damit sein Buch zu Ende geht: in Form einer literarischen Schnitzeljagd. Unter vielen dieser letzten Seiten hat er Verweise angebracht, wo es am besten weitergeht, wenn man sich für diese oder jene Variante entscheidet: „Taschenlampen-App und ab durch den Wald auf Seite 311“; „Nun hilf ihr doch auf Seite 325, was stehst du hier so rum“ etc.

Es gibt dann zehn Schlussvarianten von „Herkunft“. Darunter jene allerletzte, die beschreibt „wie es wirklich war“ – obwohl selbst dieser zu misstrauen ist, mit dem zu langen Sarg, der bei der Beerdigung der Großmutter nur schief in die Grube passt. Denn Stanišić weist im Verlauf seines Buches einige Male darauf hin, dass er eben ein Geschichtenerzähler ist, kein Wahrheitsfetischist, er womöglich „wegen des Glücks meiner Kindheit in einer Schuld“ stehe, „die ich mit Geschichten begleichen muss.“

„Herkunft“ ist nicht stringent chronologisch erzählt

Man kann nun dieses Ende, diese vielen möglichen Enden von „Herkunft“ etwas albern und angestrengt finden. Der Erkenntnismehrwert bleibt gering, ein literarisches Meisterwerk kann man es genauso wenig nennen. Trotzdem folgt „Der Drachenhort“ der Erzähllogik dieses Buches. Zum einen, weil die Großmutter wegen ihrer Erkrankung nicht mehr weiß, wer sie selbst ist, wer die anderen sind, sie ihre Erinnerungen verliert. Zum anderen weil Stanišić versucht, diese Lücken aufzufüllen, nur unzureichend, wie er weiß. Und er vor allem der eigenen Biografie gerecht werden möchte, was er nicht anders vermag als mit lauter Erinnerungssplittern und kurzen Schilderungen bestimmter Stationen seines Lebens.

Als „Selbstporträt mit Ahnen“ bezeichnet er sein Buch, aber auch als „Scheitern dieses Selbstporträts“. Womit er eingesteht, sich selbst womöglich ebenfalls nur unzureichend auf die Spur gekommen zu sein. Was kein Wunder ist bei einem Leben, das abrupt mit einer Flucht in jungen Jahren unterbrochen wurde, das bislang zwischen Ex-Jugoslawien (alte Heimat) und Deutschland (neue Heimat) verlief. Und mit Eltern, die überdies noch in die USA übersiedeln mussten und inzwischen in Kroatien leben, mit Verwandten in Frankreich und Bosnien, mit in Bosnien verbliebenen oder zurückgekehrten Großeltern und Bekannten.

„Ich bin Jugo und habe in Deutschland trotzdem nie was geklaut"

Insofern ist „Herkunft“ nicht stringent chronologisch erzählt. Saša Stanišić, der 1978 in Višegrad an der Drina als Sohn eines Serben und einer aus einer bosniakisch-muslimischen Familie stammenden Mutter geboren wurde, springt hin und her zwischen den Jahren. Er beginnt zunächst mit seiner Großmutter als kleinem Mädchen und alter Frau, „sie ist siebenundachtzig Jahre alt und elf Jahre alt“; er erzählt, wie er dreißig Jahre später der deutschen Ausländerbehörde einen Lebenslauf schreiben sollte und was er sich da so alles überlegt zu schreiben („Ich bin Jugo und habe in Deutschland trotzdem nie was geklaut, außer ein paar Bücher auf der Frankfurter Buchmesse“, „Großmutter hatte einen goldenen Zahn“ etc); er erinnert sich, wie er 1991 mit seinem Vater drei Monate vor Ausbruch der ersten Kriegshandlungen in Slowenien ein Europapokal-Halbfinale von Roter Stern Belgrad gegen Bayern München besucht und was für unterschiedliche Nationalitäten bei Roter Stern gespielt haben: „Was für eine Mannschaft! So eine wird auf dem Balkan nie wieder möglich sein.“ Und er begibt sich 2009 in einen Ort, der Oskoruša heißt und in dem gerade einmal dreizehn Menschen leben, wenn man so will ist Oskoruša der Urgrund der Stanišić -Sippe.

