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Den Saal gerockt. Das Trio Hewar mit Kinan Azmeh (Klarinette) bestritt das erste arabische Konzert im Pierre Boulez Saal am 24. März 2017.

© Maik Reichert

Barenboim-Said Akademie: In der Musik gibt es keine Grenzen

Eine Begegnung mit dem Klarinettisten Kinan Azmeh, der sich selbstbewusst zwischen den kulturellen Welten bewegt.

Während der „Klarinettennacht“ im Pierre Boulez Saal vor einigen Monaten spielte Kinan Azmeh sein Stück „Prayer – Tribute to Edward Said“. Inmitten scharf profilierter, klug strukturierter Avantgarde-Kompositionen von Strawinsky und Boulez, Jörg Widmann, Gerhard Winkler und dem „New York Counterpoint“ von Steve Reich erhob sich plötzlich eine weiche, fließende Melodik, ein ferner Ruf, eine Meditation. Ein bisschen vielleicht an die Hirtenmusik Debussys „Syrinx“ erinnernd und, nun ja, auch „irgendwie orientalisch“.

Als Solist und Ensemblemusiker tritt Kinan Azmeh in den großen Musikzentren der westlichen Hemisphäre auf, aber auch in Jordanien und Libanon. In Berlin war er zuletzt mit dem Syrian Expat Philharmonic Orchestra zu hören, er spielte unter anderem auch mit dem New York Philharmonic, dem Orchester des Bayerischen Rundfunks und mit Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, dem er eine Zeitlang auch als Mitglied angehörte.

Es gibt keine klare Linie, die Orient und Okzident trennt

In vier eigenen Formationen widmet er sich ebenso Jazz und Klassik wie einer experimentell verstandenen arabischen Tradition, mischt diese Elemente in eigenen Kompositionen, in denen improvisatorische mit festgelegten Anteilen wechseln. Ein so vielseitiger Künstler wird gern als „Vermittler zwischen den Kulturen“, wenn nicht gar als „Wanderer zwischen zwei Welten“ bezeichnet. Doch dagegen verwahrt sich der 41-jährige Syrer vehement: „Ich glaube nicht, dass das zwei Welten sind. Ich glaube, dass alles ein Kontinuum ist. Es gibt keine klare Linie, die Orient und Okzident trennt. Ebenso denke ich mir die Musik als etwas Einheitliches, ich glaube nicht, dass es eine wirkliche Trennlinie gibt zwischen einem Interpreten, einem Komponisten und einem Improvisator.“

Azmeh erinnert an die großen Symbolfiguren der Klassik, etwa an Mozart, der mehrere Soloinstrumente virtuos beherrschte. Wichtig sei allein, was man zu sagen habe: „Dann kommt es nicht darauf an, ob ich eine Brahms-Sonate spiele oder eine verrückte Jazzmelodie oder arabische Musik – alles verlangt nach der gleichen Sensibilität, es ist alles gleich empfindlich, braucht Kenntnisse und Training.“

"Ich bin mit Beethoven und Brahms aufgewachsen"

Spezialistentum erteilt Azmeh eine Absage, obwohl ihm bewusst ist, dass jede Musiksprache ihr eingehendes Studium verlangt. Doch sein kultureller Hintergrund scheint seine „polyglotten“ Fähigkeiten begünstigt zu haben. In Damaskus wurde er in einem weltoffenen, kulturell interessierten Elternhaus geboren. „Mein Vater ist Ingenieur und meine Mutter Ärztin. Sie sind keine professionellen Musiker, aber jeder in der Familie spielte ein Instrument. Wir pflegten unseren Gästen vorzuspielen, meine Eltern, meine Schwester und ich.“

Kinan lernte hier seine Begeisterung mit anderen zu teilen, mit einem Publikum zu kommunizieren. Der Vater legte für die Kinder Schallplatten auf und gab dabei vor, der Dirigent zu sein – Mussorgskys „Nacht auf dem kahlen Berge“ begründete so die frühe Faszination des Sohnes von Orchestermusik. Von der Violine – dem Wunschinstrument der Eltern – wechselte er später zur Klarinette, studierte am Arabischen Konservatorium von Damaskus und ließ sich zugleich an der Universität zum Elektroingenieur ausbilden. Bei seinen späteren Elektronikexperimenten tat ihm das gute Dienste.

Später studierte er in New York an der Juilliard School und erwarb seinen musikalischen Doktorgrad an der dortigen City University. Er erhielt also eine durch und durch klassische Ausbildung. „Ich bin mit Beethoven und Brahms aufgewachsen“, kommentiert er lächelnd das Erstaunen des naiven Europäers über die Selbstverständlichkeit abendländischer Kultur in seinem Heimatland vor dem Bürgerkrieg. Doch in seinem Alltag war er einem kulturellen Mix ausgesetzt: „An einem Nachmittag höre ich ,Die Nacht auf dem kahlen Berge’, fünf Minuten später höre ich traditionelle Musik im Bus, mit dem ich zur Schule fahre. So bin ich gewöhnt, viele unterschiedliche Dinge anzuhören und lasse mich inspirieren von allem, was ich höre.“ Gerade Syrien war stets ein Schmelztiegel der Kulturen; zwischen Euphrat und Tigris trafen Armenier, Kurden, Jesiden, Assyrer und Beduinen aufeinander.

