Immaterielles Kulturerbe : Wie steht es um die deutsche Orchesterlandschaft?

Die deutsche Orchesterlandschaft soll Immaterielles Kulturerbe werden. Sie ist vielfältig wie keine andere, doch gerade in den neuen Bundesländern leidet sie unter Sparmaßnahmen.

Musiker der Brandenburger Symphoniker. In den neuen Bundesländern werden Orchestermitglieder oft unter Tarif bezahlt.
Musiker der Brandenburger Symphoniker. In den neuen Bundesländern werden Orchestermitglieder oft unter Tarif bezahlt.Foto: picture alliance / dpa / Jens Kalaene

Bei der deutschen Unesco-Kommission brüten sie gerade über dem Dossier zur bundesrepublikanischen Theater- und Orchesterlandschaft. Die soll nämlich in die internationale Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen werden. Jährlich werden hierzulande mehr als 120 000 Bühnenaufführungen und 9000 Konzerte angeboten – eine größere, staatlich unterstützte Vielfalt kann weltweit keine andere Nation bieten. Noch im Frühjahr wird die Bewerbung in Paris am Sitz der Unesco eingereicht, welche Kandidaten dann tatsächlich Aufnahme in die Liste finden, im Winter 2019 entschieden.

In der Tat ist es immer wieder verblüffend, wo überall in Deutschland die Musik spielt, wo ganzjährig Klassikensembles eine Grundversorgung mit Bach, Beethoven und Co. gewährleisten. Da ist die Bad Reichenhaller Philharmonie, da sind die Lüneburger Symphoniker oder auch die Bergischen Symphoniker aus Remscheid/Solingen, da gibt es die Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach, die Meininger Hofkapelle, das Preußische Kammerorchester Prenzlau und, und, und. Von Aachen bis Wuppertal gibt es 9746 Planstellen in 129 Orchestern. Und einen Flächentarifvertrag.

Der allerdings, beklagt die Deutsche Orchestervereinigung, die Gewerkschaft der Musikerinnen und Musiker, wird zu oft ausgehöhlt. Durch „Notlagen-Verträge“, wie DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens das nennt: Wenn eine Kommune ihrem Orchester Sparvorgaben macht, entscheiden sich die Mitarbeiter häufig, auf einen Teil ihres Gehaltes zu verzichten – um so einen Stellenabbau zu verhindern. Bis zu 30 Prozent beträgt der Lohnverzicht bei einigen Orchestern. Damit müsse in Zeiten prosperierender Wirtschaft und sprudelnder Steuereinnahmen Schluss sein, fordert die Gewerkschaft.

Ein Unternehmer hat sich sein eigenes Orchester angeschafft

39 Ensembles haben derzeit „Notlagen-Verträge“, 27 davon arbeiten in den neuen Bundesländern. Das Gebiet der ehemaligen DDR war seit der Wende auch besonders massiv von Sparmaßnahmen betroffen. 38 Prozent der Stellen wurden seit 1992 dort abgebaut, im Westen waren es lediglich 7,2 Prozent. Immerhin werden die 52 Mitglieder des LOH-Orchesters Nordhausen/Sondershausen seit 2017 wieder nach dem Flächentarifvertrag bezahlt. Und in Mecklenburg-Vorpommern ist die aberwitzige Idee vom Tisch, die bis zu 130 Kilometer voneinander entfernten Bühnen in Greifswald, Stralsund, Neubrandenburg und Neustrelitz zu einem Staatstheater Nordost zwangszufusionieren. In Sachsen-Anhalt dagegen werden vier der fünf Orchester weiterhin unter Flächentarif bezahlt.

Ganz andere Töne kommen aus dem reichen Baden-Württemberg: Dort hat sich jüngst ein Unternehmer tatsächlich sein eigenes Orchester angeschafft. Zu privaten Repräsentationszwecken. Der mäzenatisch höchst aktive Schraubenhändler Reinhold Würth bezahlt die 15 Profimusiker der Würth Philharmoniker durchaus fürstlich, wie DOV-Geschäftsführer Mertens anerkennend registriert. Und den dazugehörigen 580-Plätze-Konzertsaal im Carmen Würth Zentrum am Firmensitz Künzelsau hat er sich von keinem Geringeren entwerfen lassen als vom Stararchitekten David Chipperfield. Das klingt dann doch eher nach dem sehr materiellen Mäzenatentum amerikanischer Großindustrieller von Rockefeller bis Carnegie als nach Immateriellem Kulturerbe.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben