„Howl“ in der Volksbühne : Allen Ginsberg als Herbstsonate

„Howl“ ist eine Hymne der Beat-Generation. An der Volksbühne überträgt Regisseur David Marton das Gedicht auf die Bühne. Ein Herbstgesang

Organisiertes Durcheinander. Jan Czajkowski, Hassan Akkouch (oben) und Marie Goyette in „HOWL“ nach Allen Ginsberg.
Organisiertes Durcheinander. Jan Czajkowski, Hassan Akkouch (oben) und Marie Goyette in „HOWL“ nach Allen Ginsberg.Foto: David Baltzer

Es beginnt mit einer Kaffeemühle. Die Schauspielerin Silvia Rieger, noch aus dem Ur-Ensemble der Volksbühne, mahlt Kaffeebohnen wie verrückt und völlig überdreht. Und die Drehbühne beginnt sich zu drehen, mit all dem Krimskrams und den halbfertigen Bauten, die da herumstehen. Es beginnt mit einem feierlichen Klavierstakkato auf zwei Instrumenten, und im Hintergrund beginnt jemand immer heftiger auf die Pauke zu hauen.

Es beginnt damit, dass der Performer Sir Henry, wie ein Geschäftsmann von früher gekleidet und einer der Pianisten, die „Footnote“ von Allen Ginsbergs Monster-Gedicht „Howl“ rezitiert. Es beginnt also mit dem Ende, in dem alles „Holy, holy, holy“ ist, geheiligt sei die ganze Welt. Die ganze Riesenmolochscheiße, die Ginsberg in seinem 1956 veröffentlichten Früh- und Hauptwerk im Stil eines Walt Whitman besingt und verflucht.

„Howl“ ist die Hymne der Beat-Poesie, und diese Schlammlawine von Drogen, Sex, Religion, Alltag und Poesie würde bald dann auch einen Bob Dylan gebären und viele andere Musiker und Poeten der Rockmusik, die sich mit Ginsbergs und auch Jack Kerouacs literarischer Revolution verbinden.

Regisseur David Marton und seine Volksbühnen-Truppe machen aus Ginsbergs überwältigender Rhapsodie einen musikalischem, ja fast tänzerischen, schwebenden Abend von novemberlich-melancholischer Qualität. Man fühlt sich angehoben und davongetragen.

Der Text und seine Rhythmen sind in die Performance auf der sich drehenden Bühne diffundiert. Immer mal wieder blitzen Vers-Fragmente auf, aber es ist keine Textveranstaltung. Und wenn Silvia Rieger aus vollem Hals dann Ginsberg deklamiert, kann man auf die Idee kommen: Es geht auch ohne Aufsagen.

Ginsbergs USA der Fünfzigerjahre münden in organisiertem Durcheinander

Wie will man solche Satzkaskaden schauspielerisch bewältigen? Berühmt ist der Beginn des Poems: „I saw the best minds of my generation f'destroyed by madness ...“. Davon hier nichts.

Ginsbergs USA der Fünfzigerjahre, der Nachkriegstraumata, des verlogenen Wohlstands, der McCarthy-Ausschüsse, der beginnenden Befreiung aus all dem auch – das mündet bei Marton in eher stiller Verzweiflung und organisiertem Durcheinander, in der die Klischees dann doch noch kommen. Der dicke Polizist, ein Wiedersehen mit Hendrik Arnst, auch er schon seit Jahrzehnten ein Castorf-Akteur, die Dollarscheine, die verbrannt werden ...

Und wie soll auch eine über sechzig Jahre alte Dichtung befragt werden zu dem Amerika von heute, falls es darum überhaupt gehen soll? Wie angenehm denn, dass Martons „Howl“-Variationen in eine andere Richtung gehen. In Paul Brody wunderbar zartem Trompetenspiel, das dennoch kraftvoll führen kann, verschafft sich die Einsamkeit des Dichters Gehör.

Bei Ginsberg denkt man erst einmal an Jazz, an harte, schroffe Klänge, Großstadtfieber. Hier aber – und auch das findet sich bei dem 1997 verstorbenen Beat-Guru – schmiegt sich das Lied in die Klage, die Elegie und religiöse Tonalität. Wegen „Howl“ wurde der Verleger Lawrence Ferlinghetti verhaftet, Ginsbergs Dichtung provozierte eine Auseinandersetzung darüber, was Kunst sein und sagen darf.

In der Volksbühne findet eine Übertragung statt

In Filmen fällt auf, wie weich und angenehm Ginsbergs Stimme klang, er war ein großer Vortragskünstler, und die Humanität, die er ausstrahlte, schien im krassen Gegensatz zu der von vielen als obszöne empfundenen Literatur zu stehen, die er so einflussreich verbreitete.

Wenn man all das nicht weiß, kaum von einem Allen Ginsberg gehört hat? Dann ist es klar, dass an der Volksbühne etwas Anderes stattfindet, eine Übertragung, bei der man den Ausgangspunkt kaum mehr erkennt. David Marton und seine Musiker-Schauspieler-Performer bewegen sich schlafwandlerisch durch eine Welt, die die irgendwo vor oder nach einer Apokalypse liegt.

Sie führen in knapp anderthalb Stunden ein durchaus feierliches Herbst-Oratorium auf, das die Seele wärmen kann. Nur weiß man nicht, wer die da sind, die Versprengten, was wie umtreibt und quält. Spürbar aber ist bei all diesen Umdrehungen die Sehnsucht nach etwas Erlösendem - nachdem sie sich schon von einem harten, enigmatischen, kaum zu beherrschenden Text befreit haben, der in einer Zeit entstand, als die USA ihren eigenen Horizont verfinsterten und nach dem Korea-Krieg alsbald in Vietnam landen würden.

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