Traditionen sollen inspirieren, aber nicht begrenzen

Weltbürger. Kinan Azmeh, geboren in Damaskus, lebt in New York.

© A. Esperanza

Durch die Einbeziehung der Klassik sind die zu hörenden Gegensätze weitaus größer als bei uns, denn europäische und arabische Musik sind eigentlich unvereinbar. Bei uns ist die Oktave in zwölf Halbtöne geteilt, zwischen denen es keine Übergänge gibt. Eine Leistung der „wohltemperierten“ Stimmung zu Bachs Zeiten, welche die Modulation auch zwischen den entferntesten Tonarten überhaupt erst ermöglicht und auf der unser harmonisches System beruht. Bei der arabischen Musik dagegen sind Melodie und Rhythmus weitaus wichtiger, die Harmonie spielt eine eher untergeordnete Rolle. Zentrales Element ist der Maqam, ein in Vierteltönen gehaltenes Skalensystem, das bestimmte Melodiefolgen gesellschaftlichen Anlässen und Gemütszuständen zuordnet. Feste Grundmuster werden improvisatorisch ausgefüllt; es gibt Hunderte von Abwandlungen.

Die Bewegungsabläufe sind auf charakteristische Weise gegliedert und spielen sich zwischen einem Grund- und einem Zentralton ab. Am ehesten ist ein Maqam mit unseren mittelalterlichen Kirchentonarten oder Modi vergleichbar, oder auch mit dem indischen Raga. Überhaupt entspricht die arabische Tradition eher der viel gesellschaftlicher ausgerichteten Musik des europäischen Mittelalters als der späteren im Konzertsaal zu genießenden Tonkunst: Lieder und Tänze zur Hochzeit, Geburt und Beerdigung, zu religiösen Festen und zur Erntezeit, und das nicht nach den komplizierten Regeln unserer Mehrstimmigkeit, sondern melodiebetont, mit weitgehend einheitlich gerichtetem Stimmverlauf – in ihren feinen Abstufungen aber womöglich komplexer und schwieriger wahrzunehmen. „Mittelalterlich“ mutet für den europäischen Blick auch das Instrumentarium an: die Kurzhalslaute Oud, die einsaitige Geige Rababa, die Rohrflöte Nei sowie mit der Hand geschlagenen Darabukken und Rahmentrommeln finden ihre Verwandten bei unseren alten Fiedeln und Pfeifen. Die Klarinette gehört übrigens nicht dazu, sie ist, wie Azmeh erzählt, über den Süden der Türkei nicht hinausgekommen. Das heißt aber nicht, dass man keine arabische Musik darauf spielen kann.

Die Kultur ist ein gemeinsames Erbe

Was in zu großer Gegensätzlichkeit problematisch erscheinen mag, sieht Kinan Azmeh als Chance. Je mehr man von einem System weiß, desto kreativer kann man auch mit dem anderen umgehen. „Wenn du die Grundlagen der klassischen Musik lernst, etwa der Harmonie, dann wird dir das auch Informationen über Musik ohne Harmonie geben. Wenn du gut improvisieren kannst, wird dir das ungeheuer helfen, geschriebene Noten zu spielen, weil du auf freiere Weise über die Musik nachzudenken beginnst. Bei all diesen Möglichkeiten kommt es darauf an, seine eigene Stimme zu finden.“

Azmeh will sich dabei nicht einfach Traditionelles „ausborgen“, sondern eigene Umsetzungen finden. „Traditionen sollen mich inspirieren, aber nicht begrenzen. Und meine Tradition ist eben auch die klassische Musik, das, was ich gelernt habe. Im Moment lebe ich in New York, der Hauptstadt des Jazz. So vereinige ich diese Welten, und ich sehe es als meine Aufgabe an, die Grenzen zwischen den Genres zu verwischen.“ Das unternimmt er mit der Kinan Azmeh City Band, „einem arabisch improvisierenden Jazz-Quartett“, dem Hewar Trio (der Name steht für Dialog) und seinem Duo mit dem Pianisten Dinuk Vijeradne, der aus Sri Lanka stammt und in Kanada lebt. Sie spielen ausschließlich eigene Kompositionen, raffinierte Vernetzungen von Ererbtem und neu Gefundenem.

So wird der dritte von Béla Bartóks Rumänischen Volkstänzen durch kräftig angeschlagene Klavierquinten unversehens wieder zum Stampftanz mit meditativ hauchender Klarinettenmelodie, geht in orientalische Melismen über zu gezupften Klaviersaiten, die einen Sound zwischen Sitar und Rahmentrommel hervorbringen. Bartók macht sich so auf den Weg von Siebenbürgen ins Zweistromland, und Azmehs These, dass die Kultur ein gemeinsames Erbe ist, das allen gehört und für das alle verantwortlich sind, wird zwingend erlebbar.

Azmeh arbeitet gerade an einem Streichquartett, einem Liederzyklus und an einer Mixed-Media-Produktion, zum Exilthema. Denn weil für Azmeh alles zusammenhängt, gelten gleiche Kriterien für das Musikalische und für das Nicht- Musikalische: Offenheit, Kritikfähigkeit, Engagement. Musikmachen ist für ihn ein Akt der Freiheit. Daniel Barenboim ist ihm da durchaus Vorbild.

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