So wie hier Jahreszahlen und Schauplätze schnell wechseln, zieht Stanišić auch formal viele Register. Er ist mal poetisch, dann wieder ganz sachlich, es gibt fabulierende genauso wie essayistische Passagen, mal sind die Sätze länger, mal in einem kurzen Präsens-Stakkato gehalten, mal hat man den Eindruck, Stanišić schreibe in einem kurzatmig-pointenreichen Twitter-Sound, mehrere Male gibt er einfach nur den Chat von Whatsapp-Dialogen wieder. Stanišić nimmt sich literarisch die Freiheit, die er in seinem wirklichen Leben oft nicht hatte. 

Denn was blieb ihm übrig mit seinen 14 Jahren, als zunächst mit seiner Mutter aus Višegrad zu flüchten und in dem Heidelberger Hochhaus-Suburb Emmertsgrund zu landen? Und an wie viel anderen losen Fäden sein Schicksal noch hing, wie fremdbestimmt es war! Anders als seine Eltern aber hatte er das Glück, in Deutschland bleiben zu dürfen, weil ein Sachbearbeiter der Ausländerbehörde in Heidelberg „mehr als nur Dienst nach Vorschrift tat“ und diesem eine Immatrikulationsbescheinigung genügte. Ein paar Jahre später erteilte eine Sachbearbeiterin dieses Mal der Ausländerbehörde in Leipzig Stanišić eine allein an seine „selbstständige Tätigkeit als Schriftsteller“ gebundene Aufenthaltserlaubnis, nachdem er den Vertrag für seinen ersten Roman vorgelegt hatte: „Ich durfte sonst nichts arbeiten. Das passte gut. Ich wollte auch nichts anderes arbeiten.“

Was Stanišić in den neunziger Jahren erlebt hat, geht den allermeisten Geflüchteten heute genauso

Immer wieder umkreist der inzwischen in Hamburg lebende Schriftsteller die Frage nach der Herkunft, die Tatsache, zunächst überall ein Niemand zu sein, was es bedeutet, nicht mehr dahin zu gehören, wo man herkommt – aber eben auch nicht dort, wo man sich gerade befindet: „Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann.“

Marcel Reich-Ranicki hat einmal gesagt, die Literatur sei seine portative Heimat. Nicht viel anders dürfte das bei Stanišić sein, wenn er von der „ARAL-Literatur“ schreibt: von den Treffen an der Tankstelle mit den Freunden aus zahlreichen Ländern, denen es wie ihm ging – und wo Erzählen das oberste Gebot war. Alles andere spielte eine Nebenrolle. Oder wenn er von den wenigen Menschen spricht, die ihn zur Literatur gebracht haben, hier ein Lehrer, dort der Vater eines Freundes.

Die stärksten, berührendsten, auch witzigsten und sowieso reflektiertesten Passagen dieses Buches sind die, da Stanišić von der Ankunft in Deutschland erzählt, von seinem Heranwachsen, den Begegnungen, von den paar guten Erfahrungen und den vielen Diskriminierungen (wie „Wanderer die Wanderstempel“ habe er die gesammelt). Was Stanišić in den neunziger Jahren erlebt hat, geht den allermeisten Geflüchteten heute genauso.

Die Großmuttergeschichten fallen dagegen etwas ab. Es fehlt ihnen das zwingend Erzählte, sei es die mit der Zahnbürste, die sie partout nicht austauschen lassen will. Oder die mit dem Pfirsich, den sie isst, ohne dem Totengräber etwas abzugeben, seien es die am Ende. Es wirkt bisweilen, als würde selbst ein Fabuliermeister wie Stanišić nicht gegen die deprimierende Demenz ankommen, als lasse sich aus ihr kein poetischer Funken schlagen (wie ja überhaupt aus schweren Krankheiten). Zumal man sich gerade in den Abschnitten über den Ort und die Gegend seiner Kindheit oft an Stanišić autobiografisch grundierten Debütroman „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ erinnert fühlt – nur waren dessen Geschichten schöner, vielleicht unter dem betont fiktiven Deckmantel unbeschwerter erzählt. Trotzdem bezieht „Herkunft“ gerade seinen Reiz daraus, dass es nicht aus einem Guss ist. Wie soll das auch anders sein bei so einem Leben?

Saša Stanišić:Herkunft. Luchterhand Literaturverlag, München 2019. 356 S., 22 €.

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