• "Il trovatore" an der Staatsoper: Treibhaus der Gefühle: Netrebko und Domingo in Berlin

Die Bühne ist ein halb aufgeschnittener Würfel

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"Il trovatore" an der Staatsoper : Treibhaus der Gefühle: Netrebko und Domingo in Berlin
Traumpaar mit Rüschen. Anna Netrebko und Placido Domingo.
Traumpaar mit Rüschen. Anna Netrebko und Placido Domingo.Foto: Jörg Carstensen/dpa

Marina Prudenskaya als Azucena ist die Einzige aus der Ursprungsbesetzung (Stölzls Inszenierung kam im Mai bei den Wiener Festwochen heraus), die jetzt auch in Berlin singt, und sie schafft es, das hervorragende Niveau vom Frühjahr zu halten, singt sich ihre vor lauter Visionen, Scheiterhaufen und verbrannten Kindern irre gewordene Seele aus dem Leib. Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle – es ist für ihn, wie für Netrebko und Domingo, ein Debüt, der erste „Trovatore“ – scheint sich im Jubiläumsjahr nicht ganz entscheiden zu können, ob er Verdi oder Wagner dirigiert. Einmal zieht er das Tempo enorm an, schärft die Musik so prägnant, wie es dieser singulären Partitur zukommt. Dann lässt er, ebenso unerwartet, die Zügel los, zerdehnt die Zeit, als seien wir im zweiten Aufzug der „Walküre“. Was aber bei einem dermaßen disparaten Werk den Reiz nur erhöht.

Denn bekanntlich wird hier nur vordergründig eine kohärente Geschichte erzählt, während wir eigentlich schlaglichtartig Zeugen werden von lauter deformierten Charakteren, keine Menschen mit Seele, Sinn und Verstand, sondern Archetypen, heillos verstrickt in eine schlimme Vergangenheit, die zwar den grausigen, alles dominierenden Kern der Oper bildet, selbst aber abwesend ist und immer wieder nur in Erzählungen durchscheint – gleich zu Beginn in Ferrandos (kernig: Adrian Sâmpetrean) Racconto oder später in Azucenas „Stride la vampa!“.

Regisseur Stölzl, an Film- und Videoclipästhetik geschult, zwingt nicht herbei, was nicht da ist, sondern präsentiert die Bruchstücke offen, bloß, grell. Die Bühne: ein zur Hälfte aufgeschnittener Würfel, Sinnbild der Ausweglosigkeit, geistiges Gefängnis, das sich zwar durch Türen und Luken immer mal wieder kurzzeitig öffnet (Bühne: Conrad Moritz Reinhardt und Philipp Stölzl), das aber Freiheit und Erlösung nur vorgaukelt: durch Videoprojektionen, die sich ins Weltall oder wahlweise ins Unbewusste öffnen, Freud und Dalí stehen Pate. Der Boden: schief, nein – steil. Jeder, der hier agiert, kann abrutschen, immer. Die Staatskapelle hat sich ein Netz über den Graben spannen lassen und zeigt sich damit deutlich weniger mutig als ihre Wiener Kollegen vom ORF-Radiosymphonieorchester, die die Gefahr aushielten, dass ihnen tatsächlich etwas auf den Kopf fallen könnte.

Noch etwas ist anders als in Wien. Stölzl wollte das Werk ursprünglich als Comic inszenieren – mit expressiven Gesten, weit aufgerissenen Fratzen, gefrorenen Tableaus und Zeitlupentempi. Ein Konzept, das nur in den Massenszenen funktioniert, sich aber seit Wien schon abgeschliffen hat. Weil beim Staatsopernchor nicht alle mit der gleichen Intensität und Leidenschaft mitmachen. Und weil die Solisten gleich völlig auf diese Ästhetik verzichten. Dafür aber eine andere Form des Ausdrucks finden. Im letzten Bild: die vier Protagonisten, Leonora, Manrico, Luna, Azucena, verknäult zu einem Haufen Elend, vier zerbrechliche Menschen, die eine erbarmungslose Vorgeschichte nicht losgelassen hat. Zwei von ihnen: tot. Luna singt, mit innigster Verzweiflung: „Und ich lebe noch!“ Man weiß nicht, was schlimmer ist.

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